Was hältst Du vom Genderstern?

Eine kleine Stern-Stunde

Was hältst Du vom Genderstern?

Foto: Pixabay.com / Berger-Team

Liebe BürgerSternInnen und BürgerSternAußen,

das Gendern der Sprache beruht auf einer Reihe von Irrtümern, falschen Annahmen und führt dazu, die Grammatik der Sprache zu zerstören, um nichts zu erreichen. Hehre Ziele, so schlecht angestrebt, dass man außer Ärger nichts erreichen wird.

Erstens, das grammatikalische Geschlecht hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Es heißt das Auge, die Hand, und der Fuß. Niemand kann eine Regel angeben, nach der man bestimmen kann, welcher Artikel verwendet wird. Bei jeder Regel, die man dazu versucht hat, fallen einem auf Anhieb ein Dutzend Ausnahmen ein. Auch die Etymologen wissen nicht, warum es im Deutschen der Mond heißt und im Französischen die Mond.

Das wird beispielsweise auch deutlich, wenn man sagt: „Das Schiff läuft in den Hafen ein“. Das Schiff, sächlich, neutral. Jetzt erfahren wir den Namen des Schiffes, es heißt: Otto Graf von Bismarck. Jetzt setzen wir das in obigen Satz ein: „Die Otto Graf von Bismarck läuft in den Hafen ein“. Der Name, so männlich er auch ist, aber jetzt heißt es plötzlich „die Schiff“.

Liebe Leser, es heißt zwar der Leser, aber damit wird nicht gesagt, um welches biologische Geschlecht es sich beim Leser handelt. Liebe Leserinnen, jetzt spreche ich hier nur die weiblichen Leser an, die männlichen sind explizit ausgeschlossen. Wer denkt, bei „liebe Leser“ seien nur die männlichen Leser gemeint, oder die weiblichen seien nur mitgemeint, dessen Kenntnisse der Grammatik haben nicht einmal Volksschulniveau.

Sollen wir uns von Leuten, die keine Ahnung von Grammatik haben, die das Prinzip nicht verstanden haben, vorschreiben lassen, die Grammatik der deutschen Sprache nachhaltig zu zerstören, um damit aller Welt zu demonstrieren: Deutsche haben keine Ahnung mehr von Grammatik?

Zweitens, einer der großen Vorteile der deutschen Sprache besteht darin, dass man fast alles auf Anhieb vorlesen kann, weil man liest, wie es geschrieben steht. Sofern es sich nicht um Fremdworte handelt, wird ausgesprochen wie geschrieben. Bei Bürger*Innen funktioniert das nicht, der Stern ist kein Laut, und was man versteht, heißt Bürgerinnen, was explizit alle männlichen Bürger ausschließt.

Drittens, Sprache formt zwar, wie wir uns die Welt denken. Das wird von PClern und Genderisten erkannt. Weniger bekannt ist, dass auch die persönlichen Erfahrungen der Menschen die Sprache formen. Anzunehmen, es gäbe einen Einfluss nur in eine Richtung ist schlicht falsch.

Wenn man mir sagt: Da steht eine größere Gruppe von Ärzten, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge Frauen und Männer. Hätte man mir vor 40 Jahren gesagt, da steht eine Gruppe von Frauenärzten, hätte ich nur Männer gesehen. Warum? Weil das damals so war. In 99% aller Fälle war ein Frauenarzt ein Mann. Das hat sich geändert, heute stelle ich mir vor, dass es sich überwiegend um Frauen handelt. Wenn gesagt wird, dort steht eine Gruppe von Ingenieuren, sehe ich fast ausschließlich Männer. Ich habe bis zum Vordiplom Maschinenbau studiert, in einer Einführungsveranstaltung für Erstsemester waren 500 angehende Ingenieure in der Vorlesung, darunter zwei Frauen. Ja, wir haben nachgezählt — dreimal. Wir konnten es fast selbst nicht glauben.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Marx hat noch gesagt: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, und damit hatte er weitgehend recht. Heute sagt man: Wir zwingen die Leute dazu, oder überreden sie, manipulieren sie, ihre Sprache zu ändern, damit dies das Bewusstsein ändert. Das soll dann zur Folge haben, dass sich die Gesellschaft ändert? In welcher Welt leben diese Leute? Ich kann mir, wenn jemand sagt, da steht eine Gruppe Ingenieure, mühelos eine Gruppe von Frauen vorstellen. Wird deswegen auch nur eine einzige Frau mehr Maschinenbau studieren? Wer das glaubt, den als naiv zu bezeichnen, ist noch ein höflicher Euphemismus.

