Weshalb gibt es mehrere verschiedene Übersetzungen der Bibel?

Und weshalb hat man sich nie auf eine geeinigt?

Weshalb gibt es mehrere verschiedene Übersetzungen der Bibel?

Foto: Pixabay.com / AbsolutVision

Oh, es gibt schon eine Übersetzung, auf die man sich geeinigt hat: die Einheitsübersetzung.

An dieser Übersetzung waren auch evangelische Theologen beteiligt, aber die evangelische Kirche hat sie nie anerkannt und setzt weiterhin auf die Lutherbibel.

Es gibt mehrere Probleme bei der Übersetzung der Bibel:

1. Welchen Urtext nimmt man? Nimmt man dazu den Codex Sinaitici, oder den Codex Vaticanus? Diese beiden Fassungen vom 4. Jahrhundert sind die ältesten, fast vollständigen Bibeltexte. Beide unterscheiden sich. Es gibt noch andere Überlieferungstraditionen, und alle unterscheiden sich in vielen Details. Es existieren mehr Varianten des NT als es Worte im NT gibt. Alle Versuche, einen korrekten Urtext zu rekonstruieren, sind krachend gescheitert.

2. Selbst wenn man sich auf einen Urtext einigt, das AT ist in Althebräisch verfasst worden, das NT in Altgriechisch. Beide Sprachen werden nicht mehr gesprochen, man muss also die Bedeutung von Worten rekonstruieren, indem man andere ältere Texte zurate zieht. Bloß welche? Da hat man eine große Auswahl.

3. Alle Sprache unterliegt der Wittgenstein-Illusion. D. h., man nimmt an, dass zwei Menschen, wenn sie ein Wort verwenden, dieses in derselben Bedeutung verwenden. Das ist falsch. Selbst wenn ich also ein Wort aus dem Altgriechischen übersetze, weil es die Mehrheit der Leute damals mit einer bestimmten Bedeutung verwendet haben, kann ich mir nicht sicher sein, dass der Autor des vorliegenden Textes es mit derselben Bedeutung verwendet hat. Diese Illusion schlägt nicht nur bei Worten der Ausgangssprache zu, sondern auch bei denen der übersetzten Sprache.

4. Viele Worte sind nur aus dem kulturellen Kontext heraus verständlich. Es wäre aber eine Illusion, anzunehmen, dass dieser früher oder heute überall derselbe ist. Man müsste den kulturellen Kontext des Autors genau kennen, aber das ist nicht mehr möglich. Man müsste wissen, wie der Autor die Worte verstanden hat, aber was in der Bibel völlig fehlt, sind Definitionen zentraler Begriffe. Und auch heute ist der kulturelle Kontext der Menschen eines Sprachraums verschieden.

5. Einige Worte haben mehrere Bedeutungen. Diese werden durch den kulturellen Kontext geprägt und durch das individuelle Verständnis. Auch das gilt wiederum für Worte des zu übersetzenden Textes als auch des übersetzten Textes. Daher kann ein und dieselbe Übersetzung von Menschen verschieden verstanden werden. Auch der Originaltext konnte zu seiner Zeit von verschiedenen Menschen anders verstanden werden als vom Autor.

6. Viele Begriffe sind diffus, sie haben ein Bedeutungsspektrum. Das kann in der Zielsprache wiederum verschieden sein. Das Spektrum wird gebildet vom kulturellen Umfeld und dem individuellen Verständnis des Autors, das sich dann auch noch von dem des Lesers unterscheidet.

7. Vieles gerade in den Evangelien ist eine literarische Anspielung. Diese kann man unabhängig vom Text, auf den angespielt wird, nicht verstehen. Lange Zeit haben die Theologen angenommen, dass diese Anspielungen sich auf historische Ereignisse beziehen, und damit ein falsches Verständnis vorausgesetzt. Interessant ist übrigens, dass beispielsweise der Autor des Markusevangeliums mit der Verfluchung des Feigenbaums und der Tempelreinigung eine rein literarische Anspielung benutzt — und die Autoren der anderen Evangelien haben diese nicht verstanden, obwohl sie aus derselben Zeit und einem ähnlichen kulturellen Kontext stammen.

8. Dann gibt es das Problem der Redensarten. Diese kann man nicht wörtlich übersetzen, ohne den Inhalt massiv zu ändern. Wir kennen z. B. den Ausdruck „in der Kreide stehen“ mit der Bedeutung „Schulden haben, bei jemandem in der Schuld stehen“. Wörtlich übersetzt in andere Sprachen ergibt das überhaupt keinen Sinn mehr. Man kann es auch verschieden übersetzen, selbst wenn man weiß, was es bedeutet.

