Wie kann man Gott finden?

Oder möchte er nicht gefunden werden?

Wie kann man Gott finden?

Foto: Pixabay.com / pixel2013

Da Gott sich vor uns versteckt, wie die Gläubigen sagen, will er nicht gefunden werden. Sonst wäre es ja sinnlos, sich zu verstecken. Vor allem aber versteckt sich Gott hinter den Ausreden der Gläubigen.

Zudem müsste man wissen, was Gott ist, zumindest in wesentlichen Teilen. Denn wenn man nicht wenigstens ungefähr weiß, was ein Baum ist, könnte man jahrhundertelang durch einen Wald irren, ohne je einen Baum zu finden. Da sich die Gläubigen entweder weigern, Gott zu definieren, oder diese Definitionen in sich logisch widersprüchlich sind, oder vage und ungenügend, ist es unmöglich, Gott zu finden. Die Weigerung einer Definition geht einher mit den angesprochenen faulen Ausreden: Angeblich macht man sich Gott verfügbar, wenn man ihn definiert. Das ist Quatsch, man macht sich ein schwarzes Loch nicht verfügbar, wenn man es definiert, vielmehr ist das die Voraussetzung dafür, es überhaupt finden zu können. Oder es wird das Bildnisverbot der Bibel angeführt, dass sich aber ausdrücklich nur auf tönerne Figuren (oder Statuen) bezieht, nicht auf gedankliche Vorstellungen. Denn dann wäre die Bibel ein einziger Verstoß gegen das Gebot, sich kein Bild machen zu dürfen.

Zudem fallen die meisten Gläubigen damit auf, dass der Gott, von dem sie erzählen, wenig oder nichts mit ihrer eigenen Vorstellung von Gott zu tun hat — wobei sie manchmal ja sogar behaupten, sie machten sich keine Vorstellung von Gott. Das kann aber nur ein Atheist. Wie wenig das, was Gläubige über Gott erzählen, mit dem übereinstimmt, was sie glauben, hat Pascal Boyer gezeigt, in: Boyer, Pascal, und Ulrich Enderwitz. 2009. Und Mensch schuf Gott. Stuttgart: Klett-Cotta.

Wenn Gläubige erzählen, wie man Gott findet, betreiben sie im Grunde genommen eine Art Innenschau: Gott ist Teil ihrer Gedankenwelt. Ob er mehr ist als das können sie nicht sagen. Der Gott der Einbildung ist für Gläubige nicht von einem "echten" Gott zu unterscheiden, sie haben dafür keine Kriterien, sondern sie gefallen sich darin, diese Kriterien entweder zu verwischen oder gleich ganz auszulöschen. Gott wird sorgfältig gegen jede mögliche Erfahrung abgeschirmt, es gibt keine Tatsache der Welt, die gegen Gott sprechen kann, daher kann auch keine Tatsache der Welt für ihn sprechen.

Gott ist mehr so eine Art Gefühl, das vor allem durch Wunschvorstellungen angetrieben wird. Wenn man wissen will, an welchen Gott jemand glaubt, muss man nur herausfinden, was sich der Betreffende wünscht. Sein Gott ist eine Art idealisiertes Selbst. Deswegen kam Feuerbach auf die Idee, dass man Religion zur Gänze durch Anthropologie ersetzen kann. Die einzige Antwort, die Theologen auf Feuerbach gefunden haben, ist: Auch wenn Gott eine Projektion des Menschen ist, so heißt dies aber noch lange nicht, dass er nicht existiert. Aber das Problem ist, dass diese Projektion auf menschlichen Wünschen beruht, und man wünscht sich nur, was nicht ist. Andernfalls würde man sich wünschen, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind — man wünscht sich ansonsten nur das, von dem man weiß, dass es keine Tatsache ist (das alles so bleibt, wie es ist, ist auch keine Tatsache). D. h., der Glauben an Gott beruht letztlich darauf, dass man weiß, dass es keinen Gott gibt!