Viertens, Maßnahmen zu ergreifen, ohne zu prüfen, ob diese einen Effekt haben, ist eine weit verbreitete Dummheit. Gibt es Untersuchungen, die zeigen, ob man damit einen anhaltenden Effekt hat? Was wir haben sind Untersuchungen über Kurzzeit-Effekte bei Kindern. Wir können aber einen gewaltigen Feldversuch anführen, der schlagend das genaue Gegenteil beweist, und das ist das stärkste Argument gegen den Genderwahn: Es gibt nämlich Sprachen, die bereits genderneutral sind. D. h., Sprachen, in denen das, was die Genderisten mit der deutschen Sprache veranstalten wollen, bereits gegeben ist, Sprachen ohne grammatikalisches Geschlecht.

Eine solche Sprache ist das Türkische. Heißt dies jetzt, dass in türkischen Vorständen Frauen und Männer in gleichem Maße vertreten sind? Bedeutet es, dass es in der Türkei mehr Frauen in den Ingenieursberufen gibt als bei uns? Das Frauen generell bessergestellt sind als bei uns? Das ich nicht lache.

Maßnahmen zu ergreifen, von denen man beweisen kann, dass sie nicht funktionieren, ist nicht einfach nur dumm, das kann man nur noch mit Wahn erklären.

Dies ist das schlagende Argument gegen das Gendern.

Fünftens, alles basiert auf einem moralistischen Fehlschluss: Um Frauen und Männern gleiche Rechte und gleiche Chancen geben zu können — ein hehres, ein richtiges Ziel, keine Zweifel — müssen wir sie gleich machen. Sprachliche Gleichschaltung kennen wir ansonsten aus faschistischen Diktaturen und der DDR.

Gleichheit ist aber keine Voraussetzung für Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Bei echter Gleichheit müssten wir über Gleichberechtigung etc. nicht einmal diskutieren. Gleichmacherei durch Sprache wird keine Folgen für gleiche Rechte und gleiche Chancen haben, man ersetzt konkrete Maßnahmen durch reine Lippenbekenntnisse. Wenn die Genderisten recht hätten, müssten wir, wenn sie die grammatikalischen Geschlechter platt gemacht haben, ja sonst nichts mehr tun. Reden statt handeln, das ist etwas, was gestandene Feministinnen nicht umsonst in Rage bringt. Mich auch.

Wie gut das funktioniert kann man anhand der Türkei sehen.

Sechstens, gerade hat man angefangen, die Sprache der Bürokraten zu vereinfachen und verständlicher zu machen, ebenso das Juristendeutsch, damit Leute aus unteren Schichten bessere Chancen haben — schon wird das durch das Gendern wieder zunichtegemacht. Denn es macht die Sprache unnötig kompliziert, gerade auch für Ausländer, die erst lernen müssen, wie das grammatikalische Geschlecht im Deutschen funktioniert, um dann verstehen zu müssen, wie man kunstvoll auf dessen Anwendung verzichtet, indem man sich sprachlich verrenkt.

Ach, ich könnte noch ein weiteres Dutzend an Argumenten liefern. Nützen würde das aber auch nichts, weil die Genderisten sich als ziemlich merkbefreit und vernunftresistent erwiesen haben. Einer solchen Gruppe sollte man nicht mehr Einfluss auf die Gesellschaft erlauben, als ihre Argumente hergeben — und keines ihrer Argumente ist nicht schon längst widerlegt.

Deutsch wird allmählich zur Sprache der nicht ganz dichten und nicht denkenden. Das ausgerechnet die Universitäten zu einem Hort von solchen abstrusen Ideen geworden sind, lässt einen am deutschen Bildungssystem verzweifeln.

Kommentare

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    Klaus Fritz

    Eine aggressive Sprachideologie. Sie schließt die nicht gendernden aus und spaltet die Gesellschaft.

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      Selim Niklaus

      Meiner Meinung nach überflüssig und kompletter Unsinn. Ich finde Gleichberechtigung wichtig, aber das Gendersternchen einfach nur absurd.

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        Anonym

        Inhaltlich 100% Zustimmung. Was mich etwas stört ist teilweise das Vokabular, wie z.B. "Gendergaga". Dieser Begriff ist so vergiftet/giftig und wird fast nur von Leuten aus dem rechten Lager benutzt. Ich hätte mir eine sachlichere Auseinandersetzung gewünscht. Links zu Studien wären auch fein gewesen.
        Ich (w) persönlich gehe den gegenderten Begriffen so weit möglich aus dem Weg indem ich z.B. ein Browser-Add-On benutze, das alles (zuverlässig) rausfiltert. Fernsehen schaue ich so gut wie gar nicht. Also noch komme ich klar.
        Was die Bundestagswahl angeht werde ich wahrscheinlich die Grünen wählen, auch wenn deren Standpunkt zum Gendern mir arge Kopfschmerzen bereitet.

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          Sestesch

          Hallo Herr Dietmar,

          wie gewohnt, ein(e) interessante(r) Kolumne / Kommentar von Ihnen: viele Ihre Punkte sind durchaus überlegenswert, aber an einigen Stellen hätte ich mir auch eine neutralere Wortwahl grwünscht (siehe Kommentar oben), schon allein um der sachlichen Diskussion willen - aber vielliecht war der Artikel auch als Glosse gedacht...

