Was ist Islam?

Islam, Scharia, politischer Islam und Islamismus

Was ist Islam?

Foto: Pixabay.com / Konevi

Immer wieder sehe ich in den sozialen Medien Behauptungen, wonach die Begriffe Islam, Scharia, Islamismus und politischer Islam genau dasselbe bedeuten würden. Dies tun nicht nur Nichtmuslime, sondern sogar Muslime selbst oder Ex-Muslime. Der Islam sei durch und durch politisch und deshalb sei es absurd, die anderen Begriffe vom Islam zu trennen. Diese Begründung ist zwar nicht falsch, doch will ich zumindest bestreiten, dass es sich bei diesen Begriffen um Synonyme handelt. Nachfolgend möchte ich, was die Bedeutung dieser Begriffe anbelangt, Klarheit schaffen und diese dabei auch kritisch hinterfragen.

Was ist Islam? Den Begriff Islam erfasst man als Nichtmuslim vermutlich am besten, wenn man sich das christliche Gegenstück des Begriffes etwas aus der Nähe betrachtet, namentlich das Christentum. Das Christentum und das, was heute dazu gehört, und das, was in der Vergangenheit dazu gehörte, sind bekanntlich sehr vielfältig. Es gibt eine Vielzahl von christlichen Denominationen mit unterschiedlichsten Traditionen und Dogmen und – wie erwähnt – sogar solche, die es heute nicht mehr gibt, beispielsweise gewisse Frühchristen mit ihren apokryphen Evangelien, die in der heutigen Glaubenspraxis überhaupt keine Rolle mehr spielen. Auch diese Menschen waren unstrittig Christen und gehören damit der Welt des Christentums an, zumindest begrifflich. In die Welt des heutigen Christentums gehören sowohl die Sängerinnen eines Gospelchors aus dem Süden der Vereinigten Staaten als auch die Anhänger des Opus Dei, die man beispielsweise nur schwer mit den Befreiungstheologen Südamerikas vergleichen kann, obwohl es sich bei den beiden letztgenannten um Katholiken handelt und somit eine Zugehörigkeit zur selben Kirche besteht. Sehr wesentlich ist also die Erkenntnis, dass damit sogar innerhalb einer einzelnen christlichen Denomination große Unterschiede in der Glaubenspraxis existieren können, die nach Person, Ort, Gemeinde und Zeitpunkt sehr stark variieren können. Eine Lutheranerin aus einer Landgemeinde im 17. Jahrhundert und eine Lutheranerin im 21. Jahrhundert, die in der Stadt lebt und höchstens zu den hohen Feiertagen die Kirche besucht, dürften zumindest in individueller Hinsicht über einen unterschiedlichen Glauben verfügen. Selbst das Jesusbild dieser beiden Frauen könnte stark variieren, obwohl sie der gleichen Kirche angehören.

So vielfältig das Christentum ist, so vielfältig ist auch der Islam, insbesondere, wenn lokale Traditionen und Bräuche in Betracht gezogen werden. Sehr unterschiedlich ist allerdings auch die individuelle Glaubenspraxis, die ich vorhin im Zusammenhang mit den Christen angesprochen habe. Daher ist die Behauptung, dass es nur einen Islam gebe, genauso falsch wie die Behauptung, dass es nur ein Christentum gebe. Unabhängig von den Denominationen, die ohnehin schon große Unterschiede untereinander aufweisen, ist der Islam letztendlich auch immer das, was der Einzelne daraus macht, das heißt, wie er den Islam individuell versteht und praktiziert.

Viele aber bei weitem nicht alle Muslime tendieren dazu, wie dies auch Christen allerdings eher in der Vergangenheit taten, anderen Muslimen ein unislamisches Verhalten zu unterstellen, oder eine islamische Denomination, Glaubensrichtung oder Praxis aus der Welt des Islam ganz generell auszuschließen. Dieser Umstand geht auf die Tatsache zurück, dass in der Welt des Islam der Gedanke der Religionsfreiheit nicht wirklich verwirklicht ist, was letztendlich auf den Islam selbst zurückzuführen ist. Interessant dabei ist, dass in der Welt des Islam, wo derartige Vorbehalte gegenüber die Angehörigen einer anderen Glaubensgemeinschaft vorhanden sind, die Ablehnung gegenüber einer anderen islamischen Praxis jeweils größer ist als die Ablehnung gegenüber anderen Religionen. Schiiten im Iran haben gegenüber ihrer jüdischen Bevölkerung in aller Regel ein besseres Verhältnis als zu ihren aus westlicher Sicht vermeintlichen „Glaubensgenossen“ im wahhabitischen Saudi-Arabien.