Die Welt, wie man sie sich wünscht

Es wäre äußerst unwahrscheinlich, dass die Welt letztlich doch so ist, wie man sie sich wünscht. Das ist nur äußerst selten der Fall und beschränkt sich von den Möglichkeiten her auf das, was wahrscheinlich ist. Daher hat der Einwand von Feuerbach gegen Gott mehr Gewicht, als ihm die Theologen zugestehen wollen. Sigmund Freud nannte daher den Glauben an Gott auch eine Illusion. Eine Illusion ist ein Irrtum, der durch den Wunsch angetrieben wird, es möge doch so sein, wie man meint.

Der Glaube an Gott speist sich durch den Wunsch, dass die Welt gerecht sein möge — und wir wissen, dass sie das nicht ist. Also konstruiert man sich einen Ausgleich, der aber nicht Teil dieser Welt ist, sondern eine Art Ergänzung. Gott ist wie ein Richter, der fast nur ungerechte Urteile fällt, und von dem man hofft, dass er nach seiner Pensionierung alle seine Urteile aufheben und gerechter gestalten wird. Hoffen kann man alles, aber die Hoffnung auf Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn man weiß, dass die Welt ungerecht ist. Niemand betet daher für den Erhalt der augenblicklichen Gerechtigkeit. Da Gott der Schöpfer der Welt sein soll ist er auch der Schöpfer aller Ungerechtigkeit. Zu hoffen, dass er es einst besser machen wird, ist, wie Bertrand Russel eins sagte, als ob man eine Kiste mit Orangen bekommt. Man öffnet sie, und siehe, die obere Lage ist total vergammelt. Ohne nachzusehen hofft man jetzt darauf, dass die unteren Lagen besonders saftig und schön sind. Die rationale Reaktion wäre zu sagen: Vermutlich sind auch die unteren Lagen vergammelt.

Man sollte sich selbst eine Frage stellen:

Kann man an einen Gott glauben, der die Welt ungerecht geschaffen hat, mit sehr viel Leid, und dann darauf hoffen, dass er dies später alles irgendwie ausgleichen wird? Wie sollte man so einen Gott finden? Alle Gründe, die man anführen kann, warum wir leiden, sprechen stets dagegen, dass es später besser wird. Wenn man etwa behauptet, dass wir leiden, weil unser Willen frei ist (was in 99% aller Fälle ohnehin Quatsch ist), heißt dies dann, dass es im versprochenen Paradies keinen freien Willen gibt, oder dass auch im Paradies der freie Willen nicht zu Leid führt? Wenn es im Paradies klappt, warum dann nicht hier? Wenn es hier zu Leid führt, führt dann nicht auch im Paradies der freie Willen zu Leid — nur dann zu ewigem Leid, ohne Chance, dem jemals zu entfliehen? Gläubige denken hier einfach nicht weit genug, weil sie sich ihre Hoffnung nicht kaputt machen wollen — ein extrem schlechter Grund, mit dem Denken aufzuhören, denn dann ist die eigene Intelligenz nutzlos und verschwendet. Man lässt sich sozusagen vom Licht der eigenen Hoffnung blenden, und wundert sich, warum es Menschen gibt, die da nicht mitmachen.

Man müsste also nur die Frage durchdenken: Ist Gott mächtig genug, eine Welt mit weniger oder keinem Leid zu erschaffen? Da weigern sich die Gläubigen aber, sich selbst diese Frage zu beantworten (ich habe schon lange keine Hoffnung mehr, dass Gläubige das mir erklären, ich kriege entweder nur Anfeindungen oder ein lautstarkes Schweigen, das mir alles sagt, was ich wissen möchte).

Wie soll man also Gott finden? Jedenfalls verschwende ich nicht meine Zeit damit, nach etwas zu suchen, über das Gläubige entweder nichts oder Widersprüchliches erzählen.

Kommentare

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    Klarsicht(ig)

    Und mit dem „Glaubensgegenstand“ der „Glaubens-Infizierten“ geht es in den beiden folgenden Links munter weiter. Viel Spaß beim Konsum des Inhalts der beiden Links.

