Christliche Missionsschulen in Kanada 3/3

Teil 3: Die juristische Aufarbeitung

Christliche Missionsschulen in Kanada 3/3

Foto: Qu'Appelle Indian Industrial School, Saskatchewan / Wikimedia

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Andreas Edmüller (AE): In Teil 1 und 2 hast Du uns erklärt, wie es zu den christlichen Residential Schools in Kanada kam, welche Rolle sie bei der Zerstörung indigener Kulturen und Gemeinschaften übernahmen und welche verheerenden Wirkungen sie für die Gegenwart der Indigenen haben. Interessant – aber nicht überraschend – war es auch zu erfahren, dass und wie die christlichen Kirchen ihre enorme Verantwortung herunterspielen, verharmlosen oder sogar dreist verleugnen. Nach all den Verbrechen drängt sich die Frage nach der juristischen Aufarbeitung der Residential Schools auf: Was ist da passiert?

Monika Seiller (MS): 1996 veröffentlichte die Royal Commission on Aboriginal Peoples erstmals einen umfassenden Bericht über die Situation der Indigenen in Kanada.[1] Das Ergebnis war erschütternd. Auf 4.000 Seiten berichtete der fünfbändige Report über das Unrecht an den Indigenen und sprach 440 Empfehlungen aus, wie deren Situation verbessert werden müsste.

Mit der Anerkennung des Unrechts und wachsendem Selbstbewusstsein zeigten sich mehr Indigene interessiert, das System der Residential Schools aufzuarbeiten, Sie wollten nicht länger nur Opfer sein, sondern forderten als „Survivors“ Gerechtigkeit. 1998 wurde die Aboriginal Healing Foundation gegründet.

Nachdem sich juristische Klagen der Missbrauchsopfer mehrten, wurde 2002 eine Sammelklage eingereicht, welche rund 86.000 Betroffene umfasst. Die größte Sammelklage in der Geschichte Kanadas wurde außergerichtlich mit dem Indian Residential School Settlement Agreement (IRSSA) beigelegt, das auch die katholische Kirche einschloss. Teil der Vereinbarung waren pauschale Entschädigungszahlungen von Can$ 10.000 für jeden Betroffenen zuzüglich Can$ 3.000 für jedes Jahr in der Residential School. Bis Dezember 2012 wurden 78.750 Antragsteller mit einem Gesamtbetrag von Can$ 1,62 Mrd. „entschädigt“ – rund Can$ 20.000 im Durchschnitt pro Person für nicht wiedergutzumachendes Leid und oft genug ein zerstörtes Leben. (AE: 1 Kanadischer Dollar entspricht etwa 0,7 Euro.) Das IRSSA war jedoch keine juristische Aufarbeitung oder Verfolgung der Täter. Diese muss bis heute in langwierigen Prozessen erfolgen.

AE: Wer die traurige und skandalöse juristische Lage zum Missbrauchsskandal bei uns kennt, fragt sich natürlich sofort, wie viele Ermittlungsverfahren und Verurteilungen es in Kanada bis heute gibt.

MS: Mitte der 1980er Jahre begannen die ersten Survivors, ihr Schicksal verstärkt an die Öffentlichkeit zu bringen. Signalwirkung hatte ein öffentliches Statement des damaligen Grand Chief der Assembly of Manitoba, Phil Fontaine (Sagkeeng Anicinabe Nation), im Oktober 1990. Fontaine, der später drei Mal zum National Chief der Assembly of First Nations (AFN) gewählt wurde, war damals bereits ein wichtiger Vorreiter für die Rechte der indigenen Völker und eine öffentliche Figur, deren Wort Gewicht besaß. Als erster prominenter Indigener berichtete er 1990 von seinen Erfahrungen in der Assiniboia Residential School, einschließlich physischem und sexuellem Missbrauch.