Ablehnung des Islamischen Staates (IS)

Eine starke muslimische Ablehnung existiert auch gegen den Islamischen Staat (IS), weshalb der Begriff insbesondere von Muslimen immer wieder gerne in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt wird, um die Tatsache zu verneinen, dass der IS etwas mit dem Islam zu tun hat. Lamya Kaddor etwa behauptete in der Vergangenheit immer wieder, dass die IS-Dschihadisten keine Muslime seien. Man sollte eine solche Angabe nicht wirklich ernst nehmen, wenn man in Betracht zieht, dass die Dschihadisten-Miliz, die sich als Staat bezeichnete, ihre Mitglieder als „Staatsangehörige“ registrierte, dabei die Scharia-Kenntnisse überprüfte, diese klassifizierte und auf dem entsprechenden Formular des „amtlichen“ Personenregisters Angaben darübermachte. Die Grundlage des IS war ganz klar der Islam, auch wenn die Interpretationen der Dschihadisten-Miliz von den Interpretationen und der Praxis der überwiegenden Mehrheit der Muslime in vielen Bereichen abweichen, was unstrittig ist, womit aber nicht behauptet werden kann, dass diese Leute keine Muslime seien. Außerdem ist daran zu erinnern, dass einige Schüler der vorgenannten Lamya Kaddor sich dem IS anschlossen.

Islam ist damit sowohl die Religion des türkischen Chemie-Nobelpreisträgers als auch die eines Alkohol trinkenden, Drogen konsumierenden und Frauen belästigenden Jugendlichen aus Nordafrika, der nie in die Moschee geht und den Islam vor allem als Identifikationsmerkmal wahrnimmt. Sowohl die schönen türkischen Bikini-Models der berühmten Marke Zeki Triko dürften in ihrer überwiegenden Mehrheit muslimisch sein, als auch die genitalverstümmelten Ägypterinnen, die einen Niqab tragen. Dass es Muslime gibt, welche die weibliche Genitalverstümmelung und den Niqab als unislamisch bezeichnen, ist unstrittig, was jedoch nichts daran ändert, dass die Motive hinter der weiblichen Genitalverstümmelung und dem Niqab bei den erwähnten Ägypterinnen durchaus islamisch sind und eine Grundlage in der Scharia haben. Eine Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Gemeinde ist ebenfalls eine Muslimin, obwohl andere Muslime sie und andere Angehörige ihrer islamischen Sekte, nur, weil sie eine andere Form des Islam leben, als Häretiker betrachten. Und bei aller Ablehnung durch eine überwiegende Mehrheit der Muslime ist es auch eine Tatsache, dass Seyran Ateş eine Muslimin ist und ihre Moscheegemeinde durchaus auch in die Welt des Islam gehört. Für uns völlig unbeachtlich sollten damit diese gegenseitigen Häresie-Vorwürfe aus der Welt des Islam sein, vor allem sofern wir keine Muslime sind und uns nicht verpflichtet sehen müssen, die eine oder die andere Form des Islam zu verteidigen, indem wir anderen Muslimen unislamisches Verhalten vorwerfen, wie dies etwa beim IS oder bei der Gemeinde von Seyran Ateş erfolgt, die freilich völlig gegensätzliche Eigenschaften aufweisen, aber dennoch beide der Welt des Islam angehören.