    Gibt es Gott? – Warum sollte es?:
    https://www.wissenbloggt.de/2020/05/04/gibt-es-gott-warum-sollte-es/

    Die Gottes-Antinomien:
    https://www.wissenbloggt.de/2019/01/01/die-gottes-antinomien/

    28. 07. 2022, 16,20 Uhr.

    Gruß von
    Klarsicht(ig)

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      Olivier Wetli

      Dieser kurze Kommentar von Hr. Dawkins zeigt seine lächerliche Un-Ernsthaftigkeit auf. Hat gar keinen Sinn sich mit so jemandem aufzuhalten. Ein alter, innerlich zerissener Trötzeler, wie man bei uns solchen sagt. Ich zitiere Seinen ersten und seinen letzten Abschnitt:

      Übertitel von mir
      "Die Motivation eines Wissenschaftlers so viele sinnlose Bücher zu schreiben:

      "Da Gott sich vor uns versteckt, wie die Gläubigen sagen, will er nicht gefunden werden. Sonst wäre es ja sinnlos, sich zu verstecken. Vor allem aber versteckt sich Gott hinter den Ausreden der Gläubigen."

      "Wie soll man also Gott finden? Jedenfalls verschwende ich nicht meine Zeit damit, nach etwas zu suchen, über das Gläubige entweder nichts oder Widersprüchliches erzählen."

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        Willie

        "Dieser kurze Kommentar von Hr. Dawkins zeigt seine lächerliche Un-Ernsthaftigkeit auf."

        Confirmation Bias, oder von welchem Kommentar des "Hr. Dawkins" sprechen Sie?

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        Uwe Lehnert

        An der Spitze jeder Religion steht ein, mitunter mehrere, höchstes Wesen, üblicherweise Gott genannt. Wenn man nun glaubhaft nachweisen kann oder gar beweisen könnte, dass dieses Wesen schon aus rein logischen Gründen nicht existieren oder dass es aus vielen anderen Gründen höchstwahrscheinlich nicht existieren kann, dann erübrigte sich eigentlich jede Kritik an dessen Glaubenslehre. Denn ein Gott repräsentiert die von ihm verkündete Lehre, er ist die höchste Instanz in dieser Welt, ohne ihn gäbe es – so die Religionen – die Welt überhaupt nicht.

        Volker Dittmar hat hier also zugleich eine in sich schlüssige Kritik an jedweder Religion abgeliefert. Ohne einen Gott besteht dann eine Religion allenfalls aus Regeln, wie das Leben zu gestalten sei und wie man mit dem Mitmenschen umzugehen hat.

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          Christ

          Zitat: Wenn man nun glaubhaft nachweisen kann oder gar beweisen könnte, dass dieses Wesen schon aus rein logischen Gründen nicht existieren oder dass es aus vielen anderen Gründen höchstwahrscheinlich nicht existieren kann,...

          Herr Lehnert, damit haben Sie die Bruchstelle zwischen Atheisten und Gläubigen definiert. Nur müssen beide Seiten zugeben: "Glaubhaft" bedeutet nicht "bewiesen" und "könnte" ist eben bloss eine noch nicht eingetretene "Möglichkeitsform". Ausserdem stellt sich mir die philosophische Frage, ob denn der allererste Ursprung (Gott) überhaupt "logisch" sein kann?

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            Klarsicht(ig)

            Zitat: „Ausserdem stellt sich mir die philosophische Frage, ob denn der allererste Ursprung (Gott) überhaupt 'logisch' sein kann ?

            Auch schon an einer anderer Stelle war für Sie eine Frage interessant, nämlich: „was denn mein Gehirn steuert bzw. die Gene und die Chemie ...

            Es müsste Ihnen doch leicht fallen, Ihre Fragen selbst zu beantworten, zumal Sie doch dadurch privilegiert sind, dass Sie Ihren „allwissenden Glaubensgegenstand“ hinter sich wähnen.