9. Dann ist, wenn man einen historischen Jesus voraussetzt und die korrekte Übermittlung dessen, was er gesagt hat (was für die Mehrheit seiner Äußerungen umstritten ist), das Altgriechische bereits eine Übersetzung aus dem Aramäischen, mit allen bereits aufgezählten Problemen. Wir haben es also mit zwei hintereinandergeschalteten Übersetzungen zu tun. Wer weiß z. B., dass „Sohn des Menschen“ oder „Menschensohn“ im Aramäischen ganz schlicht „Mensch“ heißt? Aramäisch ist eine sehr blumige Sprache. „Sohn Gottes“ im Aramäischen heißt soviel wie „fromm“ oder „von Gott besonders geliebt“. Diese Bedeutung ist schon in der Übersetzung ins Altgriechische verloren gegangen. D. h., die Autoren der Evangelien haben es falsch übersetzt. Wie übersetzt man es jetzt richtig? Nimmt man die Bedeutung, die es im Aramäischen hat, oder die falsche Übersetzung der Autoren der Evangelien?

10. Viele Übersetzungen von Worten beruhen auf dem etymologischen Fehlschluss. Den findet man auch bei uns häufig. Die Meinung, man könne aus der älteren Bedeutung eines Wortes und der Entwicklung des Wortes die Bedeutung ablesen. Gift hieß ursprünglich „das Gegebene“ oder „Gabe“. Diese Bedeutung hat es noch heute im Angelsächsischen. Bei uns heißt es jedoch etwas völlig anderes: Schadstoff oder toxisches. Die ursprünglich positive Bedeutung ist heute völlig negativ. Das bedeutet auch, da sich Sprachen entwickeln, dass man die genaue Zeit kennen muss, zu der etwas geschrieben wurde. Sprachen können sich auch auseinanderentwickeln, in der einen Region hat es diese, in einer anderen eine andere Bedeutung.

11. Mit der historisch-kritischen Betrachtung hat man in der Theologie schon einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. Aber selbst das ist umstritten. Wissenschaftlich gesehen wäre entscheidend, bevor man anfängt, einen Text zu übersetzen, die Frage nach der Autorenintention zu stellen. D. h., die Frage, was der Autor den Lesern seiner Zeit vermitteln wollte. Ohne diese Intention zu erfassen, kann man einen Text nicht wirklich verstehen. Man muss nicht nur den Autor berücksichtigen, sondern auch den Kenntnisstand seines durchschnittlichen Lesers, in der Hoffnung, dass der Autor das gut genug kannte. In der Theologie sind es fast nur die Radikalkritiker, die sich damit beschäftigen. Wer sich fragt, was der antike Autor mir als heutigem Leser sagen wollte, stellt eine falsche Frage, auf die es auch nur falsche Antworten geben kann. Mir als heutigem Leser in einem völlig anderen kulturellen Umfeld konnte und wollte der Autor nichts sagen. Weil er meine Verhältnisse und mein Wissen und meine Kultur weder kennen noch berücksichtigen konnte, und es auch nicht wollte. Die absolute Mehrheit aller Bibelleser, Experten eingeschlossen, basieren ihre Einschätzung der Bedeutung auf diesem Fehler, und die Ergebnisse können kaum etwas taugen.

12. Jede Übersetzung beruht auf zahlreichen Entscheidungen, die auch von der Kenntnis der Übersetzer abhängt. Wenn man also zehn Experten befragt, kann man ein Dutzend oder mehr Ergebnisse bekommen.

Kurz, einen Text zu übersetzen, ist enorm schwierig. Eine objektiv richtige Übersetzung ist unter diesen Umständen praktisch unmöglich, es sei denn, man hat es mit trivialen Texten zu tun. Fast nichts an den Bibeltexten ist trivial, man muss immer damit rechnen, dass auch ein völlig einfacher Satz auf Mythologie oder ältere Texte anspielt — Texte, die man vielleicht nicht einmal kennt. Nicht alles kulturelle Wissen wird über geschriebene Worte vermittelt, gerade kulturelles Wissen wird oft rein mündlich übermittelt. Das gilt selbst für eine Kultur wie unsere, in der die meisten Menschen lesen können. Das war in der Antike übrigens nicht der Fall, nur gebildete Personen konnten überhaupt lesen. Vieles an der Bedeutungsbildung von Worten ist daher untergegangen, weil es nie jemand aufgeschrieben hat. Das macht es schwer, Bedeutungen zu erraten — oft ist es nicht mehr als ein Ratespiel.