Islam kann aus diesen Gründen auch die Religion einer säkularen Muslimin ohne Kopftuch sein, die ein völlig unauffälliges Leben führt, keiner Moscheegemeinde angehört und ihren Glauben innerhalb ihrer vier Wände auf eine sehr individuelle und private Art und Weise praktiziert. Und Islam ist last but not least auch die Religion einer Person, welche sie praktisch nie ausübt, dennoch an Gott glaubt und sich aufgrund der Tatsache, dass die Eltern in einem muslimischen Umfeld aufwuchsen, ebenfalls zum Islam bekennt und nur deshalb nicht zu einer anderen Religion. So wie gerade das letztgenannte Beispiel in der Welt des Christentums durchaus vorhanden ist, existiert es natürlich auch in der Welt des Islam. Damit sind auch Angaben von Muslimen, die immer wieder zu hören sind, dass es im „wahren Islam“ dieses und jenes nicht gebe, völlig unbeachtlich, weil so etwas wie der „wahre Islam“ nicht existiert. Nach dem Gesagten kann festgehalten werden, dass der Begriff Islam doch sehr vieldeutig ist, insbesondere, wenn man zusätzlich individuelle Aspekte in den Begriff einbezieht, was aus meiner Sicht geradezu zwingend ist.

Gesamtheit sämtlicher islamischer Normen

Unter dem Begriff Scharia ist die Gesamtheit sämtlicher islamischer Normen inklusive die Methode der Rechtsfindung zu verstehen und zwar auf der Grundlage des Koran, der Hadithe (Sprüche, Befehle und Taten des Propheten) und der Sira (fromme Prophetenbiographie) sowie der jeweils relevanten Literatur. Da unterschiedlichste islamische Denominationen, Traditionen und Rechtsschulen existieren, gibt es natürlich nicht nur eine Scharia, genauso wenig, wie es nur einen Islam gibt. Was reguliert wird, ist allerdings unabhängig von dieser Unterschiedlichkeit immer sehr umfassend, weshalb man über die Scharia sagen kann, dass es sich um Recht im weitesten Sinne handelt. Sie beinhaltet einerseits Vorgaben, die ausschließlichen Kultuscharakter haben wie etwa die möglichen Methoden der rituellen Waschung, die Gebetszeiten oder die Gebetsrichtung. Sie enthält Speisevorschriften wie etwa das Verbot, Schweinefleisch zu konsumieren. Sie macht Vorgaben darüber, wie man als Muslim mit den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften umzugehen hat. Sie gibt vor, wie Frauen sich bekleiden müssen und wie nicht und wie Männer ihre Bärte schneiden sollen, damit sie nicht Juden oder Christen gleichen, sondern als Muslime wahrgenommen werden. Sie enthält Normen, die aus westlicher Perspektive dem Zivil- oder dem Strafrecht zuzuordnen wären und vieles mehr. Da die Normendichte damit enorm ist und für Dinge Vorgaben existieren, die normalerweise nicht mit einem Gesetz ausgedrückt würden, kann gesagt werden, dass die Scharia nicht nur die Gesamtheit sämtlicher islamischer Normen abbildet, sondern vielmehr auch das Bild einer idealen islamischen Gesellschaft zeichnet, in der diese Normen umfassend eingehalten werden und andere Muslime im Rahmen einer Mitwirkungs- respektive Kontrollpflicht für deren Einhaltung sorgen. Damit haben wir es – sofern dieser Idealzustand verwirklicht wird – durchaus auch mit einem politischen System zu tun. Da dieses politische System jeden erdenklichen menschlichen Bereich durchreguliert und sogar Vorschriften über intimste Dinge macht, handelt es sich dabei zumindest aus meiner Sicht um ein totalitäres politisches System, in welchem weder Demokratie, noch Gewaltenteilung noch Rechtsstaatlichkeit einen Platz haben können und damit auch keine Grundrechte. Vor allem verhindert ein solches politisches System, das als Vorbild eine idealisierte arabische Gesellschaft des 6. und des 7. Jahrhunderts vor den Augen hat, jeden gesellschaftlichen Fortschritt und bedeutet ganz im Gegenteil einen kompletten gesellschaftlichen Stillstand.