            Da als Ursprung das gilt, aus dem etwas hervorgegangen ist, stellt sich die Frage, woraus der „allererste Ursprung“ bestanden haben soll ? Wenn der „Ursprung“ nicht das absolute, philosophische NICHTS gewesen ist, dann muss ER (Ihr Glaubensgegenstand) sich auf irgendeine Art und Weise vom NICHTS unterschieden haben. Und zu dieser Unterscheidung könnte nur irgendeine Substanz verhelfen. Ihr „Glaubensgegenstand“ kann/könnte also nur durch irgendeine Substanz existieren. Irgendeine Substanz ist also Ihr „Glaubensgegenstand“.
            Da Sie und Ihre „Glaubensmitmenschen“ dem „Glaubensgegenstand“ Allmacht zuschreiben, müsste es IHM möglich sein, SICH auch kontralogisch verhalten zu können. Das bedeutet, dass ER z. B. nicht auf die eine Substanz, aus der ER derzeit womöglich besteht, angewiesen zu sein bräuchte, sondern dass ER beliebig oft durch die Verwendung jeder beliebigen anderen Substanz SEINE Existenz erzeugen können müsste. Das bedeutet aber auch, dass ER vorübergehend oder gänzlich auf die Verwendung irgendeiner Substanz zu Seiner Existenz-Erzeugung verzichten und somit nicht (mehr) existent sein könnte. Und der Zustand der Nicht-Existenz könnte für Ihren „Glaubensgegenstand“ derzeit durchaus gegeben sein.
            08. 08. 022, 14,30 Uhr.

            Gruß von
            Klarsicht(ig)

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              Christ

              Zitat: Es müsste Ihnen doch leicht fallen, Ihre Fragen selbst zu beantworten, zumal Sie doch dadurch privilegiert sind, dass Sie Ihren „allwissenden Glaubensgegenstand“ hinter sich wähnen.

              Wissen Sie, ich will meinen Fragen nicht selbst beantworten, sondern mich interessieren eben die Sichtweisen Andersdenkender, hier namentlich von Atheisten. Ich fühle mich im übrigen nicht "privilegiert", weil ich an einen allmächtigen Gott glaube; Seine Allwissenheit gibt mir keine Klarsicht, ja nicht einmal eine hieb- und stichfeste Gewissheit. Es ist im Gegenteil eine recht schwere Last, in Diskussionen eben nicht mit wissenschaftlichen Beweisen aufwarten zu können. Der Glaube erfordert diesbezüglich Mut, sich mit einem "Fürwahrhalten" zu exponieren.

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                Klarsicht(ig)

                Zitat: „... ich will meinen Fragen nicht selbst beantworten...

                Das liegt evtl. daran, dass Sie sich dazu intellektuell oder aus Mangel an Argumenten nicht in der Lage sehen. Es könnte aber auch sein, dass Ihr Glaube Sie zu einer zumindest partiellen Denkvermeidung verleitet. Ich vermute, dass viele „Glaubens-Infizierte“ nicht nur mir den Eindruck vermitteln, dass sie wohl unbewusst mehr oder minder unter einer Denkträgheit leiden.

                Zitat: „... mich interessieren eben die Sichtweisen Andersdenkender, hier namentlich von Atheisten.

                Das scheint mir eine Behauptung zu sein, die nicht zutrifft. Läge wirklich ein Interesse vor, dann hätten Sie sich sicher auf irgendeine Weise zu meiner Ihnen gebotenen Sichtweise in meinem Kommentar geäußert. Es könnte aber auch sein, dass Ihnen meine Sichtweise so gut gefällt, dass Sie es deswegen vorzogen, lieber zu schweigen, wofür ich Verständnis hätte -:)

                Zitat: „ Ich fühle mich im übrigen nicht 'privilegiert',,,

                Das mag sein. Man kann aber durchaus auf irgendeine Art und Weise privilegiert sein, ohne es wahr haben zu wollen oder bewusst wahr zu nehmen.

                Zitat: „Seine Allwissenheit gibt mir keine Klarsicht, ja nicht einmal eine hieb- und stichfeste Gewissheit.

