Was ist das überzeugendste Argument für den Atheismus?

Das hängt davon ab, wie man Gott definiert, d. h., welche Eigenschaften man ihm zuschreibt.

Was ist das überzeugendste Argument für den Atheismus?

Foto: pixabay.com / kalhh

Gläubige weigern sich häufig, selbst anerkannte angenommene Eigenschaften als gegeben anzunehmen, sobald man sie mit einem Argument gegen diese Eigenschaft konfrontiert.

Beispiel: Als ich in einem katholischen Forum die Allmacht kritisierte und zeigte, dass es sich um eine selbstwidersprüchliche Eigenschaft handelt, kam sofort als Einwand: Wer behauptet denn, dass Gott allmächtig ist?

Allmacht ist die einzige göttliche Eigenschaft, die im Glaubensbekenntnis zweimal erwähnt wird. Wenn also jemand die Allmacht Gottes bestreitet, dürfte er eigentlich das allgemeine Glaubensbekenntnis nicht mehr aufsagen.

Man kann jedes Argument damit aushebeln, dass man die Logik nicht anerkennt, auf der es basiert. Wenn mir jemand erzählt, dass Gott „über” der Logik steht (das ist nicht einmal eine sinnvolle Behauptung), dann kann auch kein Argument gegen Gott funktionieren.

Gott wird als transzendent und supernaturalistisch bezeichnet. Beides sind Begriffe mit einem Sinngehalt von Null. Aber damit kann man Gott jedem Argument entziehen.

Man kann also nur fragen: Was ist das Argument, was Atheisten zum größten Teil überzeugt, dass es nicht sinnvoll ist, an Gott zu glauben?

Antwort: Das Theodizeeproblem von Epikur. Es gibt keine überzeugende Antwort auf dieses Problem, obwohl es vorchristlich ist. Georg Büchner bezeichnete das Argument als „den Fels des Atheismus”.

Epikur hat es so formuliert:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht:
Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Ich formuliere das Problem inzwischen anders als Epikur es tat. Man kann nämlich die Allmacht Gottes bestreiten, dann ist das Problem gelöst, aber siehe Glaubensbekenntnis!

Frage: Ist Gott mächtig genug, eine Welt ohne Leid zu erschaffen?

Ja: Dann ist alles Leid, das Lebewesen erfahren (nicht nur der Mensch!) folglich überflüssig. Die Zufügung von überflüssigem Leid ist aber ein Akt moralischer Grausamkeit. Wenn es notwendiges Leid gibt, das auch Gott nicht abschaffen kann, dann hieße ewiges Leben auch ewiges Leid. Aber dann müsste die Antwort „Nein” lauten. Wenn Gott das kann, aber nicht getan hat, dann muss man an seiner Güte zweifeln, oder an seinen Motiven. Ein solcher Gott kann nicht gut sein!

Nein: Dann ist die zentrale christliche Hoffnung auf ein Paradies vergebens. Damit ist das Christentum eine Religion, die eine falsche Hoffnung erweckt. Gott mag dann vielleicht willig sein, aber er ist zu schwach, seinen Willen auszuführen.

Es spielt also keine Rolle, wie die Antwort auf die Frage lautet, oder ob man sie mit „ich weiß es nicht“ beantwortet. Der Gott, der moralisch gut ist, und der mächtig ist, kann nicht existieren, so wenig wie ein „verheirateter Junggeselle“.

Dass beide Antworten zu einem negativen Urteil führen, liegt daran, dass Gott widersprüchlich definiert wurde, und was widersprüchlich definiert wird, existiert nicht.

Entweder, es gibt einen Gott, dem wir vollkommen gleichgültig sind, oder aber Gott existiert überhaupt nicht. Oder schlimmer noch, Gott ist boshaft.

Gleich, wie man auf die Frage antwortet, ist der Atheismus gerechtfertigt. Bisher habe ich noch keine sinnvolle Antwort auf diese Frage erhalten, mit der man die Existenz eines in einer monotheistischen Religion verehrten Gottes dagegen rechtfertigen könnte.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Rene Schwarz

    Meiner Ansicht nach ist dies das stärkste Argument gegen Religion.
    Kann oder will "Gott" das Leid auf der Welt nicht verhindern ?
    In beiden Fällen macht es keinen Sinn, "Gott" anzubeten.
    Gottesglaube ist letztlich zwecklos.
    Bin gespannt, ob unsere allgegenwärtigen, gläubigen Leser und Kommentatoren auch auf diesen Beitrag eine logische Erklärung haben.