Viele Survivors fühlten sich mit ihrem Schicksal alleingelassen. Das ist leider eine typische Reaktion von Missbrauchsopfern. Sie suchen die Schuld nicht beim Täter, sondern bei sich selbst und glauben, dass ihnen allein dieses Schicksal widerfahren sei. Ermutigt durch Phil Fontaines Beispiel meldeten sich dann aber immer mehr Indigene zu Wort. Die kanadische Gesellschaft reagierte zunächst mit Ignoranz oder gar Zurückweisung; Regierung und Kirchen versuchten, alle Verantwortung von sich zu weisen. Dies gilt in weiten Bereichen bis heute – ungeachtet des IRSSA.

Wie der noch immer aktuell anhängige Fall von Father Rivoire[2] verdeutlicht, wurden Priester, denen Missbrauch vorgeworfen wurde, stillschweigend von der betreffenden Gemeinde bzw. dem Reservat – insbesondere im hohen Norden bei den Inuit – einfach abgezogen und in das nächste Reservat versetzt. So wurden übergriffige Priester von einer Gemeinde an die nächste weitergereicht, ohne dass die Öffentlichkeit jemals von ihren Verbrechen Kenntnis erlangt hatte.

Eine genaue Zahl der Anklagen und Verfahren gegen Mitglieder der Kirchen ließe sich nur mit umfangreicher Recherche ermitteln. In den meisten Fällen dauerte es aber Jahrzehnte, bis die Täter angeklagt und vor Gericht gestellt wurden. Nur in seltenen Fällen kam es zu Verurteilungen. So wurde etwa der Oblaten-Bruder Glenn Doughty 2002 zu drei Jahren Haft verurteilt für den sexuellen Missbrauch an den Brüdern James und Tony Charlie. Die Brüder – damals 12 und 13 Jahre alt – besuchten in den 1960er Jahren die Kuper Island Residential School in British Columbia. Doughty wurde noch in zwei weiteren Fällen wegen sexuellen Missbrauchs in den Residential Schools von Thunder Bay und Williams Lake verurteilt – mit insgesamt 11 Opfern. Die Oblates of Mary Immaculate leiteten damals 48 Residential Schools.

Die beständigen Erniedrigungen, die harschen und oft völlig grundlosen Strafen und auch die körperliche Schwächung durch den permanenten Hunger machten viele Kinder in den Residential Schools zu leichten Opfern von Missbrauch. Jeder Widerstand würde weitere Konsequenzen bedeuten – ein leichtes Spiel für die Täter. Die hilflosen Kinder hatten keine Fürsprecher und mussten daher fürchten, dass sie der böswilligen Lüge bezichtigt würden, wenn sie gegen Priester oder Nonnen aussagten. Die Täter wurden also von einer verhängnisvollen Kultur des Schweigens geschützt – und wussten dies. Fälle von Missbrauch wurden fast nie zur Anzeige gebracht – alle Verfahren wurden erst sehr viel später vor Gericht gebracht, als die Residential Schools bereits weitgehend der Vergangenheit angehörten.

AE: Das kommt uns doch alles recht bekannt vor, z.B. ein Täter, der nacheinander in mehreren Schulen tätig werden konnte. Waren die christlichen Orden und Kirchen im Vertuschen so geschickt oder wurde es vom Staat stillschweigend geduldet?

MS: In seiner Dissertation aus dem Jahr 2017 versuchte Bryanne Huston Young darzulegen, dass der Missbrauch ein wesentlicher Bestandteil der von Duncan Campbell Scott verkündeten Assimilationspolitik Killing the Indian in the Child! war. Die durch den Missbrauch hervorgerufene Selbstverachtung und Scham sollte die Betroffenen daran hindern, zu ihren Familien und ihrer Gemeinschaft zurückzukehren. Damit würde tatsächlich alles Indigene in den Kindern abgetötet, so das Ziel.[3]

Diese widerwärtige Strategie ging in vielen Fällen auf; ein Großteil der 150.000 Kinder, welche die Residential Schools durchlaufen mussten, wurde Opfer von sexuellem Missbrauch – in manchen Schulen betrug der Anteil der Opfer über 70%.

