Was ist die Ursache des ethischen Relativismus?

Warum behaupten einige Leute, dass es keinen objektiven Moralmaßstab gäbe?

Was ist die Ursache des ethischen Relativismus?

Ihrer Auffassung nach sind bestimmte Charaktereigenschaften oder Handlungen nicht eindeutig gut (z.B. die Rechte anderer Menschen achten), böse (Menschen ermorden) oder neutral (Schoko- oder Vanilleeis essen), sondern es ist demnach rein subjektiv, wie man sie bewertet. Es mag von einem Individuum persönlich abhängen oder von der Kultur, in der man lebt, von der eigenen sozialen Gruppe, vom eigenen Gott, aber jedenfalls ist es nicht universell anhand von Fakten feststellbar, was gut und was böse ist. In China essen sie Hunde.

Mir ist aufgefallen, dass in der Philosophiegeschichte unterschiedliche Gründe für eine solche Position angeführt wurden. Beispiele für ethischen Relativismus findet man unter anderem bei den altgriechischen Sophisten (die Kulturrelativisten gewesen sein sollen), bei den Emotivisten des 18. und 20. Jahrhunderts (ethische Wertungen sind nur Ausdruck unserer emotionalen Haltungen), bei Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert und bei anderen Deterministen wie etwa den Marxisten (Moral wird nicht durch menschliche Willensentscheidungen, sondern durch externe Faktoren wie die ökonomische Klasse bestimmt) und bei den Pragmatikern des 19. und 20. Jahrhunderts (moralisch ist, was „funktioniert“).

Im wissenschaftlichen Bereich ist der ethische Relativismus bei Anthropologen weit verbreitet, was ich für zumindest verständlicher halte als bei allen anderen, denn man man seine Karriere mit der Analyse verschiedener Kulturen verbringt, kann es leicht so erscheinen, als gäbe es nur eine Vielfalt ethischer Vorstellungen und keinen objektiven Maßstab für moralische Werte.

Was ist ein objektiver Moralmaßstab?

Um kurz anzureißen, was ich mit einem solchen „objektiven Maßstab“ der Ethik meine: Laut meiner humanistischen Auffassung ist das menschliche Leben jener objektive Maßstab der Ethik. Man sollte Handlungen also danach beurteilen, ob sie dem menschlichen Leben dienen oder nicht. Den Menschen verstehe ich als vernunftbegabte Lebensform mit einem freien Willen.

Der Begriff „objektiv“ bedeutet in der hier gebrauchten aristotelischen im Gegensatz zur modernen Tradition nicht so etwas wie „vom Menschen unabhängig“ oder „aus der Sicht eines außenstehenden Betrachters“, sondern er bedeutet „faktenbasiert“ im Gegensatz zu „subjektiv“, das heißt willkürlich, etwa beruhend auf persönlichen Launen, Wünschen, spontanen Einfällen oder Göttern. Es gibt Fakten über die menschliche Natur und über die angemessenen Überlebensbedingungen für eine Lebensform, wie wir eine sind. Eine Ethik, die auf diesen Tatsachen aufbaut, kann einen Anspruch darauf erheben, objektiv zu sein (was nicht dasselbe ist wie „unfehlbar“).

Die Existenz von unterschiedlichen moralischen Auffassungen bei unterschiedlichen Kulturen mag tatsächlich bei einigen Forschern und Denkern eine Art von ethischem Relativismus begünstigt oder ausgelöst haben. Was ich bei all dem seltsam finde ist nur, dass ich in meinem eigenen Leben jemals nur einen einzigen Grund ausmachen konnte, warum Menschen ethisch relativistische Phrasen von sich geben, wie etwa: „Was für Dich gut ist, muss für mich nicht gut sein“ oder „Möge jeder nach seiner Facon glücklich werden“ oder „Ich habe eine andere Vorstellung von Liebe“, etc.

Selektiver Relativismus

Solche Phrasen sind nach meinem Dafürhalten häufig Rationalisierungen und Ausreden, aber motiviert durch was? Ich habe mir vor einer Weile den Vortrag „Ethics: The History of Moral Thought“ des katholischen Philosophieprofessors Peter Kreeft angehört. Er ist der Meinung, dass es letztlich vielleicht nur einen Grund für ethischen Relativismus gibt und jemals gegeben hat, wofür er auch historische Beispiele anführt.