                Hier stellt sich die Frage, was ER denn den „Glaubens-Infizierten“ überhaupt gibt ? In vielen Fällen wahrscheinlich sehr viel Angst, die da zu führt(e), dass man nicht die Kraft aufbringt zu versuchen, aus dem „Glaubens-Gefängnis“ auszubrechen. In manchen Fällen sicher auch permanentes oder punktuelles Wohlgefühl (evtl. orgasmusähnlich empfunden), das zur Sucht ausgeartet ist oder werden kann. Und in manchen Fällen wohl auch ein „süß-saures“ Gemisch aus Angst und Wohlgefühl.

                Zitat: „Es ist im Gegenteil eine recht schwere Last, in Diskussionen eben nicht mit wissenschaftlichen Beweisen aufwarten zu können.

                Ja, die Realität ist nun einmal so beschaffen, dass in ihr purer Unsinn nur sehr schwer bis gar nicht verteidigungsfähig ist. Wer es dennoch versucht, kann zumindest von mir nicht bedauert werden. Er könnte sich damit trösten, dass der angeblich existent gewesene Sohn seines „Glaubensgegenstandes“ angeblich eine viel schwerere Last tragen musste.

                Zitat: „Der Glaube erfordert diesbezüglich Mut, sich mit einem 'Fürwahrhalten' zu exponieren."

                Ich habe starke Zweifel, dass insoweit Mut im Spiel ist. Wer puren Unsinn für wahr hält verhält sich nach meinem Verständnis nicht mutig, sondern dürfte sich auf eine ganz andere, leider sehr verbreitete Art und Weise verhalten.

                09. 08. 2022, 12,55 Uhr.

                Gruß von
                Klarsicht(ig)

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              Uwe Lehnert

              Lieber Christ,

              ich kann und will Ihnen ausnahmsweise mal nicht widersprechen.

              Und was Ihre letzte Frage angeht: Ich glaube auch kaum, dass mit unserer irdischen Logik die Frage nach Gott und der Entstehung unseres Universums erklärt werden können. Denn – wie uns die Astrophysiker zeigen – entstanden mit dem Urknall erst Zeit und Raum. Wenn also erst mit dem Urknall die Zeit entstand, dann dürfte auch »vorher« das Prinzip Kausalität nicht existiert haben. Letzteres besagt ja, dass einer Wirkung – hier die Erschaffung des Universums – eine Ursache zeitlich (!) vorangegangen sein muss. Man könnte also vermuten, dass unsere Alltagslogik, unsere irdische Logik, ein Spezialfall einer umfassenderen »Weltlogik« ist, nach der diese uns nicht erklärbaren Vorgänge doch möglich sind.

              Sicherlich alles reine Spekulation. Ich denke, dass bei solchen Grenz-Fragen unser Erkenntnisvermögen an seine Grenze stößt.

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                Christ

                Lieber Herr Lehnert

                Dankeschön für Ihre geschätzte Antwort. - Ich sehe dies im Wesentlichen ebenso.

                Ohne Ihnen meinerseits widersprechen zu wollen, ist für mich die Grenz-Frage "Gott" keine reine Spekulation, sondern eben "Glaube"; in diesem Sinne erkenne ich Gott. Ehrlich gesagt kann ich keinem Atheisten oder Agnostiker verübeln, anderer Meinung zu sein. Offenbar sind hier zwei unterschiedliche Denkweisen am Werk und leider wird diejenige der Gläubigen im Artikel als "Ausrede" diskreditiert.

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                  Klarsicht(ig)

                  Die nachstehend aufgeführten Zitate stammen alle aus der unten benannten Quelle. Mit den Zitaten und dem Restinhalt der genannten Quelle hoffe ich, die pessimistische Sichtweise von Herrn Prof. Dr. Lehnert („Ich denke, dass bei solchen Grenz-Fragen unser Erkenntnisvermögen an seine Grenze stößt. _“) zumindest etwas aufzuhellen.