Diese negativen Aspekte der Scharia wurden insbesondere im Zwanzigsten Jahrhundert in muslimischen Gesellschaften erkannt und es hat sich eine Reformbewegung entwickelt, an deren Spitze der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk stand, der auf andere muslimisch geprägte Staaten und deren Staatsoberhäuptern eine enorme Ausstrahlung und Einfluss hatte. Durch seine Reformen hat er Inhalte der Scharia, die einen gesellschaftspolitischen Aspekt haben, in seinem Land zumindest zurückgedrängt und diese durch moderne Normen ersetzt. Im Prinzip ging es also darum, nur jenen Teil der Scharia zuzulassen, der ausschließlich Glaubensbelange betraf, und möglichst jeden Einfluss des Islam auf die Gesellschaftspolitik und die Gesetzgebung zu unterbinden.

Gesellschaftspolitisch motivierter Teil des Islam

Wenn man so will, kann man bereits den gesellschaftspolitisch motivierten Teil des Islam, der nicht mit reinen Glaubensfragen zu tun hat, bereits als politischen Islam bezeichnen, so wie viele dies tun, unter anderem auch ich. Die Verwendung des Begriffs ist allerdings nicht einheitlich. Teilweise werden der politische Islam und der Islamismus, auf den ich gleich eingehen werde, als Synonyme verwendet, was aus meiner Sicht nicht ganz korrekt ist. Wenn eine Frau beispielsweise den Hijab oder den Niqab trägt, was gesellschaftspolitisch motivierte Maßnahmen der Scharia darstellen, die den Zweck verfolgen, die islamische Sittlichkeit innerhalb der Gesellschaft herzustellen, wäre dieses Verhalten damit bereits als ein Aspekt des politischen Islam zu qualifizieren, selbst wenn die entsprechende Person politisch nicht aktiv ist, beispielsweise, weil sie nie wählen geht. Die Bezeichnung politischer Islam ist aber dennoch richtig, weil der Islam respektive dessen Praxis in diesem Fall nicht auf reine Glaubensangelegenheiten beschränkt ist, sondern auch politische Forderungen erfüllt, die im Islam durchaus vorhanden sind. Eine islamische Bildungseinrichtung, in der Geschlechterapartheid herrscht, ist damit durchaus Teil des politischen Islam, auch wenn in dieser Schule keine Politik im engeren Sinne betrieben wird.

Unter dem Begriff Islamismus ist jene moderne politische Ideologie zu verstehen, welche die Absicht verfolgt, entweder die in der muslimisch geprägten Welt durchgeführten Reformen, die den politischen Islam zurückgedrängt haben, wieder rückgängig zu machen, wie man dies am Beispiel der Türkei sehr gut erkennen kann; oder er folgt dem Bestreben, einen westlich geprägten Einfluss auf eine islamische Gesellschaft von Vornherein zu verhindern, um den Islam zu bewahren. Im Ergebnis geht es den Islamisten immer um die Errichtung respektive Erhalt eines totalitären Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia, wo deren Regeln umfassend ihre Wirkung entfalten können und wo westliche und andere Inputs abgewehrt oder vernichtet werden, weil sie nicht islamisch sind. Das heißt also, dass der Islamismus durchaus auch als eine Art Reformationsbewegung betrachtet werden kann, bei der es darum geht, den „wahren Glauben“ wiederherzustellen, dies vor allem dort, wo dieser aus dieser Perspektive betrachtet durch die Einflüsse der Moderne akut bedroht ist.

Um diese Ziele zu verwirklichen, instrumentalisieren Islamisten einerseits die Demokratie und rechtsstaatliche Garantien, indem sie beispielsweise Islamisten wählen, die genau diese antidemokratischen Ziele verfolgen oder durch ein Grundrechtsverständnis, das die Grundrechte als Schariagewährleistungsrechte wahrnimmt. Andererseits gibt es freilich Islamisten, die solche Rechte nie einsetzen würden, weil sie aufgrund ihrer westlichen Herkunft ohnehin des Teufels sind und deshalb gleich zu den Waffen greifen und in den Dschihad ziehen.

Ich hoffe, dass die Leserin oder der Leser nach der Lektüre dieses Textes erkannt hat, dass die Behauptung, wonach sämtliche Begriffe, die ich im Titel genannt habe, Synonyme seien, nicht wirklich zutrifft, auch wenn Überschneidungen und Schnittmengen zweifelsohne existieren. Wer nach dem Gesagten weiterhin denkt, dass hier eine Differenzierung überflüssig sei, sollte wissen, dass diese Ansicht exakt jener der Islamisten entspricht, wie dies aus dem nachfolgenden Zitat des Islamisten Erdoğan aus dem Jahr 2007 zu entnehmen ist: „Diese Beschreibungen sind sehr hässlich und sind beleidigend und ehrverletzend gegenüber unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und dabei bleibt’s!”