    Antworten

    1. userpic
      Norbert Schönecker

      Teil eins: Das Leid in unserer Welt
      Ich möchte die leidvollen Teile aus meinem Leben nicht streichen. Erstens, weil ich gerade durch leidvolle Erfahrungen viel Nützliches gelernt habe. Zweitens und vor allem, weil durch Zeiten des Leides und des Mitleids die besten und stärksten Freunschaften entstanden sind. Diese kostbaren Freunschaften und Erfahrungen sind durch das Leid günstig erkauft.

      Teil zwei: Wäre das ohne Leid in einer anderen Welt auch möglich?
      Sichere Antworten über eine mögliche andere Welt sind schwer zu geben.
      Aber: Wie sollte denn Treue - ein zentraler Bestandteil von Freunschaft, Liebe oder Familie - ohne Leiden ausschauen? Treue zeigt sich doch gerade im Leid. Ohne Leid würde sich echte Freundschaft nicht von einer falschen unterscheiden. Erst das Leid lässt Treue zu, und erst die Treue macht aus einem Bekannten einen Freund. Erst durch Treue im Leid erhält eine Freunschaft ihren eigenen hohen Wert.
      Das gilt für unsere menschliche Spezies. Das gilt ähnlich auch für die gesamte Evolution: Ohne Leidensdruck hätte es nie einen Fortschritt gegeben.
      Deshalb ist die These zumindest aufstellbar: Leid ist ein notwendiger Bestandteil der Liebe, der Freunschaft und des Fortschritts.
      Man kann natürlich immer noch sagen: Ein allmächtiger Gott muss doch auch eine Welt erschaffen können, wo es all das ohne Leid gibt. Nur: Ob das möglich ist, weiß ich nicht. Ist Treue ohne Leid ein sinnvoller Gedanke, so wie ein Motor ohne Abgase? Oder ist er schlicht sinnlos, so wie ein Schattentheater ohne Licht? Ohne Licht gibt es nun einmal per Definitionem keinen Schatten, also ist ein Schattentheater ohne Licht ein total unsinnige Idee.
      Ob es in einer anderen Welt ein glückliches Leben ohne Leid geben könnte, kann ich nicht beantworten. Aber: Vorstellen kann ich mir das nicht. In unserer Welt wären wir ohne Leid in der Evolution längst nicht so weit. Und in meinem Leben würden mir gerade die wertvollsten Erfahrungen fehlen.
      Als Christ nehme ich an, dass Gott das Leid nur zulässt, weil es prinzipiell einen hohen Sinn erfüllt und Liebe und Treue ohne Leid eben nicht denkbar wären. Leid scheint für Liebe ebenso unverzichtbar zu sein wie das Licht für das Schattentheater.

      Teil drei: Allmacht
      Manche Forderungen an Gottes Allmacht sind etwas kindisch und bewegen sich am Niveau von "Kann Gott einen Kreis machen, der nicht rund rot ist?" oder "Kann Gott etwas Rotes machen, das nicht rot ist?" Und der Klassiker "Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass nicht einmal Gott ihn aufheben kann?" läuft auf die Frage hinaus: "Wer ist stärker: Gott oder Gott?" Das hört sich dann gleich nicht mehr so schlau an.

      Teil 4: Fazit
      Ich schlussfolgere für mich: Nicht jedes Leid ist sinnlos. Eine völlig leidfreie Welt erscheint mir nicht erstrebenswert.
      Das ändert aber nichts daran, dass in unserer Welt eine ganze Menge Leid vorkommt, in der ich keinerlei Sinn erkenne. Und es kann durchaus vorkommen, dass ich Gott geistig anschreie "Gott, wie kannst Du so etwas zulassen? Bist Du übergeschnappt? Wo ist denn jetzt Deine Liebe?" (Ich wage das, weil die biblischen Psalmen Gott ähnlich anklagen)
      Interessanterweise hat das meistens entweder zur Folge, dass es mir besser geht (wenn das Leid mich selbst betrifft), oder, dass ich motiviert bin, etwas gegen das Leid zu unternehmen (wenn es andere betrifft).

