Obwohl wir das schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte tun
Der Begriff der kulturellen Aneignung ist ein Symptom für die Rückkehr eines kruden, inversen Rassismus.
Aneignung bedeutet, sich etwas zu eigen zu machen. Die Chinesen haben die Nudeln erfunden, Marco Polo brachte diese Idee nach Italien, seitdem gelten Nudelgerichte als „typisch italienisch“. Praktisch jeder Fortschritt auf dieser Welt beruht darauf, dass man Ideen anderer Menschen akzeptiert, sie sich zu eigen macht, und diese Idee kann aus einer anderen Kultur kommen.
Im Kontrast dazu steht die Idee, dass eine Idee einen Eigentümer hat. Jemand hat es erfunden, es gehört ihm, und wer die Idee benutzen will, soll dafür zahlen. Das gilt z. B. für Bücher und musikalische Kompositionen. Nicht nur das: Wenn der ursprüngliche Erfinder tot ist, wird dieses Recht auf Eigentum an einer Idee auf die Nachfahren vererbt und gilt noch 70 Jahre nach dessen Tod. Diese Rechtsprechung unterscheidet sich in vielen Ländern.
Es ist erstaunlich, dass die Linke bei uns, die mit Slogans daherkommt wie „Eigentum ist Diebstahl“, plötzlich das Recht auf Eigentum an Ideen propagiert. Allerdings ist das Recht auf Eigentum an Ideen bei der Linken weder zeitlich beschränkt, noch gilt es für Individuen. Wenn also ein Individuum etwas erfindet, gehört es dann der Kultur, in der es lebt? Für wie lange? Für immer? Ist es dann automatisch allen anderen verboten? Was ist, wenn der Erfinder ausdrücklich sagt, dass er möchte, dass alle anderen davon profitieren?
An anderer Stelle, wenn ein Pharmakonzern viel Geld investiert, um ein Medikament zu entwickeln, wird kritisiert, dass sich über ein Patent der Konzern ein Recht auf Eigentum an dieser Idee sichert. Denn dann müssen Kranke dafür zahlen, das Medikament zu benutzen. Das Recht auf Eigentum an einer Idee gilt also nicht für alle. Es gilt nicht für Weiße, und es gilt nicht für Reiche. Das Recht auf Eigentum an einer Idee gilt nur für Arme, speziell, wenn sie einer nichtweißen Kultur angehören. Die Hautfarbe bestimmt darüber, wer welche Rechte an Ideen erwerben kann. Das ist ganz klar rassistisch.
Natürlich würde ein Pharmakonzern ein Medikament nicht entwickeln, wenn er nur Geld hineinstecken darf, aber keines zurückbekommen kann. Laut den Ideen der Linken darf ein Konzern nur etwas produzieren, wenn er daran pleitegeht. Ein Reicher darf nichts verkaufen, er muss alles verschenken, um zu verhindern, dass es Reiche gibt.
Rassistisch ist die Idee, dass eine Kultur ein Recht auf Eigentum an Ideen erwirbt, wenn man sich die Fälle ansieht, bei denen „kulturelle Aneignung“ geschrien wird. Wenn Japaner klassische europäische Musik spielen, redet niemand von kultureller Aneignung, obwohl es objektiv gesehen genau das ist. Wenn Schweizer Musiker Rastalocken tragen, wobei niemand sagen kann, ob es die Wikinger oder die Afrikaner zuerst so machten, handelt es sich um kulturelle Aneignung. Wenn sie dann auch noch Reggae spielen, eine Musikrichtung, die von Bob Marley erfunden wurde, dann ist das ein empörender Fall von kultureller Aneignung.
Bob Marley war der Sohn einer jamaikanischen Mutter und eines britischen Vaters. Geboren ist er in Jamaika. Aber, so die Logik der Linken, weil er in Jamaika geboren wurde, ist Reggae eine Idee, die nur die jamaikanische Kultur besitzt, obwohl Bob Marley diese auch dem britischen Pop entlehnt hat. Bob Marley war der Feind eines jeden Rassismus, unter dem er selbst gelitten hat. Er hat es sich selbstverständlich verbeten, wenn jemand seine Songs kopierte. Das ist auch sein gutes Recht. Aber er hat nie jemanden kritisiert, weil er Reggae gespielt hat, unabhängig von dessen Hautfarbe. Reggae enthält den Einfluss zweier Kulturen. Es ist recht willkürlich, dies jetzt einer Kultur und einer Hautfarbe zuzuschlagen, außer man bedenkt: Reiche oder Menschen aus reichen Kulturen (selbst wenn sie bitterarm sind) dürfen nichts besitzen.
