Reden wir

Gedanken zur Gender-Ideologie

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Foto: Pixabay.com / SharonMcCutcheon

„Man darf nicht mehr sagen, was man denkt“: Birgit Kelle, deren neues Buch „NOCH NORMAL? Das lässt sich gendern“ gerade erschienen ist, beherrscht die Kunst der Provokation. Im rumänischen Totalitarismus, wie ich auch, hineingeboren, weiß sie jedoch sehr wohl, wie es ist, wenn man wirklich nicht mehr sagen kann, was man denkt. Als gebranntes Kind ist man andererseits prädisponiert, genauer als andere zu registrieren, wenn sich ideologische Gebote und Verbote im öffentlichen Diskurs einschleichen und die unbekümmerte Meinungsäußerung gefährden. Auch kann man eine so akute Aversion gegen die Humorlosigkeit eines jeden Jakobinertums entwickeln, dass man instinktiv zum Tabubruch greift und allen Ernsthaften dieser Welt quietschvergnügt die lange Nase zeigt.

Tun wir also das nicht ganz Genehme, reden wir, unvoreingenommen, umkreisen wir diese fast unantastbar gewordene Gender-Göttin, betrachten wir sie von allen Seiten. Werden wir die Widersprüchlichkeit der Realität, die sich auch in ihr offenbart, ertragen?

Zur Anschaulichkeit dieses kleine Beispiel: Im Rumänischen bilden fast alle Berufsbezeichnungen Feminina. Trotzdem ist dieses aus dem Sprachgebrauch praktisch verschwunden. Frauen sprechen über sich nicht mehr als „Ärztin“, „Richterin“ oder „Dichterin“, sondern als „Arzt“, „Richter“, „Dichter“. Das Deutsche hingegen, nicht gerade für seine Einfachheit berühmt, hat sich mit jener Flut von Sternchen und „I“chen zunächst feminisiert und schickt sich jetzt an, sich zu neutralisieren. Im ersten Fall ist Ignoranz am Werke. Im zweiten – überbordende Ideologie. Ich finde beides mehr als irritierend.

Freilich, wenn Gender-Theorien postulieren, die „Kategorie Frau“ sei von den Anforderungen gesellschaftlicher „Machtstrukturen“ „gebildet, definiert und reproduziert“, kann man schwer widersprechen. Über die Zeiten hinweg haben Frauen die ihnen zugewiesene Rolle mehr oder weniger freiwillig hingenommen. Man denke nur an Fanny Mendelssohn-Hensel, die gegen das väterliche Gebot „nur das Weibliche ziert die Frau“ erst als 40-Jährige aufbegehrte, um ihre Lieder herauszugeben. Oder an jenem Dr. Möbius, der sich noch Anfang des 20. Jahrhunderts über den angeblich naturgegebenen „psychologischen Schwachsinn des Weibes“ ausließ, ohne die verdummende Frauenerziehung seiner Zeit in Betracht zu ziehen.

Ja. „Frausein“ bedeutete jahrhundertelang unter den eigenen geistigen Fähigkeiten zu leben (und vielerorts hat sich bis zum heutigen Tag diesbezüglich nichts geändert …). Aber, von dieser Offensichtlichkeit ausgehend, das „biologische Geschlecht“, ja, die Biologie überhaupt zu negieren, weil „wissenschaftliche Diskurse“ angeblich im Dienste anderer, „politischer und gesellschaftlicher Interessen“ stünden, ist mehr als grenzwertig. Nicht umsonst wurde einer Judith Butler vorgeworfen, sie „entkörpere“ den Menschen. Wie der berühmte Geist schwebt er in ihrer Vision über das Wasser, ohne Merkmale, ohne Konturen, beliebig, ein Phantom, das in jedem körperfeindlichen Glaubensgebäude heimisch werden könnte. Ich gestehe, dass ich zu erdgebunden bin, um mich für solche Konstrukte zu begeistern. Auch meine ich, dass ein kurzer Seitenblick auf unsere Cousins, die Schimpansen, ausreicht, um Butlers Irrtum zu beweisen. Ob es uns passt oder nicht: Biologie ist „Schicksal“ und gehört sie ins Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Es wäre somit dringend notwendig, sie dem Aschenputteldasein, das sie jetzt fristet, zu entreißen.

