Wir waren nie Darwinisten

Mit dem Hype im Darwin-Jahr 2009 entstand eine eigenartige neue Spezies: Darwinisten, die sich nicht für Biologie interessieren.

Wir waren nie Darwinisten

Quelle: www.gettyimages.de

Die eher harmlose Variante kommt erst gar nicht auf die Idee, dass die Evolution im Allgemeinen und speziell die evolutionäre Entstehung der Menschen irgendeine Bedeutung für unser Leben haben könnte. Am anderen Ende des Spektrums gibt es die regelrechten Biologiehasser: Sobald in einer Diskussion mögliche biologische Grundlagen menschlichen Verhaltens angesprochen werden, greifen sie reflexhaft zur Biologismus-Keule. Und dies, bevor überhaupt geklärt ist, ob es eine biologische Erklärung geben könnte und wie weit sie trägt.

Wer dies nicht glaubt, der mache ein einfaches Experiment: Fragen Sie Bekannte in ihrem Umfeld, an der Uni, in den Medien, ob die Erkenntnis, dass die Menschen in der Evolution entstanden sind, eine praktische Bedeutung hat. Ob sie beispielsweise etwas zur Klärung aktueller gesellschaftspolitischer Fragen – der Ehe für Alle, der Geschlechterthematik oder der Migrationsfrage usw. – beiträgt und beitragen sollte. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung stoßen.

Kürzlich fiel mir das neue Buch von Andreas Altmann, „Gebrauchsanweisung für das Leben,“ in die Hände. Es liefert eine schöne Illustration für die oben genannte eher harmlose Variante. Gleich zu Beginn seines Vorwortes lässt Altmann keinen Zweifel an seiner Weltanschauung aufkommen: „Ich bin Darwinist, impertinent von seiner Idee der Evolution überzeugt. Dass der liebe Gott dahintersteckt, halte ich für eine Zumutung.“ Im Weiteren erfahren wir, dass es im Buch um Altmanns Suche nach dem Sinn des Lebens, nach einem Sinn für sein eigenes Lebens, geht. Bei C. G. Jung habe er schließlich eine Antwort gefunden, die zugleich „wunderbar irdisch und intelligent“ anmute. In Altmanns Worten: „Sinn macht, wenn ein Mensch das wird, was in ihm angelegt ist.“ Wenn er „wird, was er sein will. Nein: sein soll.“

Es sei dahingestellt, ob Altmann Recht hat; ich persönlich kann mich mit seiner These durchaus anfreunden. Sondern es soll um einen anderen Punkt gehen: Woher kommt dieser eigenartige Imperativ, woher kommt, was in einem Menschen „angelegt ist“? Von den drei klassischen Antworten lehnt Altmann die erste, den religiösen Sinn, der im Leben einen göttlichen Auftrag sieht, vehement ab. Bleiben die kulturelle Einflüsse, all die impliziten und oft unbewussten Aufträge, die wir im Laufe der Zeit von den Eltern und den vielen anderen gesellschaftlichen Akteuren erhalten. Und schließlich die biologischen Imperative, denen wir unterworfen sind: Dem Zwang zu atmen, zu trinken, zu essen, dem oft unwiderstehlichen Wunsch nach Zuneigung, nach Sex und vieles mehr.

Nachdem der Mohr – die Evolutionsbiologie – seine Schuldigkeit getan hat

Es stellt sich nun eine interessante Frage, die für einen Darwinisten eigentlich selbstverständlich sein sollte: Inwieweit ist die Erfüllung dieser instinktiven, biologisch in uns angelegten Wünsche eine Voraussetzung für ein als sinnvoll empfundenes Leben. Oder, um es mit Richard Dawkins zu sagen: Welche Bedeutung hat die Erkenntnis, dass Menschen wie alle anderen Organismen auch „Genverbreitungsmaschinen“ sind, für die Suche nach dem Sinn des Lebens? Vielleicht ist die Antwort ja negativ – aber stellen sollte man sie schon. Zumindest als selbsterklärter Darwinist.

Irgendwie kommen mir die „Darwinisten ohne Biologie“ vor wie Menschen, die stolz darauf sind, dass sie den Glauben an einen Blitz- und Donnergott abgelegt haben. Denen aber der Mut und der Willen fehlt zu akzeptieren, dass diese Erkenntnis auch praktische Konsequenzen haben könnte. Dass es beispielsweise Sinn machen könnte, einen Blitzableiter zu montieren. Und die, wenn es sich um die bösartige Variante handelt, entsprechende lebenspraktische Anwendungen sogar als „Physikalismus“ beschimpfen.

