Was wollen Dschihadisten wirklich? (Teil 1/2)

Der amerikanische Religionskritiker Sam Harris liest aus der 15. Ausgabe des IS-Magazins Dabiq vor. Harris analysiert, was die Dschihadisten wirklich antreibt.

Was wollen Dschihadisten wirklich? (Teil 1/2)

Folgendes ist meiner Ansicht nach der Eindruck, den jeder aufrichtige Leser des Dabiq-Magazins bekommen muss. Die grundlegenden Anliegen dieser Leute sind theologischer Natur. Ihre grundlegende These, die sie mit fast jedem Absatz stützen und fördern möchten und die alles, was sie tun, motiviert, ist eine These über die ausschließliche Legitimität ihrer Religion. Jede andere Lebensart führt in die Hölle. Die glauben das wirklich.

Die meisten von Ihnen haben wahrscheinlich keine Ahnung, wie es ist, davon überzeugt zu sein, dass Sie nach dem Tod entweder das Paradies oder eine Ewigkeit im Höllenfeuer erwartet. Und weil Sie dergleichen niemals geglaubt haben, verschwenden Sie wahrscheinlich eine Menge Energie mit der Frage, ob irgendjemand das wirklich glaubt. Ich möchte Ihnen nahelegen, das zu unterlassen und einfach als Arbeitshypothese davon auszugehen, dass Dschihadisten wirklich glauben, was sie sagen, dass sie glauben. Wenn Sie das machen, dann werden Sie sehen, dass alles, was die Dschihadisten tun, darunter Selbstmordattentate, aus deren Sicht absolut Sinn ergibt.

Die Neigung, den Menschen nicht zuzuhören oder zu glauben, die große Opfer auf dem Weg zu einem Ziel erbringen, ist wirklich merkwürdig. Nehmen wir an, Sie besuchen eine Medizinische Fakultät und fragen die Studenten dort, warum sie tun, was sie tun. Wie bereitwillig würden sie deren Antworten hinterfragen? Was sie tun, ist ziemlich schwierig. Sie verbringen all diese Zeit mit dem Studium und sammeln eine Menge Schulden an, sie verbringen all diese Zeit drinnen und sezieren Leichen, obwohl sie zum Strand gehen könnten. Was um alles in der Welt haben die nur vor?

„Die Neigung, den Menschen nicht zuzuhören oder zu glauben, die große Opfer auf dem Weg zu einem Ziel erbringen, ist wirklich merkwürdig.“

Nun, wenn Sie die Studenten das fragen, dann werden die Ihre Frage beantworten. Und Sie werden keine Sekunde vermuten, dass die Studenten ein anderes Motiv für ihre Taten hätten, das nichts mit dem zu tun hat, was sie sagen. Es mag eine gewisse Vielfalt an Gründen geben, aber 90 Prozent der Medizinstudenten werden Ihnen mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählen. Sie werden Ihnen sagen, dass sie Menschen helfen wollen, dass sie eine bedeutungsvolle Karriere haben möchten, mit der sie etwas Gutes auf der Welt tun können, dass sie eine Karriere mit hohem Ansehen haben möchten, dass sie gut bezahlt werden möchten, dass sie vielleicht ein wissenschaftliches Interesse an Biologie und medizinischer Forschung haben.

Solche Antworten machen ihre Karrierewahl logisch nachvollziehbar. Sie würden nicht sagen, dass sie eigentlich professionelle Football-Spieler werden wollten und nicht gut genug für eine solche Karriere waren, und dass sie sich darum für ein Medizinstudium entschieden, weil es dem Football-Spielen am nächsten kommt. Das würde ihr Verhalten nicht erklären.

Warum tun Dschihadisten, was sie tun? Nun, das teilen sie uns klar und offen mit. Sie teilen es uns bis zum Erbrechen mit, auch wenn wir sie gar nicht danach fragen. Sie können es Propaganda nennen und es ist Propaganda. Aber es funktioniert nur darum als Propaganda, weil viele Muslime diese Anliegen und Ziele teilen und weil sie an dieselben Dogmen glauben. Wenn sich Muslime durch diese Propaganda rekrutieren lassen, dann darum, weil sie diese Ideen für überzeugend halten.