Es ist doch auffällig: Heute ist niemand in unserer Kultur ein ethischer Relativist, wenn es um solche Fragen geht wie, ob es richtig ist, Frauen zu Tode zu steinigen, weil sie ihrem Freund in der Öffentlichkeit zu nahe gekommen sind (wie es in Saudi-Arabien praktiziert wird). Da sagt jeder gleich, dass es falsch ist. Eindeutig falsch. Und nicht nur in unserer Kultur falsch, sondern auch in Saudi-Arabien falsch. Ebenso werden Verbrechen wie Mord und Diebstahl noch immer als ethisch schlicht falsch angesehen.

Oder man nehme den Volksaufreger Nummer 1, bei dem die Leute sofort zu mörderischen Furien avancieren: Kindesmissbrauch. Da fordern auch angebliche Gegner der Todesstrafe sofort die öffentliche Hinrichtung der Vergewaltiger. Da frage ich mich immer: Was ist denn nun mit eurem „Es gibt keine objektive Moral“ passiert? Wo ist denn auf einmal euer „Es gibt kein Gut und Böse, nur kulturelle oder persönliche Präferenzen?“ Auf einmal ist doch etwas eindeutig böse. Auf einmal soll man sogar jemanden ohne Prozess ermorden, weil er eine bestimmte Tat begangen hat.

Klar, ich denke auch, dass Kindesmissbrauch böse ist, aber ich gehe schließlich von einer objektiven Moral aus. Ich kann also sagen, dass es böse ist. Aber die Relativisten können das eigentlich nicht. Und doch sagen sie es und das noch viel erboster, aggressiver und geradezu hilflos und verzweifelt. „Aber es ist doch böse, es muss doch böse sein, warum auch immer, tötet ihn doch einfach!“ Wenn man ihn tötet, kann er die Frage nicht mehr stellen, warum es eigentlich falsch war, was er tat. Viele der Erbosten könnten sie schließlich nicht beantworten.

Alle einstmals als Quelle einer objektiven Moral angesehenen Instanzen wurden nämlich nacheinander geleugnet: Es gibt keinen Gott, Naturrechte sind „Unsinn auf Stelzen“ (wie sie der Utilitarist Jeremy Bentham nannte), aufgrund des „naturalistischen Fehlschlusses“ können wir nicht von Fakten auf Werte schließen (David Hume), also ist Moral letztlich relativ. Demnach wäre Kindesmissbrauch eigentlich nicht objektiv falsch. Sondern es fühlt sich höchstens schlecht an, wenn wir davon hören (Hume) oder unsere Kultur ist dem beliebigen Vorurteil auf dem Leim gegangen, es wäre schlecht, Kinder zu missbrauchen.

Vielleicht wurde ich deshalb immer schief angeschaut und angeschnauzt, wenn ich nicht sofort in blanke Panik und Raserei ausbrach, wenn jemand von einem Fall von Kindesmissbrauch berichtete, über den er in den Medien etwas gehört hatte (Zur Klarstellung: Leider gibt es Unmengen an falschen, schrecklichen Dingen, die täglich in der Zeitung stehen, und ich kann nicht ständig einen emotionalen Zusammenbruch erleiden, wenn ich eines davon höre). Vielleicht hatten die keine Ahnung, warum Kindesmissbrauch falsch ist? Die ganze übrige Ethik ist für sie ja nur persönliche Vorliebe, sicherlich beurteilt an ihrem Verhalten am Freitag Abend. Warum ist also Kindesmissbrauch keine persönliche Vorliebe? Schreien wir den Gedanken besser schnell nieder!

Die Wurzel der ethischen Beliebigkeit?

Die Empörung hat inzwischen auch bei vielen anderen Anlässen die vernünftige Beurteilung abgelöst. Bei Novo gibt es eine Reihe von Artikeln zu diesem Thema. Vielleicht hat diese komplette Korrumpierung der Ethik viele komplexe Ursachen. Vielleicht auch nicht. Der Grund für den ethischen Relativismus, den Peter Kreeft anführte, war jedenfalls sexuelles Fehlverhalten.

Zuerst dachte ich mir: Klar, er ist Katholik, also behauptet er, dass sexuelles Fehlverhalten zu Rationalisierungen wie dem ethischen Relativismus führt, wenn nicht zu allgemeiner moralischer Korrumpierung. „Ich habe eben eine andere Vorstellung von Liebe als Du“ (d.h. ohne die Treue, d.h. ohne die Liebe) ist eine der Phrasen aus diesem Bereich. Eine wenig überraschende Idee für einen Katholiken. Er meinte, dass dies auch seiner persönlichen Erfahrung nach die einzige Motivation gewesen zu sein scheint, warum sich Leute dergestalt äußerten. Dann kam ich allmählich doch etwas ins Grübeln.