Wie lässt sich die Entstehung des neueren Salon- und Pseudo-Darwinismus erklären? Mein Eindruck ist, dass die meisten seiner Vertreter durch die Kritik am Kreationismus zur Evolution kamen, da sich die Evolution als machtvolle Religionskritik nutzen lässt. Dies würde erklären, warum er in den sich politisch als links verstehenden säkularen Zirkeln – bei den sogenannten Skeptikern, in der Giordano-Bruno-Stiftung, bei den Humanisten – so regelmäßig anzutreffen ist. Nachdem der Mohr – die Evolutionsbiologie – dann aber seine Schuldigkeit getan hat, kann er gehen und die traditionellen Vorbehalte gegenüber der Biologie rücken wieder in den Vordergrund. Wenn dies richtig ist, und Darwin nur dazu dient, eine parteipolitische und weltanschauliche Agenda aufzupeppen, dann sollte man als Evolutionsbiologe nicht zu viel erwarten – und mit dem Schlimmsten rechnen.

Doch zurück zu Altmann. Wenn ich ihn richtig verstehe, dann spielen die Darwin‘schen Erkenntnisse bei seiner Suche nach dem Sinn des Lebens keine Rolle. Er scheint vielmehr auf seine Instinkte zu vertrauen, ohne groß darüber nachzudenken, woher sie kommen und warum sie so sind wie sie sind. Muss das von Nachteil sein? Für ihn persönlich vielleicht nicht. Denn ebenso wenig wie irgendein Tier wissen muss, warum es so handelt, wie es handelt, muss ein Mensch verstehen, was ihn letztlich antreibt. Er muss nur das Richtige tun. Aber für Menschen mit wissenschaftlicher Neugier macht es schon einen Unterschied, ob sie die biologischen Antriebe nur dumpf in sich spüren oder ob sie ihren Ursprung und ihren Sinn verstehen.

Prof. Dr. Thomas Junker lehrt Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen. Von 1992-1995 war er Mitherausgeber von Darwins Briefwechsel in Cambridge (England). Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zur Geschichte und Theorie der Evolutionsbiologie und Anthropologie veröffentlicht. In den aktuellen wissenschaftlichen und weltanschaulichen Kontroversen hat er sich öffentlichkeitswirksam und engagiert für die Vermittlung evolutionsbiologischer Kenntnisse eingesetzt.

Sein aktuelles Buch:
Die verborgene Natur der Liebe: Sex und Leidenschaft und wie wir die Richtigen finden (München: C. H. Beck, 2016)

Webseite: www.thomas-junker-evolution.de

Kommentare

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    Norbert Schönecker

    Ich schlage eine weitere Erklärung vor, warum Menschen zwar die Evolutionstheorie für korrekt halten, aber keine Auswirkungen auf ihr Leben akzeptieren wollen:

    Die Einsicht, dass eigene Entscheidungen und Begabungen durch Abstammung und Evolution mitbestimmt werden ...
    ... reduziert die eigene empfundene Freiheit
    ... reduziert den Stolz auf eigene Leistungen
    ... könnte Freundschaften und Liebesbeziehungen zu Zweckpartnerschaften degradieren.

    Wir halten uns aber gerne für frei und souverän in unseren Entscheidungen.
    Wir sind gerne stolz auf unsere Leistungen.
    Wir halten uns gerne für geliebt (und nicht nur für gebraucht).

    Ein gewisser Widerwille gegen diese Implikationen der allgegenwärtigen Evolution erscheint mir durchaus verständlich.

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      Thomas Junker

      Ich denke auch, dass die Ablehnung der Evolutionstheorie zumindest teilweise auf der von ihr ausgehenden „narzisstischen Kränkung“ beruht. Die „Implikationen“ betreffen aber jeden von uns.

      Insofern muss man sich entscheiden, ob man die evolutionsbiologischen Erkenntnisse trotzdem akzeptieren und für das eigene Leben nutzen will, oder ob man sie ignoriert oder sogar aktiv bekämpft. Warum aber sollte man dann Wert darauf legen, sich als Darwinist oder als Anhänger der Evolutionstheorie zu bezeichnen?

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      Martin Neukamm

      Gegen wen argumentiert Junker eigentlich? In welchem Zusammenhang ist diese Kritik zu sehen? Gibt es die von ihm erfundene Spezies ("Darwinisten ohne Biologie") überhaupt? Schade, dass er nicht Ross und Reiter nennt - so bleibt dieser Kommentar seltsam indifferent und ohne Adressat.