„Es funktioniert nur darum als Propaganda, weil viele Muslime diese Anliegen und Ziele teilen.“

Aus Sicht der Autoren dieses Magazins kann die Harmonie zwischen Mensch und Natur nur durch die Realität eines gerechten Gottes erklärt werden. Und für diese Position argumentiert in großem Detail ein Magazin, das außerdem die willkürliche Tötung unschuldiger Menschen propagiert. Dieses Magazin ist ein Beleg dafür, dass die häufig veralberte Bemerkung des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, „Sie hassen uns für unsere Freiheit“, absolut wahr ist. Und all die Menschen, die glauben, die müssten uns doch aus einem anderen Grund hassen, wie unsere Außenpolitik, nun, die haben einfach Unrecht. Verhängnisvollerweise, wie aus diesem Magazin deutlich hervorgeht.

Alles, was Leute wie Noam Chomsky, der Journalist Glenn Greenwald und die Dutzenden muslimischen Apologeten über die Motivationen der Dschihadisten geschrieben haben, die Pornografie des Selbstzweifels, die sie seit über einem Jahrzehnt verbreiten, ist eine bloße Wahnvorstellung. Im Dabiq-Magazin kann man ein Zeugnis einer europäischen Konvertitin zum Islam nachlesen. Sie spricht darüber, wie es für sie gewesen ist, in Finnland zum Islam zu konvertieren und erklärt, warum das Christentum nie einen Sinn für sie ergeben hat, weil es natürlich wirklich keinen Sinn ergibt. Gott ist sowohl ein Mensch als auch der Sohn Gottes und Gott selbst? Er ist göttlich und allmächtig und dann wird er gekreuzigt und gedemütigt? Das ist lächerlich. Christen fragen sich seit 2000 Jahren, wie die Dreifaltigkeit zu verstehen ist.

Der Islam ist einfacher und direkter, was ein echter Vorteil ist. Es gibt nur Gott und Du bist sein Sklave. Akzeptiere den Islam oder brenne in der Hölle. Das Magazin enthält übrigens einen langen Artikel über Bibelkritik, der die christliche Doktrin sehr überzeugend auseinandernimmt. Der Grad an theologischem Interesse dieser Leute, die zentrale Bedeutung, die es für sie hat, metaphysisch richtig zu liegen, lässt sich kaum übertrieben ausdrücken. Sie interessieren sich für nichts Anderes. Nur eine Frage ergibt für sie Sinn: Wie kommt man in den Himmel und wie kann man es vermeiden, in die Hölle zu kommen?

Diese dem IS beigetretene finnische Frau, die einem christlichen Elternhaus entstammt, schreibt Folgendes in Dabiq: „Ich kann nicht einmal das Gefühl beschreiben, wenn man endlich diese Grenze überschreitet und die Gebiete des Kalifats betritt. Es ist ein solcher Segen Allahs, im Kalifat leben zu dürfen. Es gibt so viele Menschen, die so viele Versuche unternommen haben, hierher zu kommen, aber die es noch nicht geschafft haben. Wenn man ins Kalifat kommt und alles für Allah aufgegeben hat, wird man natürlich weiterhin geprüft. Man wird Notlagen und Herausforderungen überstehen müssen, aber jeden Tag ist man Allah dafür dankbar, dass er einem erlaubt hat, die Hidschra [Flucht Mohammeds aus dem heidnischen Mekka nach Medina] zu unternehmen und unter der Scharia zu leben.

Das Leben im Islamischen Staat ist ein solcher Segen. Man muss Schwierigkeiten und Not bewältigen, man ist nicht an das Essen oder an die neue Lebensweise gewohnt, man kennt vielleicht die örtliche Sprache nicht, man hört Bombenangriffe und die Kinder können Angst bekommen, aber nichts davon mindert den Dank, den man Allah gegenüber dafür empfindet, hier sein zu dürfen.

„Vier Monate nach unserer Ankunft hier starb mein Sohn den Märtyrertod und das war ein weiterer Segen Allahs.“

Auch weiß man nicht, welches Leben man zuvor führte, wenn man nicht hier lebt. Das Leben hier ist so viel reiner. Wenn man in den Ländern des Unglaubens lebt, setzt man sich und seinen Kindern so viel Schmutz und Verderbtheit aus. Man macht es dem Teufel leicht, einen vom rechten Weg abzubringen. Hier lebt man ein reines Leben und die Kinder werden mit vielen guten Einflüssen um sie herum aufgezogen. Sie müssen sich nicht für ihren Glauben schämen. Sie dürfen stolz darauf sein und bekommen von Anfang an die richtigen Überzeugungen.