AE: So widerlich das alles ist – kannst Du noch ein paar konkrete Beispiele nennen? Ich fürchte, bei den meisten Lesern reicht die Phantasie gar nicht aus, die ganze Perversion dieser christlichen Einrichtungen zu verstehen.

MS: Als eine der berüchtigtsten Residential Schools gilt St. Anne’s, auch als Alberni Indian Residential School bekannt. Die Täter waren nicht nur Priester oder Nonnen, sondern auch Lehrer oder Angestellte. 1995 wurde der Nachtwächter Arthur Plint verurteilt. Er konnte sich zwei Jahrzehnte lang ungehindert an den Kindern vergreifen, während er den Schlafsaal bewachen sollte.

In seinem Urteil sprach Richter Douglas Hogarth von „institutionalisierter Phädophilie“.[4] Plint arbeitete von 1947 bis 1968 in dem vom Oblatenorden und den Grauen Nonnen geleiten Internat, das von 1902 bis 1976 betrieben wurde. Plint wurde zu 11 Jahren Haft verurteilt, jedoch nach acht Jahren freigelassen. Viele seiner Opfer hatten sich in der Zwischenzeit das Leben genommen. Plint bekannte sich in 18 Fällen schuldig, Kinder im Alter von 6 bis 13 missbraucht zu haben. Richter Hogarth bezeichnete den Fall als den widerlichsten, den er je zu verhandeln hatte.[5] So hatte Plint z.B. Kinder erst zum Oralsex gezwungen, bevor er ihnen Briefe ihrer Familien aushändigte.

In all der Zeit des Missbrauchs hatte die Kirche ihre schützende Hand über Plint gehalten, der seine Taten keineswegs verheimlichte. Das zeigt einmal mehr: Die Kirche war selbst an dem institutionalisierten Verbrechen beteiligt.

Nachforschungen des indigenen Senders Aboriginal Peoples‘ Television News vom Oktober 2022 ergaben, dass allein in Manitoba 82 katholische Priester und Nonnen als Missbrauchstäter benannt wurden. Landesweit gab es weitere 146 Gerichtsklagen gegen mehr als 100 Mitglieder der Oblaten. All diese Klagen wurden in den 1990er und frühen 2000er Jahren eingereicht.

AE: Man braucht schon ein extrem päpstlich geprägtes Verständnis von Moral, um da noch von „vereinzelten schwarzen Schafen“ zu reden …

MS: Private Ermittler, die im Auftrag der kanadischen Regierung Nachforschung anstellten, konnten in ihrem 2016 veröffentlichten Bericht 5315 Täter identifizieren, deren Namen in geheimen Regierungsdokumenten vergraben sind. Nur 50 davon landeten vor Gericht,[6] denn Ziel der Untersuchung war nicht die Strafverfolgung, sondern deren Teilnahme an Versöhnungsverfahren.

Die meisten der Täter mussten nur eine paar Monate im Gefängnis verbringen, obwohl sie zahlreiche Leben und ganze Gemeinschaften zerstörten und ihre Opfer in Alkoholismus oder Suizid trieben. So auch Douglas Haddock, der sich sechs Jahre lang an den Kindern in St. Anne’s verging und lediglich 23 Monate hinter Gitter musste. William Peniston Starr wurde wegen Missbrauchs von zehn Kindern über 20 Jahre in der Gordon Indian Residential School in Saskatchewan verurteilt. Später gab er zu, Hunderte von Kindern missbraucht zu haben.