Aus diesem Grund halte ich es für nahezu ausgeschlossen, dass die Texte irgendwie von einer höheren Macht inspiriert wurden (oder gar diktiert). Aus einem zeitgenössischen, durch kulturellen Zeitgeist geprägten Dokument, wird keines für alle Menschen zu allen Zeiten. Dabei wäre es möglich, einen Text so zu verfassen, dass er die meisten der geschilderten Probleme umgeht. Mindestanforderung wäre, dass es ein umfangreiches Glossar mit Erläuterungen der benutzen Begriffe und ihrer Definition gibt. Wenn schon wir die Probleme antiker Texte und ihrer Übersetzung verstehen, müsste dies für Wesen, die etwas mehr Intelligenz als wir aufweisen, leicht verständlich sein.

Die meisten Bibelleser kennen oder erkennen die meisten dieser Probleme überhaupt nicht. Sie verstehen auch die ursprünglich verwendete Sprache nicht. Ihr willkürliches Verständnis mag ihnen zwingend erscheinen, aber das gilt nicht für andere.

Ein großes Problem habe ich noch nicht einmal angeschnitten: Vieles in der Bibel wird aus dem Glauben heraus interpretiert. Wessen Glauben? Dem der Übersetzer und ihrer Auftraggeber. Der Glauben bildet den Rahmen, innerhalb dessen übersetzt wird. Wir haben tausende von verschiedenen Christentümern[*], die vom unterschiedlichen Verständnis der Bibeltexte und Traditionen leben. Es gibt ein kompliziertes Wechselverhältnis von „Lesen des Bibeltextes“ zur „Bildung des Glaubens“, und das geht wechselseitig in beide Richtungen und mischt sich wiederum mit kulturellen Einflüssen. Da bleibt kein Auge trocken. Die Zeugen Jehovas haben ein komplett anderes Verständnis der Bibel als die Katholiken, und das zeigt sich auch in einem Vergleich der Übersetzungen, die sehr unterschiedlich ausfallen. Bei Katholiken und Zeugen führt dies dazu, dass man den Glauben verschieden versteht. Dieses verschiedene Verständnis hat wiederum auch zu unterschiedlichen Übersetzungen geführt, und umgekehrt. Das kann man fast nicht mehr aufdröseln, ohne in Streit über jeden Satz und fast jedes Wort zu geraten.

Da jeder glaubt, sein Glauben sei der einzig richtige, wird das kaum bewusst und ist schwer zu vermitteln. Die Leute verstehen einfach nicht, wie sehr bewusste, aber vor allem auch unbewusste Vorannahmen das Verständnis eines Textes (oder dessen Übersetzung) beeinflussen. Auch hermeneutische Betrachtungen können daher zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Alle die genannten Probleme können sich aufschaukeln und dazu führen, dass wir nicht in der Lage sind, einen Text so zu verstehen wie der Autor. Viele dieser Probleme gelten schon für unsere Sprache in unserer Kultur, ohne jede Übersetzung. Ohne ein Verständnis dieser ganzen Probleme kann niemand behaupten, die Bibel verstanden zu haben, aber es laufen genug Gestalten durch die Gegend, die wider aller Fakten meinen, genau das zu können (die Mehrheit der Anderen irrt sich eben).

Dabei biegt man sich die Worte noch häufig mit einer Flexibilität zurecht, dass es eine Sau graust. Die Freiheitsgrade, die man sich bei der Interpretation herausnimmt, sind oft atemberaubend. Das alles machen die Leute mit einer Selbstverständlichkeit, die beweist, dass sie in völliger Ignoranz aller Probleme leben. Ich tue das nicht, wie soll ich also die Bedeutung dieser Wortakrobaten übernehmen? Dann wird mir erzählt, dass ich nichts davon verstünde, weil ich zu anderen Ergebnissen komme als ihre waghalsige Interpretation bei gleichzeitigem Fehlen allen Expertenwissens. Dabei habe ich den enormen Vorteil, das kein vom Glauben gebildeter Rahmen meine Interpretation zusätzlich verzerrt.

Trotzdem behaupte ich nicht, alles zu verstehen. Das halte ich sogar für unmöglich. Wenn es einen Gott gäbe, der solche Texte beeinflusst, müssen wir uns diesen als einen miesen Kommunikator und den Initiator von Missverständnissen vorstellen. Von einem guten Gott kann dieser Text unmöglich stammen.

[*] Es gibt keinen Plural des Wortes „Christentum“. Das halte ich für einen schweren Mangel unserer Sprache, also behelfe ich mich mit einem Wort, das von jeder Rechtschreibkorrektur als fehlerhaft angesehen wird.

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