Vier Monate nach unserer Ankunft hier starb mein Sohn den Märtyrertod und das war ein weiterer Segen Allahs. Wann immer ich daran denke, frage ich mich: ‚Was, wenn ich in den Ländern des Unglaubens geblieben wäre, wie wäre er dann gestorben? Was wäre mit ihm geschehen? Allah sei Dank wurde er von all dem bewahrt und was könnte besser für ihn sein, als für Allah getötet zu werden? Gewiss ist es nicht einfach, aber ich frage Allah, ob er uns erlaubt, ihn zu begleiten.“

Lesen Sie diese Passage ruhig noch einmal und gehen Sie dabei davon aus, dass es sich bei der Frau um eine geistig normale Person handelt, die einfach an die Realität von Märtyrertum und Paradies glaubt. Sie glaubt also, dass dieses Leben hier letztlich unbedeutend ist, nur eine Glaubensprüfung. Glaube das Falsche, und du fährst zur Hölle, glaube das Richtige, und Du kommst ins Paradies. Der Glaube ist alles, was zählt.

„Das ist die Welt, die diese Leute errichten wollen. Eine Fantasiewelt willkürlichen religiösen Bullshits.“

Die Frau hatte einen kleinen Jungen, der vier Monate nach ihrer Ankunft im Kalifat getötet wurde, vielleicht wurde er in die Luft gesprengt oder von fallenden Trümmern zerquetscht. Sie glaubt, das wäre das Beste, was ihm hätte passieren können. Sie ist aus Finnland. Anstatt ihn dort aufzuziehen, damit er ein Arzt, ein Romanautor oder ein Unternehmer geworden wäre oder statt selbst einen dieser Berufe zu ergreifen, wandert sie in die irakische Hölle aus, als Ehefrau eines religiösen Spinners, und entscheidet sich dazu, sich einen Sack umzustülpen und jetzt freut sie sich über die Tatsache, dass ihr Sohn tot ist. Und der Tod ihres Sohnes ist für sie nicht einmal auf einer Ebene mit den anderen Widrigkeiten, die ihr begegnet sind. Man ist nicht an das Essen gewohnt, man kennt die örtliche Sprache nicht, man wird vom Bombenlärm belästigt, und, oh, mein Sohn wurde vier Monate nach unserer Ankunft getötet. Aber das war eigentlich eine gute Sache.

Das ist die Welt, die diese Leute errichten wollen. Eine Fantasiewelt willkürlichen religiösen Bullshits, der dem Leben seinen ganzen Wert nimmt. Wo der Tod eines Kindes, das von seinen Eltern absichtlich jeder echten Chance beraubt wurde, ein Grund zum Feiern ist. Das ist unser Feind. Nicht irgendein Psychopath, der sowieso jemanden umgebracht hätte und der es nun lediglich „im Namen“ des Islams tut. Nein. Der Feind ist jeder normale Mensch, der von diesen außerordentlich dämlichen Ideen infiziert wird. Der Feind ist jemand genau wie Sie, der lediglich davon überzeugt wurde, dass das Einzige, was im Leben zählt, der Märtyrertod oder der Sieg für den einzig wahren Glauben ist.

Im kommenden zweiten Teil zitiert Harris weitere Passagen aus Dabiq und belegt anhand der dschihadistischen Schriften die Rolle des Islams für die Gotteskrieger.

Hier geht es zu Teil 2.

Übersetzt und gekürzt von Andreas Müller

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Hermann Neuburg

    Sie schrieben: "Gott ist sowohl ein Mensch als auch der Sohn Gottes und Gott selbst? Er ist göttlich und allmächtig und dann wird er gekreuzigt und gedemütigt? Das ist lächerlich. Christen fragen sich seit 2000 Jahren, wie die Dreifaltigkeit zu verstehen ist." Nun, weil Sie die Trinität nicht verstehen, deshalb heißt es noch lange nicht, dass es lächerlich ist. Gott ist eben mehr als eine Person, man darf Gott nicht mit dem kleinen menschlichen Verstand von Person begreifen. Aber mehr dazu finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=u0JpwOSKRC0

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