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        Hans Zauner

        Zitat:
        "Ob sie [die Evolutionsbiologie] beispielsweise etwas zur Klärung aktueller gesellschaftspolitischer Fragen – der Ehe für Alle, der Geschlechterthematik oder der Migrationsfrage usw. – beiträgt und beitragen sollte."

        Die Evolutionsbiologie kann helfen, menschliche Anlagen, menschliches Verhaltensrepertoire und dessen Wurzeln in der Stammesgeschichte zu verstehen. Wenn sich Ihre Kritik an (z.B.) Genderwissenschaftlerinnen oder Psychologen wendet, die diese Tatsache ablehnen, dann gehe ich da mit.

        Aber daraus kann man keine Vorschriften ableiten, keine gesellschaftspolitische Agenda begründen. Wir sind nicht dazu verdammt oder verpflichtet, eine bestimmte Lebensform einzuhalten und zu befolgen, die von "der Evolution" vorgegeben wäre - dazu ist menschliches Verhalten viel zu offen und flexibel.

        Unsere heutige Lebensweise unterscheidet sich eh schon fundamental von derjenigen steinzeitlicher Sippen, trotzdem sind wir sicher nicht schlechter dran als diese, im Gegenteil.(Wie gesagt, dass wir evolutionär bedingte Handicaps mitschleppen, bestreitet niemand - z.B. die Neigung zu Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht usw.).

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          Thomas Junker

          Das ist wahrscheinlich des Pudels Kern: Weil man Angst vor dem zweiten Schritt hat (der möglichen praktischen Anwendung), versucht man schon den ersten Schritt (die wissenschaftliche Forschung) mit der Biologismuskeule zu diskreditieren.

          Was die „gesellschaftspolitische Agenda“ angeht, würde ich Ihnen zustimmen, dass die Biologie eher weniger geeignet ist, „Vorschriften“ zu machen, da die menschliche Natur in der Tat sehr plastisch ist. Aber sie ist nicht unendlich plastisch. Z.B. sind wir Vielesser aber keineswegs Allesfresser.

          Insofern wird man aus biologischer Sicht vor bestimmten gesellschaftspolitischen Entwicklungen warnen, die einer Vergewaltigung der menschlichen Natur gleichkommen. Und aus genau dem Grund ist die Biologie bei vielen selbsternannten Menschheitsbeglückern so unbeliebt.

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            Claas Bush

            Zitat:Insofern wird man aus biologischer Sicht vor bestimmten gesellschaftspolitischen Entwicklungen warnen, die einer Vergewaltigung der menschlichen Natur gleichkommen.

            Wie wäre denn menschliche Natur zu definieren, wenn man, Darwin konsequent denkt und Evolution von zufälligen Variationen individueller Organismen abhängt?
            Mayr und Hull meinen das der Begriff der menschlicher Natur leer sei, nichts als eine metaphysische Nennung. Bleibt die Frage, haben individuelle Organismen Gemeinsamkeiten, die allen Individuen der Spezies gemeinsam sind und welche Auswirkungen haben diese Gemeinsamkeiten auf die Gesellschaft.
            Homosexualität ist kein allein stehendes Merkmal der Spezies Homo sapiens.

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          Thomas Junker

          Das ist eine berechtigte Frage, die aber meines Erachtens lösbar ist: Die Natur des Menschen (oder einer anderen biologischen Art) ist ein Überbegriff für Reaktionen und Verhaltensweisen, zu denen die Mitglieder unserer Spezies normalerweise physiologisch und anatomisch in der Lage sind und die sie von sich aus ausführen.

          Der Begriff ist hilfreich, um von antrainierten Fähigkeiten (der Kultur) und von der Natur anderer Spezies zu unterscheiden. Die Fähigkeit zu Sprechen beispielsweise gehört zur Natur des Menschen (während andere Tiere dies nur im Ansatz können), die konkrete Sprache (Deutsch, Chinesisch usw.) zur Kultur.

          Anderes Beispiel: Wenn Menschen von Natur aus auf zwei Beinen aufrecht laufen, dann ist das keine kulturelle Erfindung, was daran zu erkennen ist, dass unser ganzer Körperbau für diese Fortbewegungsweise optimiert ist. Andere Fortbewegungsweisen beherrschen wir dagegen entweder nur mangelhaft (schwimmen, tauchen, auf vier Beinen laufen) oder gar nicht (fliegen, unterirdisch graben). Wenn man also Menschen zwingt, ihr Leben lang in Bergwerksstollen ohne Tageslicht herumzukriechen, dann nenne ich das eine Vergewaltigung der menschlichen Natur.

