Um die Unschuld zu bewahren?
Wenn der Teufel im Garten Eden die Wahrheit sagt – dass der Mensch „sein wird wie Gott und Gut und Böse erkennen wird“ –, lügt Gott dann aus Liebe, um die Unschuld zu bewahren?
Dass die Schlange im Paradies der Teufel ist, wird von Christen behauptet. Für die Juden ist die Schlange nichts weiter als eine Schlange. Die mythologische Interpretation ergibt sich daraus, dass man entdeckt hatte, dass einige Schlangen einst Beine besaßen. Wenn man bestimmte Schlangen aufschneidet (Blindschlangen, Rollschlangen und Wühlschlangen sowie bei Boas und Pythons), findet man die rudimentären Überreste von Beinen. Dass die Schlangen später keine Beine mehr hatten, liegt daran, dass Gott sie verflucht hat.
Dass die Schlange der Teufel ist, ergibt überhaupt keinen Sinn. Denn ansonsten wird der Teufel als gefallener Engel (Luzifer) interpretiert, der einst eine Rebellion gegen Gott anzettelte. Ist er eine Schlange oder ein Engel? Wie kann er beides sein?
Im Kapitel Hiob taucht dann Satan auf, der Ankläger, der auf Augenhöhe mit Gott diskutiert und ihn dazu veranlasst, eine Wette einzugehen. Ja, Satan begeht böse Taten, aber alle im Auftrag und mit Billigung Gottes.
In der Paradiesgeschichte ist die Schlange (für Christen der Teufel) der einzige Protagonist, der nicht lügt. Gott erzählt Adam und Eva, dass sie an dem Tag sterben werden, an dem sie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen. Die Schlange teilt den beiden mit, dass dies nicht der Fall sein wird, und behält recht. Stattdessen werden ihnen die Augen übergehen und sie werden von da ab sein wie Gott und Gut und Böse unterscheiden können. Genau das passiert tatsächlich.
Was Christen wiederum nicht verstehen: Die Bibel sagt an dieser Stelle ganz klar und eindeutig, dass durch den Genuss der verbotenen Frucht die Menschen unabhängig von Gott zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Um zu verhindern, dass die Menschen vollends wie Gott werden, nämlich unsterblich, lässt er zunächst den Baum des Lebens, der die Menschen unsterblich machen würde, bewachen und wirft die Menschen aus dem Paradies. Mythologisch gedeutet beruht diese Geschichte auf der Tatsache, dass Kinder im Laufe der Entwicklung eine Moral entwickeln, die unabhängig von elterlicher Autorität ist. Ein Beispiel dafür ist die Ausbildung von Scham. Kleine Kinder kennen keine Scham, die entwickelt sich später, ohne dass man ihnen das einreden muss. Woran erkennt Gott, dass Adam und Eva vom verbotenen Baum gegessen haben? Nicht durch seine Allwissenheit, sondern daran, dass sie sich Kleidung anfertigen. Dabei hat er ihnen nicht gesagt, dass sie schamhaft sein sollen!
Seitdem, laut Bibel, brauchen die Menschen Gott nicht mehr, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wie Christen behaupten. Das widerspricht auch der allgemeinen Erfahrung: Kinder entwickeln eine Moral auch unabhängig von elterlicher Autorität. Die Bibel reflektiert diese Erkenntnis, die Christen ignorieren das. Sie ignorieren sowohl ihre eigene Erfahrung als auch die Bibel.
Dabei bilden sich Christen gerne ein, sie und nur sie könnten die Bibel richtig interpretieren. Es zeigt sich aber, dass sie die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe kriegen.
Es geht nicht um Gott, der die Menschen davor bewahren will, dass sie ihre Unschuld verlieren. Das geschieht im Laufe der menschlichen Entwicklung automatisch, wie die Bibel erklärt und wie es der Erfahrung entspricht. Der Grund dafür ist unsere Evolution. Wir benötigen eine Moral, um die Probleme des menschlichen Zusammenlebens zu bewältigen. Diese Probleme und Konflikte entstehen automatisch, sobald Menschen miteinander kooperieren und konkurrieren. Dazu mussten wir schon sehr früh Strategien zur Bewältigung finden, was dadurch bestätigt wird, dass auch andere Primaten bereits über Grundzüge einer Moral verfügen. Ohne Moral funktioniert keine menschliche Gesellschaft, und ohne eine Gesellschaft würden Menschen nicht überleben können. Nur weil wir kooperieren und konkurrieren, überleben wir und konnten uns eine Kultur aufbauen, die es uns ermöglicht, im Rahmen unserer Möglichkeiten zu prosperieren. Ohne diese Moral gäbe es keine Kultur, keine Gesellschaft, keine Kooperation, und daher dann auch irgendwann keine Menschen mehr.
