Ich entscheide mich für Optimismus

Ich wette, Sie wundern sich über den Titel dieses Artikels

Ich entscheide mich für Optimismus

Foto: Pixabay.com / Fotorech

Hat Blumner den Verstand verloren? Weiß sie nicht, dass die Welt in Flammen steht und der Autoritarismus auf dem Vormarsch ist, auch in den Vereinigten Staaten? Hat sie die Warnungen vor dem globalen Klimawandel und die Folgen, die wir in Echtzeit erleben, nicht gesehen? Weiß sie nicht, dass der christliche Nationalismus die Republikanische Partei weitgehend übernommen hat und dass die aufklärerischen Werte der Freiheit der Forschung, der Toleranz und der Vernunft sowohl von der politischen Rechten als auch in besorgniserregendem Maße von der politischen Linken bedroht werden?

Ja, ich weiß. Es ist nicht schön. In einem begrenzten Zeithorizont betrachtet, sehe ich die Dinge auch düster.

Aber ein Interview mit dem britischen Physiker David Deutsch über die „Unendlichkeit des Fortschritts“ in der Online-Ausgabe des Spiegel International hat mich daran erinnert, warum Optimismus in Bezug auf die Zukunft wichtig ist.[1] Darin sagt er, dass sich das Leben der Menschheit mit dem Aufkommen der Aufklärung im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert enorm verbessert hat. Warum hatte dieses Gedankengut eine so transformierende und dauerhafte Wirkung? Deutsch sagt, der Schlüssel dazu sei rationaler Optimismus.

Es war der Optimismus, durch den die Wissenschaft an Fahrt aufnahm. In unserer heutigen Kultur ist es tief verwurzelt, dass Menschen beanstanden, wenn sich etwas zum Schlechten verändert. Weil sie davon überzeugt sind, dass das Problem lösbar ist und die Situation deshalb wieder verbessert werden kann. Diese Einstellung ist neu. Die meiste Zeit der Geschichte haben die Menschen gedacht: „Die Welt ist schlecht und meistens wird sie noch schlechter.“

Mit anderen Worten: Die Menschen sahen sich nicht mehr als bloße Schachfiguren der Götter. Sie konnten die Logik und die wissenschaftliche Methode anwenden und Dinge, die schlecht, falsch oder tödlich waren, tatsächlich in Ordnung bringen. Das ist unser Erbe, und zwar ein unbezahlbares Erbe. Uns wurden Werkzeuge gegeben, keine Antworten. Aber diese Werkzeuge, wenn sie richtig eingesetzt werden, verändern das Leben der Menschen.

Und was ist der Kern dieser rationalen Form des Optimismus? Es ist kein sonniges Gemüt oder ein fröhliches Gefühl, dass alles gut werden wird, weil wir einige gute Leute haben, die an unseren Problemen arbeiten. Es ist vielmehr eine Wertschätzung dafür, wie weit wir gekommen sind und wie viele Fortschritte wir gemacht haben. Wir haben allen Grund, optimistisch zu sein, denn es gibt Beweise, die das belegen. Nach fast allen Maßstäben für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen leben wir in der besten aller Zeiten.

Wertschätzung und ihr naher Verwandter, die Dankbarkeit, sind etwas, das wir heutzutage viel mehr benötigen. Aber unsere Dankbarkeit gilt nicht dem Himmel, der uns Glück schenkt. Sie gilt den zahllosen positiven Veränderungen und Fortschritten, die Wissenschaft, Technologie und eine humanistische Revolution in unserem Denken über das Individuum und die Menschenwürde hervorgebracht haben und die zu einem besseren Leben für praktisch alle Menschen überall auf unserem Planeten geführt haben. Es ist nicht perfekt, nicht überall gleich gut und nicht frei von Elend oder Rückständigkeit, aber alles in allem, ist das Leben heute im Vergleich zu vor hundert oder sogar fünfzig Jahren besser. Es ist viel, viel besser.