          Ein paar Gedanken zur Ergänzung und als Feedback meinerseits: Die Grammatik einer Sprache umfasst tradierte Konventione - sie folgen keinem "göttlichen" Prinzip, sondern legen einfach die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zur Kommunikation in der Realität aus. Insofern kann man sehr wohl die Konventionen ändern, passierte in der Vergangenheit immer wieder und passiert auch ständig heute noch: Stichwort: Marketingsprech und Anglizismen.

          Ich bin etwas hin- und hergerissen: einerseits bin ich sehr wohl der Meinung, dass Sprache die Vielfalt der Realität besser abbilden sollte und muss, und dass die Wortwahl sehr wohl das Denken in vorgelegte Bahnen lenkt: Wenn es bspw. im Deutschen ein Personalpronomen für intersexuelle Menschen gäbe, würden wir beim Sprechen sehr wohl eine andere Wahrnehmung schaffen, auch wenn es nur wenige betrifft (im Gegensatz zu männlich/weiblicher Flexion). Trotzdem finde ich Ihre Argumentation spannend und (im Wortsinne) betrachtenswert, insbesondere in Bezug auf die Evidenz - es wäre definitiv interessant, Experimente durchzuführen, um diese Hypothese zu stützen oder zu widerlegen.

          Andererseits empfinde ich die tatsächliche Umsetzung durch Gendersternchen auch als äthetisch/typografisch/sprachlich störend - hier ließen sich vielleicht bessere Möglichkeiten finden. Ist etwas einfallslos geraten das Ganze...

          Letztlich bin ich aber der Überzeugung, dass mehr Gelassenheit in der Sache selbst nicht schadet: die meisten Deutschen (die ich kenne, mich nicht notwendigerweise ausgeschlossen) haben in der Schriftsprache Probleme mit der korrekten Groß- und Kleinschreibung und der Getrennt- und Zusammenschreibung - da haben keine ordentlichen Regeln des Duden oder Wahrig bisher geholfen. Stattdessen kriecht die englische Grammatik ins Deutsche und macht sich dort breit. Wenn wir das nicht mal ordentlich beherrschen, dann brauchen wir uns um die Gendersternchen eigentlich keine Sorgen zu machen...

          Es bliebt jedenfalls spannend. Viele Grüße, bis zum nächsten Beitrag in Wort oder Bild auf den unterschiedlichen Kanälen...

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            libertador

            Das Argument mit der türkischen Sprache erscheint mir etwas schwach zu sein. Es wird ein einzelner Fall herausgegriffen und dieser auch nicht weiter analysiert. Ich kennen die türkische Grammatik überhaupt nicht, kann da also nicht zu sagen. Kennt Sie als Autor diese besser? Gibt es andere Bedingungen, warum die Türkei Probleme mit Rechten für Frauen hat, usw. Von einem Fall auf die kausalen Zusammenhänge zu schließen, ist problematisch, wenn es nicht um strikte Gesetze geht und in den Sozialwissenschaften gibt es so gut wie keinen strikten Gesetze.

            Ob das Genderstern der richtige Weg für eine Änderung der Sprache ist, kann sicher hinterfragt werden. Ich sehe, aber dass damit auf eine Schwäche der Sprache verwiesen wird. Es gibt eine Sonderform für weibliche Einzelpersonen oder Gruppen, aber die männliche Form soll dann neutral funktionieren. Das widerspricht meiner Vorstellung einer ästhetischen Sprache, die dies symmetrisch löst, da ich Frauen und Männer nicht hierarchisch geordnet sehe. Außerdem ist es unpraktisch. Wenn ich zum Beispiel sage: "Der Arzt hat mich behandelt". Dann kommen eine Ärztin und ein männlicher Arzt (was man dann ja immer anfügen müsste, wenn man dies festlegen will) und ich sage erneut: "Der Arzt hat mich behandelt". Was bedeutet das dann? Mich stört es, dass es keine explizit unbestimmte Form im deutschen gibt.

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              Christian

              Deutschland und die Türkei bezüglich ihrer Zugänglichkeit zu bestimmten Berufsgruppen zu vergleichen ist fehlerhaft, wenn wir über die Verwendung des Gender Sterns reden. Denn in der Türkei herrschen andere soziale, religiöse, kulturelle und ökonomischen Gegebenheiten vor, welche eine solche Gleichstellung ohnehin erschweren. Doch damit hat die Sprache nichts zu tun.

              Sprache und Schrift verändern sich ohnehin stetig. Daher habe ich eine äußerst pragmatische Sichtweise:

              Wenn sich Menschen dadurch eher angesprochen fühlen könnten, so ist dies ein einfach umzusetzendes Mittel. Sucht ein Unternehmen nach Techniker*innen, sind alle miteingeschlossen. Das maskuline Generikum ist nicht jeder Person klar, daher kann eine deutliche Sprache hier nützlich sein.

              Zudem verändert sich meine persönliche Situation nicht, weder zum Besseren, noch zum Schlechteren.

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