Auch Priester Harold McIntee wurde wegen 75 Fällen von Missbrauch in den 1950er und 60ern in der katholischen St. Joseph’s Indian Residential School nahe Willilams Lake in British Columbia verurteilt und erhielt zwei Jahre Haft.[7]

Der Bericht der Truth and Reconciliation Commission (2015) dokumentierte 38.000 Missbrauchsopfer – dagegen nehmen sich die Zahlen, welche die Kirchen selbst veröffentlichen, geradezu lächerlich gering aus.

Im März 2023 veröffentlichte der Jesuitenorden von Kanada eine Liste mit 27 Namen von Priestern und Mönchen, denen glaubhaft sexueller Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen wurde. Allerdings sind 24 davon bereits verstorben, die übrigen drei, die bereits alle über 80 Jahre alt sind, leben in Abgeschiedenheit in einem Kloster. Sechs der Täter waren in Residential Schools tätig, darunter George Epoch, der 1986 verstarb. Dem Priester wird Missbrauch von mehr als 100 Kindern in verschiedenen indigenen Communities vorgeworfen, doch zu seinen Lebzeiten wurde er weder angeklagt noch kirchenintern bestraft. Allerdings hätten die Jesuiten 7,5 Mio Can$ in außergerichtlichen Vereinbarungen gezahlt.

Erstmalig hatte 2019 die Erzdiözese von Vancouver eine Namensliste von Missbrauchstätern veröffentlicht. Inzwischen hat auch die katholische Diözese von London, Ontario, 40 Täternamen veröffentlicht, während der Oblatenorden erklärte, man prüfe entsprechende Vorwürfe.

Die Dimension lässt sich erahnen, wenn man vergleicht, dass in den USA bis 2020 die Namen von 6.770 Mitgliedern des Klerus veröffentlicht wurden, welche Kinder missbrauchten. Auch wenn sich diese Zahl nicht auf die Boarding Schools allein bezieht, wird das enorme Ausmaß der Vertuschung und des Leids wenigstens ansatzweise erkennbar. Die Kirchen in Kanada haben bislang nicht erklärt, dem Beispiel der USA folgen zu wollen.

AE: Du kennst Dich ja insgesamt gut aus: Gab oder gibt es so ein System auch in anderen Ländern?

MS: Ja, und zwar in jenen Ländern, in denen der christlich geprägte Kolonialismus vergleichbare Formen wie in Kanada angenommen hat. Es geht um hoch entwickelte Länder mit Ureinwohnern, die inzwischen zur marginalisierten Minderheit zählen – USA, Australien und Neuseeland.

So erzählt der Film Rabbit-Proof Fence (2002) exemplarisch das Schicksal von drei Mädchen der Aboriginals in Australien, die ihren Familien entrissen und weit entfernt in eine Internatsschule gebracht werden. Die drei Mädchen im Alter zwischen 8 und 14 Jahren fliehen aus der Schule und legen 2.400 km zu Fuß zurück (verfolgt von Polizei und Behörden), um zu ihren Familien zurückzukehren.

Das System der Schulen in Australien glich dem in Kanada oder USA – Unterdrückung, Erniedrigung, Gewalt, Missbrauch und Assimilationszwang. Zwischen 1910 und 1970 waren – je nach Region – ein Drittel bis mehr als die Hälfte der indigenen Kinder in diesen Internatsschulen untergebracht, die ähnliche Ziele wie in den USA oder Kanada verfolgten: Assimilation und Zerstörung der ursprünglichen Kulturen und Gemeinschaften. Diese Assimilation kann jedoch weitgehend als gescheitert betrachtet werden. Die Indigenen in Australien sind weit größerer Diskriminierung, Marginalisierung und Rassismus ausgesetzt als in den übrigen drei Ländern. Ohne internationale Aufmerksamkeit oder gar Lobby für ihre Rechte werden die Aboriginals in Australien wie (unreife) Mündel des Staates behandelt.