Jeder sollte Steven Pinkers meisterhaftes Werk „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ und seine brillante Antwort auf die Kritiker des Buches in seinem langen Essay „Enlightenment Wars: Some Reflection on 'Enlightenment Now' One Year Later“ lesen.[2] So beschreibt Pinker, warum es für uns wichtig ist, den menschlichen Fortschritt ehrlich zu beziffern. Das klingt sehr ähnlich wie Deutschs Beschreibung der Bedeutung von rationalem Optimismus:

Wenn man glaubt, dass alle Bemühungen der Menschheit, die Welt zu verbessern, gescheitert sind, dass alles eitel ist, dass es immer Arme geben wird und dass die besten Pläne von Mäusen und Menschen immer schiefgehen, dann ist die passende Reaktion, dem guten Geld kein schlechtes mehr hinterzuwerfen und das Leben zu genießen, solange man es noch kann. Wenn Sie glauben, dass die Dinge nicht schlimmer sein könnten und dass alle unsere Institutionen versagen und nicht mehr zu reformieren sind, dann ist die passende Reaktion, das Imperium niederzubrennen, in der Hoffnung, dass alles, was aus der Asche aufsteigt, besser sein wird als das, was wir jetzt haben. Oder einen starken Mann zu ermächtigen, der verspricht: „Nur ich kann es in Ordnung bringen“ und versucht, das untergehende Land wieder groß zu machen. Wenn aber die Anwendung von Vernunft und Wissenschaft in der Vergangenheit zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen erfolgreich war, wenn auch nur bruchstückhaft und unvollständig, dann besteht die passende Reaktion darin, unser Verständnis der Welt zu vertiefen und unsere Institutionen zu verbessern und zu mobilisieren, damit es noch mehr Menschen besser geht.

Wie Pinker in seinem Essay anmerkt, gibt es einen Grund, warum Präsident Barack Obama in seiner Eröffnungsrede vor der Abschlussklasse der Howard University, einer historischen schwarzen Universität, den im Hier und Jetzt sichtbaren Fortschritt nachdrücklich verteidigte:

Wenn Sie sich einen Zeitpunkt in der Geschichte aussuchen müssten, an dem Sie geboren werden könnten, und Sie wüssten im Voraus nicht, wer Sie sein würden - welche Nationalität, welches Geschlecht, welche Rasse, ob Sie reich oder arm, schwul oder heterosexuell sein würden, in welchen Glauben Sie hineingeboren würden, dann würden Sie nicht die Zeit vor 100 Jahren wählen. Sie würden sich nicht für die fünfziger, sechziger oder siebziger Jahre entscheiden. Sie würden sich für das Jetzt entscheiden.

Obama hat natürlich Recht, aber er impliziert, dass sich die Lage nur für Gruppen wie Frauen, Farbige und LGBTQ-Personen, die früher diskriminiert wurden, verbessert hat. Tatsache ist, dass auch weiße Männer das einundzwanzigste Jahrhundert der Vergangenheit vorziehen sollten. Weiße Männer in den Vereinigten Staaten hatten 1960 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 67,4 Jahren, die 1970 auf 68,0 Jahre anstieg. Im Jahr 1990 lag sie bei 72,7 Jahren, und im Jahr 2015 erreichte sie 76,6 Jahre. Dieser ununterbrochene Fortschritt hat sich in den letzten Jahren etwas umgekehrt, aber die Lebenserwartung weißer Männer ist heute immer noch besser als in den 1990er Jahren.

Im Jahr 1950 hatten die amerikanischen Häuser eine durchschnittliche Größe von 91 Quadratmetern; bis 2014 hatte sich diese Größe auf 247 Quadratmeter fast verdreifacht. Heute sind 91 Prozent unserer Wohnungen klimatisiert. Wer möchte schon in eine Welt zurückkehren, in der es noch keine Smartphones, kein GPS, kein Online-Streaming, keine Airbags in Autos und keine modernen medizinischen Errungenschaften gab?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als man in der Lage sein musste, tonnenweise Druckfarbe zu kaufen oder einen Fernsehsender zu besitzen, um etwas zu produzieren, das Millionen von Menschen lesen oder sehen konnten? Jetzt hat jeder, der über WiFi verfügt, die potenzielle Reichweite der New York Times, eine unermessliche Möglichkeit der Selbstdarstellung.

