Fehlt etwas, wenn man an gar nichts glaubt?

Ich glaube nicht an Götter, nicht an den Osterhasen, nicht an die Wunderheilung, nicht an die Zahnfee. Da könnt ich doch auch gleich an das Fliegende Spaghettimonster glauben!

Fehlt etwas, wenn man an gar nichts glaubt?

„Fehlt dir in dieser ohnehin zu rationalen Welt nicht etwas, wenn du an gar nichts glaubst?“, werde ich immer mal wieder gefragt. Ja, fehlt mir denn etwas? Ist unsere Welt überhaupt zu rational? Und warum wird das Glauben derartig glorifiziert, während das Wissen als überheblicher Schnösel daherkommt?

Menschen die von einer überrationalisierten Welt sprechen, meinen, bei genauerem Betrachten, in Wirklichkeit oft die schnell voranschreitende Technologisierung oder den Kapitalismus. Denn wenn die Hälfte aller Deutschen und Österreicher meint, Bachblütentherapie und Heilpraktiker wären eine Alternative zur evidenzbasierten Medizin, wenn eine nicht gerade kleine Minderheit annimmt, mit dem Jenseits Kontakt aufnehmen zu können, wenn Homöopathen mit Globuli ausgestattet den Kampf gegen Ebola aufnehmen wollen, und wenn Politiker mit rechter Gesinnung eine Chemtrail-Gefahr propagieren, dann zeigt das auf, wie wenig rational unsere Gesellschaft im Allgemeinen denkt und handelt.

Ideologien und Irrationalismen sind in der bürgerlichen Gesellschaft Teil des alltäglichen Bewusstseins. Die Wirklichkeit des Möglichen regiert das Denken der Menschen, doch im Abschätzen von Wahrscheinlichkeiten ist der Mensch bekanntlich nicht gut. Es liegt in unserer Natur, hohe Wahrscheinlichkeiten zu unterschätzen und niedrige Wahrscheinlichkeiten zu überschätzen.

Die Welt ist oft nicht so, wie es die Menschen gerne hätten. Das Leben ist unsicher, da es nicht vorhersehbar ist. Zudem ist es oft unschön und ungerecht. Der Rationale nimmt es an, weil so manch persönliches Schicksal eben ist wie es ist. Der Religiöse versucht sich selbst durch Beten und Buße aus seiner vermeintlich selbst verschuldeten Misere zu führen, und der Esoteriker bedient sich allerlei kruder Hilfsmittel, die von positivem Denken bis zum Energietanz reichen. Dabei sollte man annehmen, idealistische Theorien müssten sich zwangsläufig in unserer Gesellschaft blamieren, tun sie aber nicht. Was sich  nicht durchsetzen kann, wird regelmäßig durch eine neue Spinnerei ersetzt.

Sich dem religiösen und esoterischen Glauben hinzugeben erfordert das Ausblenden der Vernunft des Bestehenden. Die Welt muss nicht zwingendermaßen erkannt und erforscht werden. Vielmehr soll sie gefühlt und intuitiv durchschaut werden. Evolution und Naturgesetze sind Widersprüche, die überwunden werden können, denn Ideologien beziehen sich auf den Schein der Dinge und nicht auf Gesetzmäßigkeiten. Ein „Es ist eben so wie es ist“, reicht als Erklärung nicht aus, demnach müssen höhere, machtvollere, leicht erklärbare mystifizierbare Gesetzmäßigkeiten kreiert werden.

Das idealistische Glaubensbild ist also die Strategie, sich ein Stück aus der gegenwärtigen Misere zu retten und sich vor der zukünftigen zu schützen. Es setzt dem Ist-Zustand sein rosa, glitzer Idealbild und den Zutritt zum Himmelsparadies entgegen. Die esoterische Ideologie, in der jeder seines Glückes Schmied sei, verleiht dem Menschen das Gefühl von Macht, von Selbstbestimmtheit und auch von Individualität und einer Ganzheitlichkeit die nach Bedarf mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann, während Religionen, in denen der Schmied erst durch ausreichend beten milde gestimmt werden muss, zunehmend ausdienen.

Da die Realität nicht umgeschmissen werden kann, müssen sich kosmische Entität, Gotteskräfte und höhere Wahrheit im sicheren Umfeld betten. Denn es kann ungemütlich werden, wenn Wissenschaft und Logik daran rütteln und auf die Zusammenhänge von Kapitalismus und Machtspielen, die mit Ideologien einhergehen, aufmerksam machen. Umgekehrt ist es so, dass der Irrationalismus für die Rationalität keine ernstzunehmende Bedrohung darstellt, denn irrationale Thesen lassen sich widerlegen, solange unsere erarbeiteten, rationale Maßstäbe nicht von einer ideologisierten, glaubensgeprägten Beliebigkeit untergraben werden.

Wer von Gott, von höheren Mächten – dem Absoluten – spricht, spricht von allem, von nichts bestimmtem, damit von Nichts. Das mächtigste, höchste, allgemeinste Prinzip entpuppt sich als leeres Gerede.

Nein, es fehlt mir nicht an diesem beliebigen Nichts. Ich möchte die Dinge wissen, möchte eins sein mit der Natur , nicht spirituell, sondern durch das Verstehen  ihrer rationalen und zugleich wunderbaren Gesetzmäßigkeiten. Sie sind meine Grundlage und meine Orientierung, die keine X-beliebige, austauschbare Weltanschauung ins Schwanken bringen kann. Die Naturgesetze sind meine Himmel und meine Erde, das “Mehr dazwischen” – von dem oft sinnentleert gefloskelt wird –  sind die schönen, greifbaren Dinge, die diese Gesetze hervorgebracht haben: Liebe, Erotik, Kunst, Poesie, Phantasie, Schönheit, Duft.

Andrea Walter ist eine Bloggerin, freie Autorin, Sozialarbeiterin,  Humanistin und Initiatorin von "Kein Gewerbeschein für Humbug".

Blog: https://andreawalterblog.wordpress.com/
Facebook: Initiative "Wissenschaft als Maßstab - kein Gewerbeschein für Humbug"

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Kommentare

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    Martin Dörflinger

    Lmaa

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