Quellen der Moral
Menschliche Moral hat zwei Quellen: unsere stammesgeschichtliche Entwicklung (Evolution) und die Notwendigkeit der Kooperation zum Überleben. Gott ist dafür komplett überflüssig. Im Gegenteil, wie das Modell der menschlichen Entwicklung der Moral zeigt, ist eine Moral, die auf Autorität aufbaut, die unterste Stufe gesellschaftlicher Moral. Darauf wollen uns die Christen fixieren, weil sie nicht verstanden haben, was Moral bedeutet und warum sie notwendig ist. Wir können eine bessere Moral entwickeln und tun das auch, wenn wir über die Fixierung auf Autoritäten hinausgehen.
Schon kleine Kinder nehmen das im Spiel vorweg. Sie brauchen keine Erwachsenen, um zu begreifen, dass man Regeln für ein Spiel braucht. Sie können ab einem gewissen Alter diese Regeln selbst entwickeln, durchsetzen, verändern und verbessern, ohne dass Erwachsene dazu benötigt werden. Christen nehmen an, dass wir irgendwie als Erwachsene diese Fähigkeit verlieren, was für mich der Beweis ist, dass die christliche Moral zutiefst korrumpiert ist. Christliche Moral eignet sich gut dazu, eine Tyrannei aufzubauen, aber sehr schlecht, eine freie Gesellschaft zu entwickeln. Man könnte das sogar aus der Bibel lernen, wenn man mal seine Autoritätshörigkeit ablegt. Konservative Christen sind mehr auf Autoritäten fixiert als liberale Christen oder säkulare Menschen. Man behauptet zwar, dass die Gesellschaft auf den autoritären Regeln der Bibel basiert, aber das ist eine Lüge, die man sich und anderen erzählt.
Klar gibt es auch in der autoritätsfixierten Moral des Christentums sinnvolle Regeln, keine Frage, denn sonst hätten christliche Gesellschaften nicht überleben können. Aber damit stellt man die Moral auf den Kopf: Man leitet eine Moral aus den funktionierenden Gesellschaften ab, die alle darauf basieren, dass man nicht morden und stehlen sollte. Eine reine Gesellschaft von Mördern und Dieben würde nicht funktionieren. Dann erklärt man die Moral als von einer fremden Autorität bestimmt, und meint, damit die Grundlage gelegt zu haben, die man aber tatsächlich übernommen hat.
Die christliche Moral ist entfremdet: Sie ist eine rein menschliche Moral, abgeleitet aus der Notwendigkeit einer Gesellschaft, durch Kooperation das Überleben ihrer Mitglieder abzusichern, und schreibt diese dann der fremden Autorität eines außerkosmischen Aliens zu. Damit macht man sich die eigene Moral fremd und lebt fremdbestimmt statt selbstbestimmt. Der Humanismus hat diesen Webfehler der christlichen Moral beseitigt und sich vom Christentum emanzipiert. Später, nachdem sich diese Moral gegen christlichen Widerstand etabliert hat, erklärte man das Christentum zur Grundlage dieser Moral. Was für ein Hohn! Vor dem Humanismus sind Christen eher selten auf die Idee gekommen, dass es sinnvoll ist, alle Menschen in einer Gesellschaft mit gleichen Rechten zu versehen (bei Frauen wird das immer noch bekämpft, ebenso bei der sexuellen Selbstbestimmung). Später erfand man dann, dass man das aus der Ebenbildlichkeit Gottes ableiten kann. Wäre man früher auf die Idee gekommen, hätte man Sklaverei und Adel schon viel früher abgeschafft. Die Idee der Gleichheit der Menschen, also speziell gleicher Rechte, kam im Christentum erst später auf, nachdem der Humanismus sich durchgesetzt hat, dessen Moral rein atheistisch ist.
Jetzt wird diese atheistische Moral mit dem falschen Etikett „christlich“ versehen, und man besitzt zudem die ungeheure Frechheit, den Atheisten jegliche Moral abzusprechen! Wer die christliche Moral nicht als anmaßend und frech begreift, versteht nichts von Moral und unserer Geschichte.
Gott hat uns nicht vorzuschreiben, wie wir zu leben haben. Die Christen sollten sich ein bisschen in Demut und Bescheidenheit üben, aber das war nie ihre Art.
Nächstenliebe ist auch nicht die Grundlage unserer Gesellschaft. Es reicht schon, den anderen als gleichwertig zu betrachten. Christen verhalten sich moralisch gesehen nicht besser als Atheisten, weil sie oft auf jede Nächstenliebe pfeifen, die sie eher von anderen als von sich selbst verlangen (mit Ausnahmen, versteht sich).
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