Jetzt ist die Frage: Wann darf ich Reggae spielen? Muss ich zu 100 % jamaikanische Vorfahren haben und in Jamaika geboren sein? Oder darf ich, wie Bob Marley, einen weißen Vater haben, wenn ich aus Jamaika stamme? Was ist, wenn lediglich meine Großmutter Jamaikanerin war? Wie weiß darf meine Hautfarbe sein? Solche Fragen kann nur ein Rassist beantworten, ich bin da völlig verloren, da ich nur eine einzige menschliche Rasse kenne. Es gibt Homo sapiens, und ich lehne jede Einteilung dieser Spezies in verschiedene Rassen ab, weil das auf völliger Willkür beruht. Wir alle stammen von Afrikanern ab. Über unsere Hautfarbe bestimmt lediglich, wie lange unsere Vorfahren in Gegenden mit hoher oder niedriger UV-Strahlung lebten. Dunkle Hautfarbe bietet einen evolutionären Schutz gegen Hautkrebs in Gegenden mit hoher UV-Strahlung.
Kulturen leben vom kulturellen Austausch
Unsere Kulturen leben vom kulturellen Austausch von Ideen. Warum betreibt ein Weißer kulturelle Aneignung, wenn er Rastalocken trägt, aber ein Afrikaner keine, wenn er europäische Anzüge mit Krawatte trägt? Wie reich muss man selbst oder die Kultur, aus der man abstammt, sein, um das zu verbieten?
Eigentum an Ideen ist ein kompliziertes Konstrukt, das genau deswegen rechtlich geregelt wird. Wenn Simon und Garfunkel das Lied „El Condor Pasa“ spielen, ohne dem Komponisten dafür etwas zu zahlen, begehen sie rein rechtlich kulturelle Aneignung, wobei das nichts mit der Kultur zu tun hat. Sie wurden dazu verurteilt, dem Komponisten des Liedes Geld zu bezahlen. Dabei wussten sie nicht einmal, dass der Komponist noch lebte, man hatte ihnen erzählt, dass es sich um eine alte Volksweise aus den Anden handelte. Das hat übrigens auch der Komponist bestätigt, aber absichtlich oder nicht, sie mussten zahlen.
Für die kulturelle Aneignung der Linken gibt es keine Regeln. Das wird willkürlich entschieden und ist ein weiterer rhetorischer Knüppel aus dem Sack schwarzer Rhetorik, den man bei Bedarf ziehen kann, um auf Leute einzuschlagen, die einem nicht passen, also Weiße oder Reiche oder Abkömmlinge der „falschen“ Kultur (meist der eigenen).
Man gibt vor, gegen Rassismus zu sein, und betreibt einen Rassismus, der dem der Faschisten in nichts nachsteht. Man unterscheidet wie die Nazis zwischen überlegenen Kulturen (allen armen und nichtweißen Kulturen) und moralisch unterlegenen Kulturen wie der von weißen Männern. Allerdings ist eine krude und willkürliche Moral jetzt der Maßstab, kombiniert mit einem Kollektivismus, in dem die Rechte der Individuen nichts zählen, sondern nur die der Gruppe, in die man zufällig hineingeboren wurde.
Da alles dies logisch widersprüchlich ist, und man aus logisch Widersprüchlichem Beliebiges folgern kann, handelt es sich um reine Willkür. Anders gesagt: Es ist zutiefst irrational. Moral dient dazu, die Probleme des menschlichen Zusammenlebens zu lösen, nicht dazu, neue zu schaffen, wo vorher keine waren. Das nennt man dann nämlich Unmoral. Die komplizierten Regeln des Urheberrechts (Eigentum an Ideen) wurden geschaffen, um das Problem der (kulturellen) Aneignung fremder Ideen zu lösen. Man mag es für falsch oder unzureichend oder verbesserungswürdig betrachten, aber selbst solche Regeln sind besser als reine Willkür. Statt den Rassismus zu beseitigen, fördert man einen neuen Rassismus. Statt den kulturellen Austausch zu fördern, der auch dazu führt, kulturelle Vorurteile zu verhindern, bremst man das alles willkürlich aus.
Das alles ist ein Symptom des kulturellen Niedergangs der Linken. Statt für Fortschritt und Aufklärung zu sein, setzt man auf Neid, Gegenaufklärung und einen kruden Rassismus. Hauptsache, man kann den reichen und armen Weißen eines auswischen und der Verachtung der eigenen Kultur Ausdruck geben. Das als armselig zu bezeichnen, ist noch grob geprahlt.