          Im Prinzip gilt das Gesagte auch für das menschliche Sexualverhalten. Es geht zwar viel, aber es geht nicht alles und vor allem geht nicht alles gleich gut.

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            Helmut Bormann

            Nun aber mal "Butter bei die Fische", bitte. Inwiefern hat die Erkenntnis, dass wir durch evolutionäre Prozesse entstanden sind, etwas mit der Frage zu tun, ob die „ Ehe für Alle“ oder Migration ermöglicht werden sollte oder nicht? Doch höchstens dann, wenn man annimmt, dass der Staat die Aufgabe hat, den Fortbestand der Spezies oder evtl. der Rasse zu sichern.
            Das ist aber genau nicht die Aufgabe des Staates, vielmehr soll er (verkürzt gesagt) für einen Interessenausgleich zwischen den Individuen sorgen, den „struggle for life“ etwas zivilisieren.
            Ich kann sehr wohl den Ursprung und Sinn meiner biologischen Antriebe verstehen und trotzdem sagen: Nö, will ich nicht, muss ich eben mit den Spätfolgen leben!
            Wie sollte man denn Ihrer Ansicht nach die evolutionsbiologischen Erkenntnisse für das eigene Leben nutzen?

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              Hans Zauner


              Der Begriff "Natur des Menschen" scheint mir auch eher eine leere Hülle zu sein, die jeder nach Belieben mit eigener Ideologie füllen kann.

              Es gibt keine "Essenz" des Menschlichen - und da wir uns auf den Seiten der Richard Dawkins Foundation befinden, erinnere ich daran, wie eloquent sich Dawkins gegen den Essentialismus ausgesprochen hat.

              Ist die Ehe für alle eine Vergewaltigung der Natur des Menschen?
              Oder überhaupt jede monogame, lebenslange Ehe, weil die Männer dadurch unter ihrem naturgegeben möglichen Fortpflanzungserfolg bleiben, wenn sie auf Seitensprünge verzichten (müssen)?
              Freiwillig zölibatär lebende Mönche - auch eine Vergewaltigung der Natur des Menschen?
              Empfängnisverhütung, auch eine Vergewaltigung der Natur des Menschen? (witzigerweise berufen sich die kath. Theologen da auf das "Naturrecht" - gar nicht so weit weg von der Idee einer essentialistischen "Natur des Menschen".

              Die Liste könnte man fortsetzen. Was eine "Vergewaltigung der Natur des Menschen" sein soll, kann man m.E. nicht ideologiefrei und a priori aus der Evolutionsbiologie ableiten.

              Ihr Beispiel des Bergarbeiters ist hilfreich. Aber um zum Schluss zu kommen, dass solche Arbeitsbedingungen unmenschlich sind, muss man nicht die Evolutionsbiologie bemühen - es reichen die Disziplinen der Arbeitsmedizin/-psychologie und der Orthopädie, um die konkreten Auswirkungen auf das Individuum zu beschreiben.

              Und nach genau den gleichen Kriterien sollten wir auch z.B. Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare oder Leihmutterschaft bewerten - nicht nach ideologiebeladenen Abstrakta wie "die Natur des Menschen", sondern nach den konkreten Auswirkungen auf Individuen.




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                Thomas Junker

                @Hans Zauner. Wenn Ihnen der Begriff "Natur" nicht zusagt, können Sie ja einen anderen verwenden. "Genetische Anlage" z.B., obwohl er die Sache meines Erachtens nicht so gut trifft. Immerhin hat kein geringerer als E.O. Wilson ein Buch mit dem Titel "On human nature" geschrieben.

                Noch eine kurze Frage: Bezieht sich Ihre Ablehnung des Begriffs "Natur" nur auf den Menschen oder auch auf andere Tierarten? Ist es z.B. "ideologiebeladen" zu sagen, dass es der Natur von Walen und Delphinen entspricht, im Meer zu leben, zu schwimmen und zu tauchen? Wenn nein, wie begründen Sie die Sonderstellung des Menschen? Und wenn ja, wie unterscheidet sich die Biologie überhaupt von einer Ideologie?

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                  Hans Zauner

                  "Nahrungsaufnahme entspricht der Natur des Menschen" - na gut, in dem Satz ist das Wort recht unverfänglich, aber darum geht es ja nicht.

