Warum sich Science-Fiction-Autoren das Internet nicht vorstellen konnten

Reale bahnbrechende Entdeckungen entziehen sich der Vorhersagen.

Warum sich Science-Fiction-Autoren das Internet nicht vorstellen konnten

Foto: pixabay.com

Immer dann, wenn ich bei einer öffentlichen Veranstaltung oder im Radio auftrete, wird mir zwangsläufig folgende Frage gestellt: „Was wird die nächste große Entdeckung sein?“ Meine Antwort ist immer dieselbe: „Wenn ich das wüsste, würde ich daran forschen.“

Es gibt einen Grund dafür und genau aus diesem Grund habe ich mein neues Buch über moderne Physik auf der grundlegenden Ebene „The Greatest Story Ever Told - So Far“ (Die größte Geschichte aller Zeiten - Bis jetzt ) genannt. Das „Bis jetzt“ ist der wichtigste Teil des Titels. An fast jedem Tag lernen wir mehr und die Natur überrascht uns mit etwas Bemerkenswertem und Unerwartetem. Tatsächlich beinhaltet das Wort Entdeckung, dass etwas unerwartet ist.

Als Kind dachte ich, dass wir mittlerweile fliegende Autos hätten oder Urlaub auf dem Mond machen würden.

Was ich wirklich bemerkenswert finde, ist, dass unser Bild von der Natur die menschliche Vorstellungskraft weit übersteigt. Hätte man vor 50 Jahren eine Gruppe theoretischer Physiker in einen Raum eingesperrt und sie gebeten vorherzusagen, was wir heute über das Universum wissen, hätten sie bei fast allen wichtigen Entdeckungen danebengelegen, die wir seitdem gemacht haben: von der Entdeckung der Dunklen Materie und der Dunklen Energie, bis hin zur Fähigkeit Gravitationswellen festzustellen. Das liegt daran, dass wir Orientierungshilfe durch Experimente brauchen um uns in der Wissenschaft voranzubewegen. Was wir meinen, wie sich die Natur verhält oder was wir denken, wie sie sich zu verhalten haben sollte, ist irrelevant. Experimente bestimmen, worauf wir unsere Theorien aufbauen, nicht eine a priori Annahme über Eleganz oder Schönheit und auch nicht der gesunde Menschenverstand. Quantenmechanik widerspricht dem gesunden Menschenverstand – und zwar so sehr, dass Einstein sie niemals wirklich anerkannte. Aber heutige Experimente über Verschränkung bis hin zu Quantenteleportation zeigen deutlich, dass die Quantenmechanik das Universum auf der grundlegenden Ebene beschreibt.

Deswegen ist Science-Fiction – obwohl sie die menschliche Vorstellungskraft inspirieren kann, wie Stephen Hawking im Vorwort zu meinem Buch „Die Physik von Star Trek“ sagte – fundamental beschränkt. Sie basiert auf menschlichen Vorstellungen und früheren Erfahrungen. Das ist eine großartige Sache. Aber das bedeutet nicht, dass die Science-Fiction-Zukunft unserer tatsächlichen Zukunft entspricht.

Eine meiner liebsten musikalischen Veranschaulichungen dieses Faktes findet sich in im Lied „Living in the Future“ von John Pine aus dem Jahr 1980:

Wir leben in der Zukunft
Ich sag dir, warum ich mir sicher bin
Ich las vor 15 Jahren in der Zeitung,
Dass wir Raketen fliegen werden
Und Gedanken lesen können

Als Kind dachte ich, dass wir heute fliegende Autos hätten und im erdnahen Orbit oder auf dem Mond Urlaub machen würden.

Was ich aber nicht erwartete, war das Internet. Von allen technologischen Entwicklungen, die die Art und Weise wie moderne Gesellschaften funktionieren, verändert haben, hat vermutlich keine eine so einschneidende Herausforderung für die Gesellschaft dargestellt. Es hat verändert wie wir miteinander kommunizierten, einkaufen, uns unterhalten lassen und Nachrichten lesen – und natürlich auch die Art wie Wissenschaft betrieben wird, um nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch hat kein Mainstream-Science-Fiction Werk das Internet vorhergesehen.