Ich vermute, dass Birgit Kelle mir hierin zustimmen würde. Jedoch bezweifle ich, dass sie sich auch im Klaren wäre, dass sie dann einige ihrer Ansichten unbedingt revidieren müsste.

Was soll man tun?

Ihre Gleichung „natürliche Familie“ = „Vater + Mutter + Kind“, beispielsweise, geht nicht auf, es sei denn man erweitert sie um die Konstante Seitensprung + uneheliches Kind.  Auch steht ihr das ebenso „natürliche“ und gar ältere Konkurrenzmodell „Polygamie“ gegenüber. Was soll man tun? Biologie ist nicht moralisch und um religiöse Belange schert sie sich auch nicht.

Auch gegen Transsexualität kann Biologie nichts haben. Denn unser Geschlecht hängt nicht nur von Chromosomen ab, sondern auch von Hormonen, die „unser Körper produziert oder mit denen wir im Mutterleib in Berührung kommen“, so Anne Moir und David Jessel schon 1989 in „Brainsex“. Es ist also mitnichten so, dass Geschlechtsneudefinierung launenhafte Willensentscheidung sei. Wenn Mann sich als Frau „fühlt“ (oder umgekehrt), so basiert dieses „Fühlen“ auf einem biologischen Faktum. Überhaupt sind wir alle „gewürzt von unserer pränatalen chemischen Entwicklung“ und somit – natürliche Variationen immergleicher Themen.

Verwunderlich ist das nicht. Die Natur setzt auf Diversität – als Rückversicherung für schlechte Zeiten. Verschiedene Eisen im Feuer zu haben entspricht ihrem Geschmack.

Das wiederum bedeutet nicht, dass in diesem Riesenpool an Varianten Zuordnungen nicht möglich sind und Weibliches und Männliches sich unbedingt im fad-neutralen Gender-Brei auflösen müssen. Im Gegenteil: Das Prädominierende ist leicht auszumachen, das Marginale oder sich Überlappende ebenso. Hauptsache jeder lässt jedem die Möglichkeit sich frei zu entfalten und verweigert ihm die Existenzberechtigung nicht. In diesem Sinne muss man auch „Muttertieren“ wie Birgit Kelle das Recht zugestehen, ihre Erfüllung im „zu-Hause-Bleiben“ und Erziehen ihrer Kinder zu finden. Dass angesichts einer Weltbevölkerung von 7,77 Milliarden Menschen (Tendenz: steigend!), schon um der eigenen „Brut“ willen die Zügelung des Mutterwunsches durchaus wünschenswert ist, liegt andererseits auf der Hand.

Leben und leben lassen, wäre somit die einfache und doch unerreichbare Formel. Denn die Fronten zwischen den jeweiligen Parteien sind so hoffnungslos verhärtet, dass selbst der arme „Harry Potter“ dem Scheiterhaufen entgegenschreitet.

Wenn man aber, wie Benn 1949 fragte, „ kein Faschist und kein Antifaschist, kein Westlicher und kein Östlicher, kein Abendländer und kein Asiate ist – was ist man dann? Lächerlich ist man, für andere peinlich und sich selbst bizarr.“ Und dennoch: Gerade dieses „Lächerliche“ anzunehmen, ist, finde ich, die einzige Haltung, die in solch unbarmherzig dualistischen Zeiten dem Denkend-Empfindenden ziemt.

(Foto: Ioana Orleanu)

Ioana Orleanu ist eine Autorin und Übersetzerin (geb. 1964 in Bukarest und seit 1981 in Deutschland (Studium in Bochum). Ihre Veröffentlichungen erschienen u.a. in: manuskripte, LICHTUNGEN, Akzente/Hanser, NZZ, Der Freitag, Die Zeit, Observator Cultural, Cicero.

Sie ist die Herausgeberin der zweisprachigen Anthologien Gottfried Benn. Melancholie, Die Schöne, die vorübergeht u.a. Zuletzt erschienen der Roman Limesland und der Erzählband Zwiegespräch mit Liebeli. Sie lebt in Deutschland und Rumänien.

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