Auch in Neuseeland gab es bereits in den 1840er Jahren Versuche, die Maori durch das Schulsystem (u.a. unter kirchlicher Leitung) zu „zivilisieren“, doch früh regte sich entschiedener Widerstand der Indigenen, so dass nur Jahrzehnte später, in den 1860er Jahren, Internatsschulen wieder aufgelöst werden mussten. 1867 verfügte ein Gesetz, dass Internatsschulen nur auf ausdrücklichen Wunsch der Maori eingerichtet werden konnten. 1969 wurden alle Maori-Schulen per Gesetz aufgelöst und ein einheitliches Schulsystem durchgesetzt. Heute repräsentieren Maori ihre eigenständige Kultur voller Selbstbewusstsein – und Neuseeland schmückt sich nicht selten mit dem Erbe der indigenen Kulturen.

AE: Warum sorgte das Residential School System in Kanada für mehr Aufmerksamkeit als das Indian Boarding School System in den USA?

1634 errichteten die Jesuiten die erste Missionsschule in Maryland. Auch in den USA war das oberste Ziel die Christianisierung und Zivilisierung der „Wilden“. Doch der Expansionsdrang in den USA war wesentlich kriegerischer geprägt als in Kanada. Die „Indianerkriege“ vernichteten die Gegner in großem Ausmaß, die Eroberung des Westens und die Ideologie der „Manifest Destiny“ sah vor allem die Überlegenheit der weißen Siedler im Vordergrund.

Doch auch in den USA begann man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Einrichtung von Indian Boarding Schools. Federführend war ein Militär, Lieutenant Richard Harry Pratt, der den Slogan prägte Kill the Indian, Save the Man! Militärische Unterwerfung paarte sich mit christlicher Missionierung. Doch Ende des 19. Jahrhunderts galten die Indianer als besiegt, die letzten Überlebenden wurden in Reservaten zusammengepfercht. Wer Unterernährung, Krankheiten und Seuchen überlebte, sollte schließlich zu einem nützlichen Untertan erzogen werden.

Die wohl bekannteste Institution war die Carlisle Indian Industrial School (1879 – 1918) mit Tausenden von Kindern. Die Jungen sollten zu Farmern oder Handwerkern erzogen werden, die Mädchen zu Haushalts- oder Küchenhilfen. Doch anders als in Kanada verfügen die Indigenen in den USA über mitunter große Reservate, weit von weißen Zentren entfernt. Sie hatten also viel stärker die Möglichkeit unter sich zu bleiben.

Zudem gab es in den USA – anders als in Kanada – einen permanenten Politikwechsel. Erst sollten die Indigenen ausgelöscht werden, dann brauchte man sie als Kanonenfutter im Ersten Weltkrieg und man gab ihnen die Staatsbürgerschaft, dann wollte man mehr Eigenständigkeit und sich der Vormundschaft entledigen, weshalb der Indian Reorganization Act (1934) eingeführt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man die indigenen Nationen und Reservate auflösen (Termination Act, 1953), dann wieder deren Eigenständigkeit unterstützen, um sich aus der Verantwortung zu ziehen (Indian Self-Determination Act 1975).

Ein vergleichbares Wechselspiel hat die kanadische Politik gegenüber den Indigenen nicht durchlaufen. Indigene waren für Ottawa immer nur ein störendes und überflüssiges Überbleibsel der Vergangenheit.

AE: Wie sieht es aktuell aus – wie machen die Indigenen in Kanada weiter?

MS: Sie arbeiten weiterhin intensiv an der Aufarbeitung der Verbrechen um die Residential Schools. Ein wichtiger Punkt ist der Zugang zu den Dokumenten, die in den Archiven der Regierung und der Kirchen schlummern. Edmund Metatawabin, der in seiner Autobiographie „Upghost River“ (New York: 2014) seine Leidensgeschichte in der St. Anne’s Residential School schonungslos schildert (einschließlich eines elektrischen Stuhls zur Bestrafung oder der Foltermethode, das eigene Erbrochene essen zu müssen) bemüht sich seit Jahren um die Dokumente – mit Unterstützung des kanadischen Abgeordneten Charlie Angus. Doch sie erhielten bisher nur Stapel mit geschwärztem Papier. Die üblichen Ausreden: Die ehemaligen Missionsschulen seien abgebrannt oder abgerissen worden und die Dokumente dabei verloren gegangen.

