Warum sehe ich den Mann vor mir?

Der Mesokosmos

Warum sehe ich den Mann vor mir?

Foto: Pixabay.com / TheDigitalArtist

Es gibt Fragen, die einen echt wahnsinnig machen können. Warum ist beispielsweise überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Bringt die Materie den Geist hervor, wenn ja wie, und können wir dann überhaupt noch einen freien Willen haben? Wenn mathematische Zusammenhänge gefunden werden, wo waren sie dann, bevor sie gefunden wurden, und wenn sie erfunden werden, warum können wir mit ihnen dann so präzise die Welt beschreiben?

Andere Fragen scheinen nur schwierig, sind in Wahrheit aber ganz einfach zu beantworten: Warum sind Atome so klein? Warum sehe ich den Mann vor mir? Ich meine, warum sehe ich stattdessen nicht die Atome, aus denen er besteht, oder die Galaxien, die sich hinter ihm auftun? Elektronenmikroskope und Weltraumteleskope können das schließlich auch, weshalb sehe ich also in exakt der Größenordnung, die mir den Mann vor mir zeigt? Antwort: Weil es die Überlebens- und Fortpflanzungschancen meiner Vorfahren gesteigert hat. Unser Sehsinn hat sich in Anpassung an eine Umwelt entwickelt, in der es wichtig war den Mann vor einem zu sehen, weil dieser einen umbringen oder mit einem kopulieren konnte. Elektronen und Galaxien waren dabei eher von geringerer Bedeutung.

Die Welt, an die sich unser Erkenntnisapparat im Laufe der Evolution angepasst hat, ist nur ein Ausschnitt der kompletten Wirklichkeit. Entsprechend dem biologischen Begriff der „ökologischen Nische“ könnten wir diesen Ausschnitt als „kognitive Nische“ bezeichnen. Die kognitive Nische des Menschen nennen wir „Mesokosmos“. Unser Mesokosmos ist also jener Ausschnitt der realen Welt, den wir wahrnehmend und handelnd, sensorisch und motorisch, bewältigen. Der Mesokosmos ist - relativ gesprochen - eine Welt der mittleren Dimensionen. In seinem Buch „Was können wir wissen?“ weist Gerhard Vollmer darauf hin, dass damit nicht nur mittlere Längen, Zeiten oder Gewichte und damit die üblichen makroskopischen Objekte gemeint sind. Vielmehr ist es ein anthropozentrischer Begriff, der sich auf die Reichweite unserer Sinne bezieht. Wir können zwar die meisten mikroskopischen Teilchen nicht sehen, aber zum Beispiel einzelne Photonen, die die Netzhaut treffen, eben doch.

Diese mesokosmische Beschränkung erklärt, warum wir uns bei den Erscheinungen der Quantenwelt auf der einen und den astrophysikalischen Erkenntnissen auf der anderen Seite so schwertun. Auch unsere Intuition und unser Anschauungsvermögen haben sich in Anpassung an eine mesokosmische Umwelt entwickelt, weshalb uns raumzeitkrümmende Schwarze Löcher so unanschaulich und die Heisenbergsche Unschärferelation so kontraintuitiv vorkommen. Wir versuchen aber, sie anschaulich zu machen, in dem wir Bilder und Begriffe unserer mesokosmischen Welt auf sie projizieren. Wir müssen das in gewisser Weise tun, aber erst dadurch entstehen die scheinbaren Paradoxa, die uns diese Welten als so unglaublich erscheinen lassen.

Zugang über unsere Sinne

Den Kontakt zur Welt vermitteln uns nur unsere Sinne. Wenn wir Zugang zu etwas in der Welt bekommen wollen, dass außerhalb des sinnlich wahrnehmbaren liegt, geht das auch nur über unsere Sinne. Atome können wir beispielsweise nicht mehr sehen, wir bemerken sie durch ihre Wechselwirkung mit größeren Gegenständen (z.B. in der Brownschen Molekularbewegung). Für noch kleinere Teilchen (Quarks) benötigen wir noch weitere Zwischenschichten, sie wechselwirken mit gewöhnlichen Elementarteilchen, diese wiederum mit Atomen, diese mit von uns begreifbaren Gegenständen. Für jede dieser Zwischenschritte haben wir eine Theorie, die die Wechselwirkung der Wechselwirkung der Wechselwirkung usw. beschreibt und deshalb den eigentlich beobachteten Vorgang immer weniger intuitiv und sowohl im gegenständlichen als auch im übertragenen Sinn immer weniger greifbar macht.

Zum Großen hin geht es uns ebenso. Die Erde ist sehr wirklich, weil wir mit beiden Beinen darauf stehen. Auch der Mond ist wirklich, unter anderem weil wir als Menschen dort schon herumgestiefelt sind. Auch die Existenz der Sonne ist vergleichsweise gut gesichert. Aber schon mit den nächsten Sternen nimmt die Wirklichkeit ab, wir nehmen auf Grund von durch uns aufgestellten Theorien mit hoher Wahrscheinlichkeit an, dass sie unserer Sonne ähneln. Und im Großen geht es dann ebenfalls noch ein paar Ebenen weiter, Galaxien, das heutige Universum, Urknall, Multiversen. Je weiter wir uns dabei von den „begreifbaren“ Gegenständen entfernen, umso merkwürdiger und unverständlicher werden die Theorien, ihre Überprüfbarkeit und ihre „Wirklichkeit“ nehmen ab.

Das gilt nicht nur für große und kleine Gegenstände! Auch komplexe Strukturen fallen beispielsweise aus dem mesokosmischen Rahmen heraus, also aus dem Rahmen alltäglicher Dimensionen. Charakteristisch ist zum Beispiel die Unfähigkeit des Menschen, bestimmte Wahrscheinlichkeiten korrekt abzuschätzen oder politische und ökonomische Dynamiken zu erfassen oder zu antizipieren. Wenn wir solche komplexen Strukturen verstehen und beherrschen wollen, müssen wir sie wieder auf (ver)einfache(nde) Modelle herunterbrechen, die unserem Verstand und Anschauungsvermögen zugänglich sind.

Es gibt weitaus mehr in der Welt, als dem Menschen (unmittelbar) zugänglich ist. Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Unsere Sinne und unser Erkenntnisvermögen sind somit entstanden, um zu überleben, nicht, um uns die Welt objektiv und vollständig erfahrbar zu machen. Wir sind nur zufällig die ersten Lebewesen auf der Erde, die ein Bewusstsein erlangt haben, zusammen mit Fähigkeiten zur Abstraktion. Dies erlaubt uns, punktuell über den biologischen Erfahrungshorizont hinaus zu schauen.

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Kommentare

  1. userpic
    Bernd Heinle

    Sehr gut geschrieben.Mein Glückwunsch und weiter so

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