Kommentare

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    Max Schumacher

    Interessanter Artikel, obwohl die Argumente nicht wirklich neu sind. Üblicherweise werden sie uns von islamischen Apologeten nahe gebracht oder von solchen (meist amerikanischen) Weltpolitikern, die uns einen Islamisten als akzeptabel, weil "gemäßigt", verkaufen wollen. Dies bezieht sich in der Regel auf legalistische Islamisten (Erdogan, Mursi vor ca. 15 Jahren), kann aber durchaus Halsabschneider*innen (die "gemäßigte Opposition" in Syrien) einschließen.
    Warum sind also die vorhandenen Unterschiede so wenig politisch relevant? Dafür wäre es wichtig, sich nochmal die Beispiele von katholischer Seite anzuschauen. Sicher sind Befreiungstheologen und Opus Dei total unterschiedlich, mitnichten aber sind sie gleich wichtig oder gleich einflussreich. D.h. zugespitzt formuliert, die Befreiungstheologen mögen Recht haben, aber Opus Dei hat die Macht. Mutatis mutandis gilt dies für sämtliche nicht-islamistischen Ströumungen oder Praxen des Islams auch. Und selbst eine häretische Sekte wie die Ahmadiyya versucht, sich als islamisch zu legitimieren, indem sie besondes viele Mscheen baut. Ich sehe als einzige Möglichkeit, nicht zwischen Islamismus und Islam zu differenzieren, sondern zwischen den Menschen und der Ideologie. Letztee muss konstant und grundlegend kritisiert weden, während erstere durch Kooperation gefördert werden sollten, wenn und sobald sie sich eigenständig entwickeln.

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      Dr. Günter Buchholz

      Mit Bezug auf die Publikationen des Autors Hartmut Krauss ist folgendes hervorzuheben:

      Standardfehler der Islambetrachtung:

      Leugnung des Islam im Singular, verdeckte Behauptung eines „unpolitischen Islam“ und Verwirrung der Bezugsebenen „Islam“ und „Muslime“

      Anmerkungen zum Text von Emrah Erken

      Grundsätzlich falsch ist die Leugnung der Existenz des Islam im Singular, wie er als objektiv vorliegendes Bedeutungssystem in Gestalt des Korans (als verbalinspirativer Text), der Hadithsammlung, der modellsetzenden Prophetenbiographie sowie den Festlegungen der sunnitischen und schiitischen Rechtschulen vorliegt. Der grundlegende Fehler besteht hier zum einen insbesondere darin, nicht zwischen diesem objektiv vorliegenden Islam und den subjektiven Einstellungen von Muslimen zu unterscheiden und zum anderen darin, diese Einstellungen nicht genauer im Hinblick auf ihre Inhalte sowie ihre Größenverhältnisse (Anteilsrelationen zwischen orthodoxen, „radikalen“ und “moderaten“ Muslimen) in Bezug auf die objektiven islamischen Bedeutungsvorgaben zu reflektieren.


      Zur Kritik der These „Den Islam gibt es nicht“ siehe:

      „Den Islam gibt es nicht“. Doch! Zur Kritik eines stereotypen Abwehrdogmas

      http://www.gam-online.de/text-den%20Islam%20gibt.html


      Zur Verwechselung der Bezugsebenen „Islam“ und „Muslime“ siehe:

      https://hintergrund-verlag.de/analyse-der-islamischen-herrschaftskultur/islamdebatte-in-deutschland-zur-anatomie-einer-komplexen-diskursverwirrung/

      http://www.glasnost.de/autoren/krauss/studie.html

      http://www.gam-online.de/text-islam%20und%20muslime.html



      https://www.atheisten-info.at/downloads/IslamimKopf.pdf

      Zum „Unbegriff“ „politischer Islam“ Folgendes:

      „Das herausragende Statusmerkmal des Islam ist dessen Auftreten als autoritär-normativer Vorschriftenkatalog, der Regeln, Gebote, Verbote, Handlungsanweisungen für nahezu sämtliche Lebensbereiche bereithält, denen der muslimische Gläubige als treu ergebener Gottesknecht bedingungslos zu folgen hat. Die alltagspraktische Befolgung des islamischen Regelkanons ist der wahre Gottesdienst und bildet den grundlegenden Kern des gesamten Islam = Hingabe an Gott. Aus diesem Grund ist auch eine Trennung von Staat, Religion, Recht und Privatsphäre grundsätzlich ausgeschlossen. Religiöse Praxis ist zugleich immer auch politische Praxis (und umgekehrt); religiöse Gemeinschaft ist zugleich immer auch politische Gemeinschaft. „Das Staatsvolk ist Gottesvolk, das religiöse Gesetz (shari’a) Staatsgesetz“ (Hagemann 1999, S. 402).

      Da der Islam religiöses Glaubenssystem, gesellschaftliche Ordnungslehre, Alltagsethik, Sozialisations- und Erziehungsgrundlage in einem ist, ist er per se „politisch“, d. h. auf die umfassende soziale Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen ausgerichtet. Die Rede vom „politischen Islam“ ist deshalb verfehlt, da sie die Existenz eines objektiv vorliegenden „unpolitischen Islam“ suggeriert“ bzw. implizit unterstellt.

      http://www.gam-online.de/text-Der%20Islam%20als%20religi%C3%B6se%20Herrschaftsideologie.html



      In der gleichen Stoßrichtung argumentiert auch Tilmann Nagel:

      „Der Islamismus hat mit dem Islam nichts zu tun“ – Eine westliche Illusion. In TUMULT Frühjahr 2020, S. 51ff.



      Zum „Islamismus“:

      Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die „Abteilung militanter/bewaffneter Djihad“ im Rahmen des dogmatisch vorgeschriebenen Strebens nach islamischer Weltherrschaft und Bezwingung der „Ungläubigen“ (einschließlich der Vernichtung von deren „unreiner“ Kultur) als historisch konstanter, fester und wesentlicher Funktionsbestandteil der islamischen Herrschaftskultur fungiert.

      Der gegenwärtige „Islamismus“ „repräsentiert demnach keine „Verfälschung“ oder „wesenswidrige Instrumentalisierung“ des Islam, sondern jene konsequente Innovationsgestalt der islamischen Herrschaftskultur, die durch den Herausforderungsrahmen, wie er von der westlichen Moderne objektiv gestellt wurde und wird, „hindurchgegangen“ ist. Nur in dieser radikalisierten Form vermag die islamische Herrschaftskultur als Typus prämodern-religiöser Herrschaft mit absolutem Geltungsanspruch zu überleben. Die eigene, obwohl objektiv rückständig gebliebene Kultur, wird irreal idealisiert und zur Selbstbehauptung gegenüber der überlegenen Fremdkultur mobilisiert. Dabei bildet die Koppelung des individuellen Selbstwertgefühls an die „Demütigung“ der rückständigen Herkunftskultur - im Sinne der kulturspezifischen „Ehrenmoral“ - die emotionale Quelle der regressiven Widerspruchsverarbeitung.“ (Krauss 2008, S. 133f.)

      Und Nagel (a.a.O.) stellt klar: Nach schariatischer Lehre „darf der Kampf des (islamischen, G.B.) Gemeinwesens um die Ausweitung seiner Herrschaft niemals erlahmen, wenn die Machthaber ihre Legitimität bewahren wollen. Der Dschihad wird dementsprechend als eine Glaubenspflicht verstanden, die stets von einer hinreichend großen Zahl von Menschen wahrzunehmen ist. Da es im Islam keine zentrale Lehrautorität gibt, die festzustellen befugt wäre, ob dies tatsächlich geschieht, dürfen Muslime, die eine mangelnde Dschihad-Bereitschaft diagnostizieren, auf eigene Faust aktiv werden. Die Scharia empfiehlt dies ausdrücklich, zumal, wenn man bemerke, dass die bestehende islamische Herrschaft gefährdet sei. Der Dschihad wird in einem solchen Fall eine jedem Muslim obliegend Pflicht.“
      +++

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