Sicher, viele Science-Fiction-Autoren haben eine Welt mit einigen Aspekten des Internets erdacht. Mark Twain stellte sich 1898 in einer seiner weniger spannenden Geschichte ein „Telektroskop“ vor, das Leuten erlaubt hätte, mit einem Telefon-ähnlichen Objekt Orte auf der ganzen Welt zu betrachten. Doch trotz der Behauptung, dass Twain „das Internet vorhergesagt hätte,“ stellte die Geschichte eher etwas wie die Video-Telefonie, die ich 1964 auf der Weltausstellung sah, als das heutige Internet dar. Twain dachte, dass dank des Telektroskops die Geschehnisse auf dem Planeten Anlass für Klatsch, Tratsch und Diskussionen (sprich soziale Netzwerke!) sein würden, aber seine Vision unterschied sich kaum von der altmodischen Telefonverbindung.

Später dann haben Autoren wie William Gibson in seinem Roman „Neuromancer“ aus dem Jahr 1984 und David Brin in seinem Buch „Erde“ aus dem Jahr 1990 etwas erschaffen, das dem näherkommt. Aber damals war das Internet innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde schon im Entstehen begriffen. Auf jeden Fall kam nie etwas, das dem Internet ähnelte, derart allgegenwärtig in der Science-Fiction vor, wie Teleportation in all ihren Formen, Anti-Schwerkraft-Autos, Warpantriebe, Hyperantriebe, Wurmlöcher oder all die anderen Hilfen mit denen man schneller als das Licht von einem Ort zum anderen reisen kann.

Nur bei Star Trek haben Menschen mit Computern geredet – sie hatten sogar so etwas ähnliches wie Floppy-Disketten und USB-Sticks - aber niemals erhielten die Crewmitglieder Informationen von ätherischen Maschinen deren genauer Ort und Identität unbekannt waren. Große Zentralrechner, die gesamte Gesellschaften regieren, wurden erdacht, aber kein diffuses Netzwerk von Maschinen, inklusive Kühlschränken und Computern im Hosentaschenformat, bei denen die Identität der Nutzer unbekannt blieb.

Dies ist keine Verunglimpfung von Science-Fiction-Autoren. Ihr Job ist es nicht, die Zukunft vorherzusagen – sondern sie sich anhand der gegenwärtigen Trends vorzustellen. Das ist so fantastisch am Internet. Das allgegenwärtige World Wide Web nahm seinen Anfang an einem völlig unerwarteten Ort. Tatsächlich ist der bemerkenswerteste Umstand des Internets, dass die Notwendigkeit die Mutter seiner Erfindung war. Als die Experimente der Teilchenphysik immer größer wurden, und Zusammenarbeit über die gesamte Erde notwendig wurde, gab es einen Bedarf für getrennte Gruppen, zusammenzuarbeiten und Daten auszutauschen. So begann das World Wide Web, zuerst gestartet am CERN, wo sich heute der größte Teilchenbeschleuniger der Welt befindet, der Large Hadron Collider.

Wie wir sehen, war die Technologie, die absolut alles andere in der Welt, in der wir leben, veränderte, selbst ein Nebenprodukt eines esoterischen, wissenschaftlichen Vorhabens. Das ist mehr als bemerkenswert und es sollte gefeiert werden. So sehr Science-Fiction auch Spaß macht, halte ich mich eher an die echte Welt, die jeden Tag Überraschungen und Möglichkeiten bereithält, die sich Menschen niemals selbst ausdenken könnten.

Übersetzung: Lukas Mihr, Jörg Elbe

Lawrence M. Krauss ist ein theoretischer Physiker und Buchautor. Darunter „Die Physik von Star Trek“ und „Ein Universum aus Nichts“. Sein neues Buch „The Greatest Story Ever Told...So Far“ erschien im März 2017.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Slate veröffentlicht.

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