                  Zitate:
                  Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß der Erweiterung unseres Wahrnehmungsbereichs durch neue Detektoren und Untersuchungsmethoden oder der Erweiterung des Arsenals von Formalismen zur Theorienbildung, d.h. aber der wissenschaftlichen Erkenntnis Grenzen gesetzt sind.

                  Man kann aber optimistisch sein, daß die Kognitionswissenschaften, insbesondere Neurobiologie und Neuropsychologie die Frage beantworten, was geistig-seelische Phänomene und Bewußtseinsphänomene 'wirklich' sind, d.h. wie diese zu erklären sind. Damit wird man sich von dem fiktiven Substrat 'Geist' und der fiktiven Entität 'Seele' und von allem mit diesen verknüpften Mystizismus verabschieden können.

                  Mit dieser Einsicht in unsere erkenntnistheoretische Situation ist allen metaphysischen Vorstellungen vom 'Wesen' der Boden entzogen. Damit erweisen sich aber hermeneutische und mystische Vorstellungen von Verstehen und Erkenntnis des 'Wesens', der 'Seele' oder des 'wahren Seins' der Dinge, der Lebewesen und Menschen als Illusion.

                  Es ergeben sich wichtige evolutionsbiologische Einsichten zur Entstehung der Möglichkeit von Erkenntnis und Wissen. Das wissenschaftliche Verständnis von Erkenntnis und Wissen führt zu einer Rechtfertigung unserer wissenschaftlichen Erkenntnismethoden und zu der Einsicht, daß wissenschaftliches Wissen ein zuverlässiges, objektives Wissen über die Welt und den Menschen ist.

                  Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß irgendwelche kulturellen Phänomene nicht – mindestens im Prinzip – kognitionswissenschaftlich, d.h. durch ein Verständnis der zugrundeliegenden neurobiologischen Phänomene, zu erklären wären.

                  In allen Fällen, in denen das Auftreten von übernatürlichen Phänomenen behauptet wird, fehlen zuverlässige Nachweise, die auch nur im entferntesten mit den wissenschaftlichen Nachweisen für natürliche Phänomene zu vergleichen wären. Es gibt aber auch entscheidende Gründe, die gegen die Vermutung sprechen, daß es übernatürliche Phänomene überhaupt geben könnte.

                  Wie das jetzt vorhandene naturwissenschaftliche Wissen zeigt, ist die Natur einschließlich kognitiver Systeme wie uns selbst ein kausal in sich geschlossenes System. Alle beobachtbaren Phänomene treten – mit dem Titel des zitierten Buches von Bernulf Kanitscheider – 'im Innern der Natur' auf. Es ist ein Problem, wie übernatürliche Phänomene mit Teilen der natürlichen Welt in Wechselwirkung treten könnten. Wenn man nicht annehmen will, daß durch übernatürliche Phänomene natürliche Kausalketten aufgebrochen werden, d.h. 'Wunder' geschehen können, bleibt nur die Möglichkeit, für die Einwirkung übernatürlicher Phänomene Augenblicke anzunehmen, in denen das natürliche Geschehen kausal nicht determiniert ist. Das ist nur für Quantenvorgänge in den Dimensionen der Elemantarteilchenphysik oder für chaotisches Verhalten der Fall. Da Quantenvorgänge unterhalb des für unser Leben relevanten Geschehens – auch der neuronalen Vorgänge – liegen, bleibt dafür nur chaotisches Verhalten übrig, das nur in speziellen Bereichen des natürlichen Geschehens auftritt. Daß bei kognitiven, neuronalen Vorgängen chaotisches Verhalten aufträte, scheint bis jetzt nicht bekannt zu sein. Die Möglichkeiten der Einwirkung übernatürlicher Phänomene wäre jedenfalls derart eingeschränkt, daß die von den Verfechtern der Existenz solcher Phänomene vertretenen Vorstellungen nicht haltbar sind. Übernatürliche Phänomene aber, die keinerlei Wechselwirkung mit Teilen der natürlichen Welt – insbesondere mit menschlichen Organismen und Gehirnen – hätten, würden keinerlei Konsequenzen für die real erfahrbaren Phänomene haben und könnten nur reine Phantasiegebilde sein.