                  Problematisch finde ich den Begriff dann, wenn er in moralische Debatten eingeführt wird, als Begründung dafür, was der Mensch tun muss oder lassen soll. Dieser Ansatz läuft m.E. fast zwangsläufig auf den naturalistischen Fehlschluss hinaus.

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                Thomas Junker

                Nun ganz einfach: So wie die Erkenntnisse jeder anderen Wissenschaft auch. Dazu muss man sich zunächst darum bemühen, die Dinge möglichst gut zu verstehen. Praktische Anwendungen werden sich dann ergeben oder auch nicht.

                Jede Menge Anregungen, was das konkret für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeutet, finden sich in den Büchern von Richard Dawkins, von E. O. Wilson und und und. Ob man diesen anspruchsvolleren Weg gehen will oder sich lieber treiben lässt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

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                  Helmut Bormann

                  Ich denke, ich bin so einer, so ein fauler Darwinist. Ich wäre ja bereit, etwas nachzuforschen und nachzudenken, aber es muss doch (so als kleiner Anstubser) möglich sein, etwas konkretes zu sagen, so wie: Die "Ehe für alle" hat im Lichte der Evolutionstheorie diese und jene Folgen, für den psychischen Apparat der Betroffenen diese Folgen usw.
                  Vorher müßte man sich natürlich einigen, welche Werte als grundlegende gemeinsam anerkannt werden. Da die Evolution ja bekanntlich kein Ziel hat, kann es m. E. nur um Achtung/Verantwortung gegenüber dem Individuum gehen.

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                    Thomas Junker

                    @ Helmut Bormann. Das Thema "Ehe für alle" ist zu interessant und zu umfangreich, um es in eine kurze Antwort zu packen. Vielleicht nur soviel: Die "Ehe für alle" gilt ja nicht für "Alle" sondern nur für Zweierbeziehungen. Es ist aber keineswegs selbstverständlich, dass dies die einzige oder die beste Form ist, wie sich menschliches Zusammenleben organisieren lässt. Falls es Sie interessiert, wie sich die verschiedenen Beziehungsmodelle aus biologischer Sicht darstellen, darf ich Sie auf mein aktuelles Buch "Die verborgene Natur der Liebe" verweisen.

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                    malte

                    Ich finde es ziemlich entlarvend, dass Herr Junker selbst auf Nachfrage kein konkretes Beispiel dafür nennen kann, was die Evolutionstheorie denn nun zur Klärung gesellschaftspolitischer Fragen beitragen können soll. Offenbar kann sie nichts beitragen. Alles nur heiße Luft. Ulrich Kutschera demonstriert regelmäßig, was dabei herauskommt, wenn man das versucht: die Projektion der eigenen Ideologie auf die Evolutionsbiologie.

                    Dass man so häufig den Vorwurf des "Biologismus" vernimmt und nie etwas vom "Physikalismus" hört, hat einen einfachen Grund: Offenbar haben Physiker ein besseres Gespür dafür, welche Fragen ihre Wissenschaft beantworten kann und welche nicht. Es gibt keine "Physikalische Psychologie". Es gibt auch keine Kunsttheorie auf Basis der Quantenphysik. Und ich habe auch noch nie gehört, dass ein Physiker gefordert hätte, man solle doch bei politischen Entscheidungen zu Vaterschaftstests oder der Öffnung der Ehe für Homosexuelle die Erkenntnisse der Physik berücksichtigen. Derartige Kompetenzüberschreitungen kommen immer nur von Evolutionsbiologen. Oder Leuten, die sich so nennen.

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                      Markus C. Schulte von Drach