Das Konzept der „moralischen Überlegenheit“ ist dabei ebenso krude. Es handelt sich um eine der absurden christlichen Ideen. Wenn alle Menschen in einer Kultur, oder in mehreren Kulturen, friedlich zusammenleben wollen, ohne überflüssige Konflikte, benötigt man eine einheitliche Moral. Diese Moral sollte die Probleme und Konflikte, die sich aus dem Zusammenleben entwickeln, lösen können, und nicht neue erschaffen. Was für einen gilt, sollte für alle gelten, was für alle gilt, auch für jeden Einzelnen. Wenn es in zwei verschiedenen Kulturen eine unterschiedliche Moral gibt, schafft dies aber eher neue Konflikte. Dann braucht es einen Kompromiss. Die Moral der Linken ist aber so kompromisslos wie die von christlichen Fundamentalisten, bei beiden hat man den Eindruck, dass sie nicht wissen, welche Funktion eine Moral in der Gesellschaft hat.
Eine Moral ohne Logik ist keine, sondern Ausdruck von Beliebigkeit und Willkür. Moral ist ein Teilgebiet der Vernunft. In der Vernunft geht es darum, allgemeine Probleme zu lösen, und zwar auf die bestmögliche Weise. In der Moral geht es um die Probleme, die sich aus menschlichem Zusammenleben entwickeln, also ist Moral ein Teilgebiet der Vernunft, spezialisiert auf bestimmte Probleme. Ohne Logik gibt es keine Vernunft, daher kann auch keine Moral ohne Logik auskommen. Moral ohne Logik nennt man Unmoral.
Ich habe mich früher als Linken bezeichnet, aber je älter ich werde, umso weniger kann ich mit der modernen Linken anfangen. Man stellt teilweise die richtigen Fragen, kommt aber mit vollkommen unpassenden Problemlösungen. Man macht seine eigenen Hausaufgaben nicht, man redet beispielsweise von Ausbeutung, kann aber diesen Begriff nicht definieren. Also wendet man ihn willkürlich an. Man hält sich einen Antirassismus zugute, denkt aber zutiefst rassistisch. Liebe Linke, Ihr habt mir meine geistige, progressive, fortschrittliche geistige Heimat genommen mit Eurer Unlogik, in der moralische Empörung mehr zählt als alle Argumente. Ich kann Euch auf einer psychologischen Ebene verstehen, so wie ich die Irrationalität von Phobien verstehe, ohne dass ich mich darauf einlassen muss. Aber auf der Ebene der Logik habt Ihr mich verlassen und ich fühle mich ausgestoßen. Wann erfolgt bei Euch die überfällige Rückkehr zur Vernunft?
Kommentare
Der Artikel liest sich wie vom "Beginn der Menschheitsgeschichte":
Hatte der Homo Erectus schon Begriffe wie "Links" und "Rechts"? Oder erleben wir bei Volker Dittmar gerade den Übergang in ein neues Zeitalter?
Antworten
Hab' gerade nicht viel Zeit hier etwas zu schreiben.
Zu Bob Marley und Reggae:
Das Ganze wird nocht grotesker, wenn man weiß, dass es z. B. im Norden von Somalia eine Musiktradition gibt, die einer unglaubliche Schnittmenge mit dem, was wir als Reggae kennen, hat - für Normalsterbliche praktisch nicht zu unterscheiden.
Noch erstaunter war ich, als ich Chigyo-Musik aus Zimbabwe hörte - ebenfalls eine sehr große Schnittmenge mit Reggae und ebenfalls vollkommen unabhängig von eben diesem sowie der somalischen Musiktradition.
Hat sich also Bob Marley einer kulturellen Aneignung schuldigt gemacht? Oder nur deshalb nicht, weil er diese Musik(en) gar nicht kannte? Wer weiß das aber, oder kann das mit Sicherheit sagen?
Ein "Nachspielen" von Musik von Bob Marley kann man sehr wohl als Hommage ansehen. Ein Aufnehmen und Weiterentwickeln allerdings ebenso! So etwas - ein Aufnehmen und Weiterentwickeln - ist seit eh und je so geschehen und ich wage zu behaupten, dass es nun KEINEN, aber wirklich KEINEN einzigen der bekannten Musikstile gäbe, wenn nicht genau das durch die gesamte Menschheitsgeschichte so geschehen wäre (es sei denn, man wollte erstens annehmen, dass verschiedene prähistorische Menschengruppen Musik unabhängig voneinander entwickelt hätte (u. U. denkbar) UND sich im Laufe der Jahrzehntausende nie begegnet werden - sämtliche Fakten sprechen jedoch dagegen..
Oder geht es einfach nur ums Geschäft? ... Aber selbst das: Man stelle sich vor, irgendeine (womöglich auch noch hellhäutige) Band aus - sagen wir - Deutschland spielt Reggae. Jemand hört das zum ersten Mal, ist begeistert, fragt, was das für Musik ist und dann wird praktisch jeder sagen: Jamaika, Bob Marley! ...
Keine kulturelle Aneignung im negativen Sinne, sondern Würdigung mit kultur- und völkerverbindender Wirkung!
Antworten
Neuer Kommentar