Warum gilt die Bibel als Kanon, während Wikipedia ständig editierbar bleibt
Wahrheit ist fließend, weil wir kein Wahrheitskriterium haben. Das wollen Dogmatiker nicht wissen oder anerkennen, daher möchten sie gerne autoritative Schriften haben, die niemand anzweifeln darf. Da bietet sich so etwas wie die Bibel, der Koran oder die Veden, was auch immer, an. Dogmatiker setzen voraus, die Wahrheit zu kennen, bevor sie kennen können, was wahr ist.
Man kann also eine antike Schrift nehmen, wie die Bibel, und behaupten, sie stamme von Gott und sei daher wahr. Aber wir wissen inzwischen, dass in der Bibel vieles steht, was schlicht und ergreifend nicht wahr ist. Dazu gehört beispielsweise die gesamte Kosmologie der Bibel. Man könnte meinen, wer auch immer die Texte geschrieben hat, derjenige konnte keine Ahnung haben, wie das Universum beschaffen ist. Damit scheidet Gott eigentlich aus, als Erschaffer des Universums müsste er verstehen, was er da erschaffen hat. Aber das ficht Dogmatiker nicht an, für sie ist nur der Teil wahr, der ihnen gerade in den Kram passt. Wie weit das geht, unterscheidet sich von Dogmatiker zu Dogmatiker, denn es handelt sich um absolute Willkür.
Hinzu kommt das Problem, das Thomas Paine in The Age of Reason formuliert hat (Übersetzung von mir):
Es ist eine selbst-widersprüchliche Behauptung, irgendetwas als Offenbarung zu bezeichnen, was wir aus zweiter Hand wissen, sei es geschrieben oder gesprochen. Offenbarung ist begrenzt auf die erste Kommunikation -- nach dieser ist es nur eine Ansammlung von Worten von denen eine Person behauptet, es handle sich um eine Offenbarung, die ihm gemacht worden sei, und es mag sein, dass er sich verpflichtet fühlt, daran zu glauben, aber danach kann es für mich nicht die Pflicht sein, in derselben Art zu glauben, denn diese Offenbarung wurde nicht MIR gemacht, und ich habe nur sein Wort, dass es ihm geoffenbart wurde.
Und an anderer Stelle („The Life and Works of Thomas Paine“, Vol. 9 S. 134) sagt Thomas Paine (Übersetzung von mir):
Dass Gott nicht lügen kann, bringt Deiner Argumentation keinen Vorteil, weil es keinen Beweis dafür gibt, dass die Priester nicht lügen können oder die Bibel es nicht tut.
Wahrheit ist aus gutem Grund fließend, wir können nicht bestimmen, was wahr ist, wir können nur herausfinden, was falsch ist. Wenn also Dogmatiker verhindern, etwa durch Manöver wie die Immunisierung gegen Kritik, die Falschheit einer Behauptung zu erkennen, entfernen sie sich von den Tatsachen. Wahrheit besteht aber aus der Übereinstimmung von Aussagen und Tatsachen.
Wahrheit hängt von Tatsachen ab, die vom menschlichen Glauben und Meinungen unabhängig bestehen. Wir kennen jedoch nicht alle Tatsachen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Ständig kommen neue Tatsachen hinzu, sie werden entdeckt, und dann muss man das, was man für wahr hält, dem neuen Wissen anpassen. Das ist den Dogmatikern zu mühselig und zu anstrengend, und überdies zu unsicher. Es ist doch viel einfacher, Wahrheit vorauszusetzen, zu behaupten, man habe sie schon in antiken Texten gefunden. Das erspart viel Forschungsarbeit und viel Nachdenken.
In den Kanon wurden stets willkürlich die antiken Texte aufgenommen, die den Ansichten (vor allem Wunschvorstellungen) einiger weniger Leute damals entsprochen haben. Mehr Willkür und Beliebigkeit geht nicht. Beliebigkeit ist bekanntlich das exakte Gegenteil von Vernunft. Menschen sind unvernünftig, im Großen und Ganzen, und wenn man ihnen in ihrer Jugend nur oft genug erzählt, irgendein Werk enthalte bereits die Wahrheit, werden sie es glauben. Was man glaubt, hängt dann nur davon ab, wo man geboren wurde, in welcher Tradition man großgezogen wurde.