                      @Thomas Junker. Hier besteht ein wichtiges Missverständnis. Sie schreiben: "Die "Ehe für alle" gilt ja nicht für "Alle" sondern nur für Zweierbeziehungen. Es ist aber keineswegs selbstverständlich, dass dies die einzige oder die beste Form ist, wie sich menschliches Zusammenleben organisieren lässt."
                      Aber die "Ehe für Alle" bedeutet nur, dass alle die bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten gleichberechtigt nutzen können - unabhängig von der sexuellen Orientierung. Das sagt nichts darüber aus, ob es bessere Formen des Zusammenlebens gibt als die Ehe. Es ist vielmehr eigentlich erst einmal eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir feststellen würden, dass die Zweier-Ehe oder bestimmte Konstellationen tatsächlich negative Folgen für irgend wen haben, müssen wir natürlich drüber reden (dürfen). Auch über die Möglichkeit z. B. der Polygamie können wir ja reden - wenn Sie das meinen, und wenn ich Ihr Buch gelesen habe. Aber vielleicht mal etwas später? Kutschera lässt hier meiner Meinung nach das wissenschaftlich Vertretbare weit hinter sich zurück.
                      @ malte. Als "gelernter" Soziobiologe halte ich ganz viel von dem, was Kutschera sagt, für falsch - vor allem seine gesellschaftspolitischen Ableitungen und Forderungen. Aber es ist doch klar, dass unser Sozial- und Sexualverhalten sich im Rahmen der Evolution entwickelt hat. Zusammenhänge lassen sich hier und dort auch fundiert vermuten. Auf dieser Grundlage lässt sich auch manche Vorstellung von Postmodernisten über das menschliche Verhalten für absurd erklären. Dazu können aber doch Verhaltens- oder Soziobiologen als solche eher etwas sagen als Physiker. Deshalb tun das Physiker als solche seltener. Deshalb hören wir weniger häufig den Vorwurf "Physikalist".

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                        Thomas Junker

                        @Markus C. Schulte von Drach. In der Tat wurden unter "Alle" nur Zweierbeziehungen subsumiert. Es war schon seltsam, mit welcher Selbstverständlichkeit das geschah.

                        Wenn man einen so gravierenden Umbau der Institution Ehe vornimmt, hätte es meiner Ansicht nach aber nicht geschadet, sich darüber Gedanken zu machen, ob und zu welchem Zweck sich der Staat in die sexuellen und Liebesbeziehungen seiner Bürger einmischen sollte. Welche er rechtlich und finanziell privilegieren sollte und welche eher nicht.

                        Statt einer entsprechenden gesellschaftspolitischen Diskussion, die auch!!! biologische Aspekte berücksichtigt, wurden wir mit Poesiealbumskitsch abgespeist à la "Wenn sich zwei Menschen lieben, dann darf der Staat nicht etc. etc. ..."
                        Wie tragfähig die "Anregungen" von Ulrich Kutschera in der Hinsicht sind, wird man sehen, nachdem sie überprüft und diskutiert wurden.

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                        Joseph Kuhn

                        @ malte:

                        Hinsichtlich Kutscheras reaktionärer Gesellschaftstheorie, die er als biologisch gerechtfertigt betrachtet, sind wir uns wohl einig. Was den Physikalismus angeht, bin ich anderer Meinung. In der Debatte um Willensfreiheit und Hirnforschung wird immer wieder physikalistisch argumentiert und dann das Diskussionsniveau aus einer naturwissenschaftlich zu eng gefassten Perspektive genauso unterlaufen wie auf der anderen Seite von denen, die übernatürliche Kräfte im Gehirn am Werke sehen. Eines von vielen lesenswerten Büchern dazu ist das von Brigitte Falkenburg, selbst Physikerin: "Mythos Determinismus."

                        Ich würde auch Schulte von Drach zustimmen, dass wir gut beraten sind, darüber nachzudenken, was unsere evolutionäre Vergangenheit für unser Denken und unser Verhalten bedeutet. Dabei geht es nicht nur um additive Komponenten von nature and nurture, sondern grundlegender schon darum, dass die Begriffe, mit denen wir z.B. Psychisches verstehen wollen, evolutionstheoretisch reflektiert werden müssen. Man kommt dann notwendigerweise an einen Punkt, an dem die gesellschaftliche Natur des Menschen für unser Denken, unsere Motivation, unser Verhalten tragend wird. Eine solche, Phylogenese und Gesellschaftstheorie verbindende, Grundlegung der Psychologie hat z.B. Klaus Holzkamp versucht (und vom Ansatz her ist das m.E. nach wie vor state of the art). Klingt in der Kürze vielleicht etwas kryptisch, aber für ausführlichere Erläuterungen gibt es ja bekanntlich Bücher.

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                          Thomas Waschke

                          Meiner Meinung nach ist die Kultur die Natur des Menschen. Sie ist tradigenetisch, also genuin lamarckistisch, und unterscheidet sich daher von dem Typ Evolution, der uns hervorgebracht hat. Die Kultur setzt auf der Biologie auf, wird von dieser aber nicht determiniert.

                          Mich wundert schon ein wenig, dass man in einem Land, in dem der Mensch ohne Kultur keinen Winter überstehen würde (also nicht 'natürlich' lebt), meint, man könnte aus der Evolutionsbiologie viel über das lernen, was man kulturell tun oder lassen möchte.

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