Und ich bin bereit zu wetten, dass ein großer Prozentsatz der weißen Männer (und alle anderen auch) nicht in eine Zeit zurückkehren möchte, in der staatliche Strafgesetze unverheirateten Menschen den Geschlechtsverkehr untersagten - Gesetze, die bis 2003 noch in Kraft waren.

Einer der Gründe, warum der Fall Roe v. Wade[3] so verheerend für unser aller Leben ist, Frauen wie Männer, ist, dass er die schlechten alten Zeiten wieder aufleben lässt, in denen religiöse Dogmen, die durch die Macht des Staates aufgezwungen wurden, den Verlauf unseres Lebens bestimmten. Diese antiaufklärerische Wiederbehauptung der Religion wird noch unbekannte Folgewirkungen haben. Wir sind wütend, weil wir gesehen haben, wie sich dies in der Geschichte des Christentums und in der Neuzeit, insbesondere in islamischen Staaten, manifestiert hat, und es geht nie gut aus.

Den Optimismus aufrechtzuerhalten ist aber selbst angesichts solch großer Rückschläge nicht nur die bessere Alternative zu einer erstarrenden Verzweiflung, sondern auch ein rationaler Akt. Seit der Aufklärung, als Denker und Schriftsteller wie Rene Descartes und John Locke behaupteten, dass wir Vernunft und Wissenschaft nutzen können, um die natürliche Welt und den Platz der Menschheit in ihr besser zu verstehen, haben wir die Möglichkeit, unsere Lage zu verbessern.

Und wir haben dies auf so verblüffende und umgestaltende Weise getan, dass das heutige Leben nur noch wenig Ähnlichkeit mit der zermürbenden und repressiven Existenz der Vergangenheit hat. Wir müssen einfach weiter an diesen Verbesserungen arbeiten. Wir leben ohne das Versprechen, dass die Dinge besser werden, aber wir wissen, dass sie es können, und es liegt in der Macht der Menschheit, dies zu tun.

Um es mit den Worten Obamas zu sagen: Ich würde mit keinem meiner Vorfahren tauschen wollen. Würden Sie das?

Übersetzung: Jörg Elbe

Robyn E. Blumner ist CEO und Präsidentin des Center for Inquiry und Executive Director der Richard Dawkins Foundation for Reason & Science.

Anmerkungen

[1] Rafaela von Bredow and Johann Grolle, „Ignoring the Possibility of Progress Is a Sure Method of Destroying Ourselves,” Spiegel International, April 6, 2022.

[2] Steven Pinker, „Enlightenment Wars: Some Reflections on ‘Enlightenment Now,’ One Year Later,” Quillette, January 14, 2019.

[3] Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten noch nicht in der Sache Dobbs gegen Jackson entschieden.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Norbert Schönecker

    Das ist ja im Großen und Ganzen ein sehr schöner Artikel. Nur dem Teil mit der Abtreibung kann ich nicht zustimmen. Was nutzen mir all die wirklich erfreulichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte (sozial, gesundheitlich, technisch, wirtschaftlich), wenn ich zwei Monate nach meiner Zeugung getötet werde?

    Was natürlich ganz schnell zum Kern der Abtreibungsfrage führt: seit wann bin ich "Ich"? Ab wann ist der Mensch ein Mensch?

    Ansonsten betrachte ich mich tatsächlich als Glückspilz, im späten 20. Jahrhundert und dann auch noch in Mitteleuropa gezeugt und darüber hinaus sogar geboren zu sein, und bin dafür sehr dankbar.

    Und ich ergänze zum Artikel: diese Dankbarkeit führt nicht etwa dazu, sich zufrieden zurückzulehnen. Sie führt dazu, die Welt an die nächste Generation mindestens so gut weiterzugeben, wie wir sie vorgefunden haben.

    Antworten

    Neuer Kommentar

    (Mögliche Formatierungen**dies** für fett; _dies_ für kursiv und [dies](http://de.richarddawkins.net) für einen Link)

    Ich möchte bei Antworten zu meinen Kommentaren benachrichtigt werden.

    * Eingabe erforderlich