                  Im ersten Abschnitt ergab sich aus der Art und Weise wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung, daß kein Grund zu der Annahme besteht, daß es Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Zu dem gleichen Schluß kommt Bernulf Kanitscheider7 aufgrund einer Inspektion und Extrapolation bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts:

                  'Wenn man angesichts dieser Erkenntnissituation zu Ende des 20. Jahrhunderts und der Trendanalyse an Hand der historischen Beispiele die Frage nach den Erkenntnisgrenzen stellt, so drängt sich die Antwort auf, daß es ... absolut unlösbare Probleme überhaupt nicht gibt. Zu jedem Zeitpunkt werden eine Zahl von ungelösten Fragen vorhanden sein, die mit den Mitteln dieser Zeit unlösbar sind. Der Frage-Horizont wird sich immer weiter verschieben, alle Fragen werden nie beantwortet sein, aber alles spricht dafür, daß jede Frage beantwortbar ist.'

                  'Entscheidende Voraussetzung für die Aufklärung war der Aufschwung der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. ...  Der Mensch kann die Natur, deren Teil er ist, voll und ganz erkennen. ... Die Religion und der Glaube an Übernatürliches insgesamt stehen dem Erwerb von Erfahrungswissen über Natur, Mensch und Gesellschaft im Wege. Dieses Wissen ist aber die notwendige Voraussetzung, um den eigentlichen Menschheitszweck zu erreichen, das Glück des Individuums und seine persönliche Selbstentfaltung.'

                  Tatsächlich sollte man klar und deutlich sagen, was Aufklärung nicht nur im 18. Jahrhundert, sondern in jedem Jahrhundert und zu jeder Zeit, auch schon im Altertum und auch in diesem Jahrhundert und in der Gegenwart ist und in Zukunft sein sollte: Die Verbreitung von richtigen Vorstellungen von der Welt und vom Menschen und die Kritik an falschen Vorstellungen – und dies nicht nur zum Zeitvertreib, sondern in der Erkenntnis, daß falsche Vorstellungen von der Welt und vom Menschen in allen historischen Epochen, in allen bisherigen Kulturen schädliche, inhumane und oft verheerende und grauenhafte Folgen hatten und auch in Zukunft haben können.

                  Das wohl bemerkenswerteste Ereignis der gesamten bisherigen Kulturgeschichte ist aber, daß die Naturwissenschaften jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, tatsächlich – mindestens im Prinzip und im ganz wörtlichen Sinn 'im Großen und Ganzen' – verstehen, wie die Welt und der Mensch wirklich sind, d.h. eine im wesentlichen richtige und vollständige Vorstellung von der Welt und vom Menschen – als Teil der Welt – entwickelt haben.

                  Was 'kritischen Denkern' oft zu wenig bewußt zu sein scheint, ist die Tatsache, daß Denken – außer in der Mathematik und Logik – nur auf der Basis von empirischem Wissen möglich ist_.“

                  Quelle: Wissenschaftlicher Realismus, das Ende der Metaphysik und die Aufklärung:
                  http://www.gkpn.de/id155.htm

                  08. 08. 2022, 12,50 Uhr.

                  Gruß von
                  Klarsicht(ig)

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                2. userpic
                  Klarsicht(ig)

                  Wenn der „Glaubensgegenstand“ der „Glaubens-Infizierten-“, wie sie glauben, wirklich existiert, dann wäre es dadurch bewiesen, dass ER nicht allmächtig sein kann. Denn um existieren zu können, sich also vom absoluten, philosophischen NICHT abzusetzen, wäre ER auf die Verwendung irgendeiner Substanz angewiesen. Allmacht oder Autonomie liegt aber dann nicht (mehr) vor, wenn zur Erlangung irgendeines Zustandes oder Zieles notwendigerweise auch nur irgendein Hilfsmittel benötigt wird.

                  10. 08. 2022, 11,25 Uhr.

                  Gruß von
                  Klarsicht(ig)

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