      Antworten

      1. userpic
        Thomas B. Reichert

        In was für einen kollektiven Wahn sich doch die Menschen befinden.
        Götter sind Personifikationen von Dinge (Sonne, Mond, Erde, Weisheit ...) und Monogötter (YHWH, Gott, Allah, Aton ...) sind Personifikationen der Lichtenergie und damit kann der Priester alles sagen und dem gutgläubigen Volk ein kollektives Über-Ich einreden - das Volk verdummen, führen, formen, nutzen, programmieren.
        Jede Religion ist eine ART(Kunst)Diktatur - Gesellschaftskontrolle!
        Quelle: www.gottesoffenbarung.com - Aufklärung Gott und Christentum ...

        P.S. Das "Paradies" können wir nur erschaffen, wenn wir Menschen die logisch konstruierte Irrlehren -> Religionen abschaffen.

        Antworten

        1. userpic
          foramentor

          Gott entzieht sich tatsächlich unserem tieferen Verständnis, was mit der Logikabhängigkeit unseres diskursiven Denkens zu tun hat. Insofern ist die Unbegreiflichkeit des Wesens Gottes eben auch für Gläubige eine ständige Tatsache. Eine Intelligenz notabene, die keine Unbegreiflichkeiten duldet, kann nur schwerlich Intuition oder Imagination zulassen, beschränkt sich daher selber.

          Egon von Petersdorff hat in seinem Werk "Daemonologie" behelfsweise Gott als das unerschaffene Sein charakterisiert. Gefällt mir! Die Allmacht und Allgüte Gottes wird in der - wenn unserseits auch bloss bruchstückhaft überschaubaren - Gesamtheit der Schöpfung offenbar und ist etwas besser erahnbar mit der Theologie von "Himmel und Erde", also der materiellen und der geistigen Welt.

          Die naiven Allmachtsforderungen, welche Sie, lieber Herr Schönecker, treffend skizzieren,
          tendieren für mich in die Richtung unfairer Rhetorik, indem sich gegenseitig ausschliessende oder aufhebende Begriffe einander gegenübergestellt werden.

          Das Theodizeeproblem Epikurs kann ein ehrlicher Gläubiger kaum wegdiskutieren, sondern er wird mit Dogmen aus der christlichen Theologie argumentieren müssen, welchen u.a. etliche Mysterien Gottes zugrundeliegen. Ausserdem hilft uns Gott mit Offenbarungen, um damit die Barriere der ungenügenden menschlichen Verstandeskraft zu umgehen. Ich weiss, das bietet viele Angriffspunkte!

          Bezüglich des Leides in unserer Welt dürfte ein Schlüsselargument imho der Freie Wille sein, welchen uns Gott zugestanden hat. Wenn Gott nun alles Leid verhindert oder beseitigt, respektiert er unseren Freien Willen nicht, zumal fast alles Leid letztlich aus menschlicher Verhaltensweise und Aktivität herrührt. Es kommt nicht von ungefähr, dass namentlich Atheisten den Freien Willen des Menschen bestreiten. In einer Welt ohne Leid müssten wir vollkommen gut sein ohne böse zu entscheiden und zu handeln - oder wir hätten alternativ keinen Freien Willen, sondern blossen Instinkt. Vollkommenheit im Guten und somit reine Gottzugewandtheit gibt es nach christlicher Dogmatik bloss in der geistigen Welt des Ewigen Lebens nach unserem Tod.

          Ist wirklich alles unwahr oder unmöglich, was wir Menschen mit unserem begrenzten
          Verstandesvermögen nicht erklären oder beweisen können? Mit dieser Haltung hieven wir uns auf die narzisstische Stufe des "Homo Deus".

          Antworten

          Neuer Kommentar

          (Mögliche Formatierungen**dies** für fett; _dies_ für kursiv und [dies](http://de.richarddawkins.net) für einen Link)

          Ich möchte bei Antworten zu meinen Kommentaren benachrichtigt werden.

          * Eingabe erforderlich