Wer waren eigentlich die ethischen Relativisten, die ich kannte? Was wusste ich über ihr Verhalten? Welche Gründe nannten sie für ihre Position? Seit wann und unter welchen Umständen behaupteten sie, es gäbe keine objektive Moral?

Kreeft könnte Recht haben.

Jedenfalls gibt es dieses Phänomen, dass Leute sexuelle Abenteuer haben, sich irgendwie schlecht dafür fühlen, aber nicht wirklich wissen warum, und dann allerlei Rationalisierungen von sich geben und ihre persönlichen Dummheiten zu einer allgemeinen Ethik erklären. Es ist wie Kants kategorischer Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Wenn man also aus irgendeiner spontanen, unbedachten Lust heraus mit jemandem ins Bett steigt, was nach einiger Reflexion (oder ohne) später falsch erscheint, so macht man ein allgemeines Gesetz aus dem eigenen Fehler und legitimiert ihn damit. Das nennt sich dann „ethischer Relativismus“.

Und am Ende dieses Vorgangs kommt dann eine Ethik heraus, die sich selbst abschafft. Von „Verdammt, neben wem bin ich denn da aufgewacht“ zu „Alle Kulturen sind gleich gut“, „Es gibt kein Gut und Böse“, „Wir sind nur Ergebnis unserer Gene und unserer Umwelt“ und so weiter. Stimmt, das war jedes einzelne Mal ein zumindest sehr gut möglicher Grund für den ethischen Relativismus bei jedem, bei dem ich ihn beobachtet habe.

Die Verantwortungslosigkeit und der niedrige Charakter, die einen Menschen aufgrund einer fragwürdigen sexuellen Entscheidung zu einem solchen verlogenen Amateur-Moralphilosophen machen, lassen sich kaum in Worte fassen. Weil man betrunken mit dem Falschen ins Bett ging, ist man bereit, die Moral an sich zu zerstören. Jeden objektiven Moralmaßstab wegzuleugnen. Das ist so bescheuert, dass man es dem Menschen wohl zutrauen muss. Hoffentlich hat Peter Kreeft dann auch mit einer anderen seiner Überzeugungen Recht. Und die Relativisten fahren zur Hölle.

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Kommentare

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    Eduard Kirschmann

    Menschliches Verhalten ist schwer zu verstehen und die meisten Theoretiker fischen nach wie vor im Trüben. Eine objektive Moral zu begründen indem man moralischen Relativismus zurückweist ist ein Trick, der in der Kindererziehung sehr beliebt ist. Man tut dem Kind gegenüber so, als gäbe es nur zwei Alternativen zur Auswahl und vermeidet damit lange Diskussionen. In Wirklichkeit ist die Fragestellung wesentlich komplexer und weder der moralische Relativismus noch die Vorstellung einer objektiven Moral halten einer kritischen Überprüfung stand. Ein Grund für die Beliebtheit des moralischen Relativismus ist, dass wir heute in Gesellschaften mit sehr hoch entwickelten Institutionen leben, die die meisten Aufgaben übernehmen, für die früher einheitliche Moralvorstellungen innerhalb der Gesellschaft benötigt wurden. Die entscheidenden Regeln unserer Gesellschaft sind heute in für alle verbindliche Gesetze gegossen, deren Einhaltung durch Polizei und Justiz überwacht wird. Kritischen Situationen wird durch ein grundsätzliches Gewaltmonopol des Staates vorgebeugt. Unter dem Dach eines so strukturierten, funktionierenden Staatswesens ist das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Background und unterschiedlichen Moralvorstellungen möglich (bis hin zum Verzicht auf Moralvorstellungen). Gerade das Sexualverhalten ist mit starken Emotionen verknüpft und seit jeher mit aggressivem Verhalten - insbesondere zwischen den Männern - assoziiert. Sexualmoral hatte früher vor allem die Aufgabe die Gesellschaft vor diesem Gewaltpotential zu schützen und eine Eskalation der auftretenden Konflikte zu vermeiden. Sexuelle Freizügigkeit und Selbstbestimmung sind daher auf den Schutz staatlicher Institutionen angewiesen. Sobald staatliche Institutionen zu versagen scheinen, werden Moralvorstellungen und deren Verbindlichkeit sofort wieder zum Thema.

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