Streitkultur!

Ein Debattenbeitrag

Streitkultur!

Foto: Pixabay.com / Tumisu

Notwendige Vorbemerkungen: Das Thema ist relevant in einer großen Vielfalt von Situationen mit je eigener Dringlichkeit und thematischer Komplexität. Die Höhen und Tiefen menschlicher Kommunikation können nicht näherungsweise ausgeleuchtet werden.

Entscheidungsprozesse im privaten wie im gesellschaftlichen Rahmen bewusst zu gestalten und praktische Herausforderungen zu bewältigen – dafür braucht es Streitkultur. Gerade in Zeiten fundamentaler technologischer, geopolitischer, umweltpolitischer und wirtschaftlich/sozialer Umwälzungen ist diese Kompetenz ein zentrales Element mit Scharnierfunktion.

Ist es schon Streitkultur, wenn kein „bullying“ betrieben wird und – wie es in sozialen Medien häufig geschieht – Impulse ungefiltert abgeladen und das Gegenüber überrannt werden soll? Ist es schon Streitkultur, wenn die Grenzen des Justitiablen nicht berührt werden? Natürlich nicht. Schopenhauer hat eine ganze Reihe von Möglichkeiten herausgearbeitet, wie man sich unabhängig vom Wahrheitsgehalt durchsetzen kann – verbunden mit dem Rat, Leuten aus dem Weg zu gehen, die so vorgehen.

Der Versuch zur Erlangung von Einfluss und Macht durch die Herrschaft über Köpfe und Emotionen ist nicht neu. Sprache zu regeln und so Begriffe und Themenbereiche zu tabuisieren, Personen durch diffamierende Zuschreibungen moralisch zu ächten und sozial auszugrenzen, steht einem konstruktiven Dialog natürlich entgegen. Diese teilweise mit Verve verfolgten Versuche im Zusammenhang mit Fragen des menschlichen Selbstverständnisses und des Miteinander instrumentalisieren soziale Ängste und Bedürfnisse. Sie zielen auf Anpassung und laufen der Maxime der Aufklärung entgegen: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Erkennbare Manipulation und Verletzung der eigenen Integrität rufen Misstrauen und Widerstand hervor, die in gesellschaftlicher Perspektive spalten. Streitkultur tut not!

Auf die Rolle von Werbung und Unterhaltungs-„Kultur“ als Träger von Botschaften zu verschiedensten Wertvorstellungen kann hier nicht eingegangen werden.

Die Methoden und praktischen Möglichkeiten zu strategischer Informationslenkung und subtiler Manipulation von Meinungsbildung im wirtschaftlichen und politischen Bereich sind im Einzelnen kaum noch zu durchschauen und in ihrer praktischen Umsetzung zu verfolgen. Auch hier spielt die gezielte „Bewirtschaftung“ von Emotionen eine bedeutende Rolle. Einseitige Interessen können so durchgesetzt, demokratische Prozesse gelenkt und Strukturen mit zunehmender Tendenz ausgehöhlt werden. Dieses Treiben wird zeitversetzt bemerkt. Vertrauen und gemeinsame Basis gehen verloren. Starke Benachteiligungen breiter Schichten haben explosives Potential! Streitkultur tut not!

Hinderlich im Prozess der Auseinandersetzung ist natürlich das schlichte Bestreiten von Sachverhalten. Hinderlich ist auch die Dekonstruktion von Zusammenhängen, bei der der ganzheitliche Blick, die Metaperspektive verloren geht und der infragestehende Aspekt oder Trend absichtlich oder unabsichtlich aus der Diskussion genommen wird. Wichtig erscheint die Unterscheidung zwischen dem Feld der Wissenschaft und von ihr ermittelter Fakten einerseits und andererseits den von Politik und Gesellschaft zu treffenden und zu tragenden Entscheidungen unter Berücksichtigung vielschichtiger Aspekte und einer stets unsicheren Zukunft.

Konstruktive und transparente Vorgehensweise

Bei Streitkultur handelt es sich um eine konstruktive und transparente Vorgehensweise, in deren Verlauf Sachverhalte geklärt und Bewertungen als Entscheidungsgrundlage argumentativ erhärtet, Umsetzungswege gefunden und Konsequenzen erfasst werden sollen. Dazu muss alles auf den Tisch! Unvermeidlich prallen Interessen, Wertvorstellungen, Temperamente und persönliche Stile aufeinander. Das braucht Raum. Vorauseilende Anpassungs- und Kompromissbereitschaft sind kontraproduktiv. In den verschiedenen Phasen sind unterschiedlichste Kompetenzen gefordert. Heuristik ist gefragt. Weiterentwicklung braucht „un-moralische“ Fehlertoleranz. Stark konfrontative oder „ratlose“ Phasen verlangen vielleicht eine Auszeit, damit ein Besinnen und frische Impulse möglich werden. Offenheit gegenüber neuen Perspektiven und Lösungswegen entwickelt sich – zusammen mit einer konstruktiven Überprüfung: Was ist dran?

Streitkultur meint ein höchst komplexes, vielschichtiges und dynamisches Geschehen, das nicht linear verläuft. Jeder Klärungsprozess entwickelt seinen eigenen Verlauf und ist für die Beteiligten eine Herausforderung. Im positiven Falle wächst die Gemeinschaft und gewinnt an Kraft, anstatt sich zu zermürben.

Nicht Moralethik, sondern Verantwortungsethik muss die Grundlage sein, zu der – mit Blick auf Konsequenzen von Entscheidungen – Pflichten, Kompromisse und pragmatische Lösungsansätze gehören. Gelingt eine rechtzeitige, möglichst vorausschauende und klare Antwort auf Herausforderungen, können die Pole von Aspekten zusammengebunden werden, gelingt eine Lösung mit einer befriedigenden Schnittmenge der Positionen und Interessen? Bleiben die Beteiligten an Bord? Kommt es am Ende zu einer Bündelung der Kräfte?

Die demokratischen Strukturen, die Checks and Balances brauchen ein re-fit unter Berücksichtigung der heutigen Verhältnisse. Parlament und vierte Gewalt werden benötigt in ihrer ursprünglich vorgesehenen kraftvollen Rolle. Der Souverän, das Volk, muss zum Leben, d. h. zum Engagement erwachen. Streitkultur im Rahmen eines säkularen Staates tut not für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Webseite der Freie Säkulare Humanisten Hamburg (fshh) veröffentlicht.

Kommentare

Neuer Kommentar

(Mögliche Formatierungen**dies** für fett; _dies_ für kursiv und [dies](http://de.richarddawkins.net) für einen Link)

Ich möchte bei Antworten zu meinen Kommentaren benachrichtigt werden.

* Eingabe erforderlich