Die Dokumente könnten natürlich auch Aufschluss darüber geben, wer in den anonymen Gräbern liegt und wo vermutlich noch weitere Massengräber zu finden sind. Für die Hinterbliebenen wären diese Informationen wichtig, um das Schicksal ihrer verlorenen Kinder rekonstruieren und Abschied nehmen zu können.

Die Indigenen gehen also weiter an die Öffentlichkeit, um die Kanadier über das anhaltende Unrecht an ihnen aufzuklären. Ein wichtiges und aktuelles Zeichen war der Orange Shirt Day, dessen Logos und T-Shirts 2022 in ganz Kanada zu sehen waren. Als Phyllis Webstad 1973 in die Residential School musste, schenkte ihr ihre Großmutter ein orangefarbenes T-Shirt, das ihr sofort nach Ankunft im Internat weggenommen wurde. Das Orange T-Shirt mit dem Aufdruck „Every Child Matters“ prägte erstmals 2021 die Schlagzeilen und wurde im ganzen Land als Symbol der Solidarität mit den Indigenen getragen. Der 30.September wurde von der Regierung zum „National Day for Truth and Reconciliation“ erklärt.

Eines ist aber klar: Der Weg der Aufklärung und Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.

AE: Liebe Monika, herzlichen Dank für dieses sehr ausführliche und lehrreiche Gespräch zu einer bei uns eher unbekannten Facette der Kriminalgeschichte des Christentums.

Monika Seiller, geb. 1963 in Würzburg, studierte Politologie (M.A.), Anglistik, Amerikanistik, Germanistik, Soziologie und Philosophie.
1986 gründete sie den Verein Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V., dessen Vorsitzende sie ist. Seit 1989 ist sie ehrenamtliche Redakteurin und Herausgeberin des Magazins Coyote über die indigene Gegenwart in Nordamerika. Sie hat verschiedene Publikationen von Indigenen übersetzt und herausgegeben, u.a. „Stimmen der Erde“, „Go Beyond“, „Lieder in der Sprache meines Feindes“, „Stimmen vom Rand der Erde“ und „an indian perspective – eine indianische Betrachtung“. Außerdem arbeitete sie mit an der Übersetzung von „Crazy Horse – das Leben und Vermächtnis eines Lakota-Kriegers“ sowie „Mamaskatch“ von Darrel J. McLeod. Ferner übernahm sie das Lektorat von „Ein Leben für die Freiheit -Leonard Peltier und der indianische Widerstand“. Ihre jüngste Übersetzung war das herausragende Werk „Highway der Tränen“ der Journalisten Jessica McDiarmid über das Verschwinden und die Morde an indigenen Frauen in Kanada.
Regelmäßig nimmt sie an den Sitzungen bei den Vereinten Nationen in New York und Genf teil und hält Vorträge über Menschenrechte und Indigene. Mit besonderem Interesse für die Situation der indigenen Frauen organisiert sie Ausstellungen, u.a. „Warrior Women statt Pocahontas“ zum Thema Gewalt an indigenen Frauen.

Dieses Interview wurde zuerst auf Answers without Questions veröffentlicht.

[1] Looking Forward, Looking Back
[2] French demonstrators demand extradition of retired priest accused of abusing Inuit children
[3] Killing the Indian in the child
[4] Why so many sexual predators at Indian Residential Schools escaped punishment
[5] 77-year old pedophile sentenced to 11 years
[6] Indian residential schools: 5,300 alleged abusers located by Ottawa
[7] One of Canada's first big convictions for residential-school abuse

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