Man klebt gerne großspurig Etiketten an seine Texte wie „Wahrheit“, weil sich das besser macht. Das ist auch nicht anders, als wenn ein Hersteller eines Produktes sein eigenes als das beste bezeichnet, es handelt sich um Werbeversprechen, da nimmt es niemand mit der Wahrheit so genau. Es muss nur oft genug gesagt werden. Das funktioniert, sonst gäbe es die ganze Werbung nicht. Auch die Dogmatiker (Kleriker) leben von ihren Werbeversprechen und der Dummheit jener, die alles glauben - vor allem Kinder, die noch nicht beurteilen können, was wahr ist und was nicht. Wer denkt, dass die Verdienstmöglichkeiten der Kleriker nicht davon abhängen, ihren Sermon als wahr auszugeben, dessen Naivität ist nur schwer zu überbieten. Sie sagen, was ihnen nützt, und streuen ein paar nützliche Dinge darunter, die dann zeigen sollen, dass wahr ist, was über ihr Gehalt bestimmt.
Ist es nicht faszinierend, wie die Werbeversprechen der Pharmaindustrie angezweifelt werden, obwohl diese teilweise auf wissenschaftlichen Beweisen beruhen, weil die Industrie Geld verdient - aber die Werbeversprechen der Kirchen werden geglaubt? Obwohl die Kirchen damit steuerfrei die Milliarden nur so scheffeln, kommt kaum einer auf die Idee, dass auch die nur sagen, was ihnen nützt.
Erklären kann man diese Diskrepanz nur mit allgemeiner menschlicher Dummheit. Dummheit richtet mehr Schaden an als alle Boshaftigkeit, lediglich wenn man beides kreuzt, wird es noch schlimmer. Die Kirchen haben stets die menschliche Dummheit und Leichtgläubigkeit ausgenutzt, das ist ihr Geschäftsmodell. Die Esoterikbranche folgt ihnen darin, und auch die Politiker, weswegen sich Kirche und Politik auch so gut verstehen.
Volker Dittmar ist Diplom-Psychologe, Hypnosetherapeut und Gedächtnistrainer. Sein großer Schwerpunkt - der Glauben - resultiert aus der langjährigen Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen des Glaubens, vor allem der eigenen christlichen (römisch-katholischen) Erziehung sowie dem Studium der verschiedenen philosophischen Erkenntnistheorien (insbesondere der evolutionären Erkenntnistheorie).
Auf seiner Webseite finden sich Informationen zu Religion, Moral, Gott, Denkfehler und andere Geschichten. Er ist auf Quora aktiv.
Kommentare
"Offenbarung ist begrenzt auf die erste Kommunikation -- nach dieser ist es nur eine Ansammlung von Worten von denen eine Person behauptet, es handle sich um eine Offenbarung, die ihm gemacht worden sei, und es mag sein, dass er sich verpflichtet fühlt, daran zu glauben, aber danach kann es für mich nicht die Pflicht sein, in derselben Art zu glauben, denn diese Offenbarung wurde nicht MIR gemacht, und ich habe nur sein Wort, dass es ihm geoffenbart wurde."
Das ist absolut richtig und wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte, ob wir (die Menschen in ihrer Gesamtheit) intelligent genug wären um das unmittelbar zu (einzu-)sehen, hätte ich nein gesagt. Man müsste erst das Zitat lesen und lange darüber nachdenken ... (und schließlich erkennen, dass es zutrifft).
Interessanterweise hatte Daniel Everett (als er noch Missionar war) unüberwindliche Schwierigkeiten bei den Piraha eben nun diese zu missionieren, denn alles, was er anbieten konnte waren eben überlieferte Worte von irgendjemandem, den er (Everett) selbst noch nicht einmal kannte.
Die Piraha leben eine Kultur, in der nur das "wahr" ist, was unmittelbar erlebt wird (oder, was ein Bekannte eben unmittelbar erlebt hat).
Alles andere hat keinerlei Bedeutung. ...
Das gelang nicht; stattdessen haben die Piraha aus Everett einen Atheisten gemacht. Umgekehrte Missionierung! ;-)
Antworten
Neuer Kommentar