Ein neuer Blick auf das Theodizeeproblem

Das Theodizeeproblem dürften Atheisten und nahezu alle Christen kennen. Ich habe mich selbst ausführlich damit beschäftigt, auch in vielen Diskussionen mit Gläubigen. An dieser Stelle möchte ich einige Aspekte beleuchten, die vielleicht nicht so bekannt sind.

Ein neuer Blick auf das Theodizeeproblem

Im Problem stecken zwei Aspekte, ein logischer und ein moralischer. Eine der vielen möglichen Formulierungen sieht so aus:

1. Gegeben sei ein Gott, der Schöpfer des Universums ist. Dieser wird im Glaubensbekenntnis zweimal »allmächtig« genannt.
2. Von den meisten Philosophen wird »Allwissenheit« als Voraussetzung für Allmacht genannt.
3. Wenn der Schöpfer von allem liebend und gütig ist, dann sollte er bestrebt sein, das Leid seiner Geschöpfe so weit wie möglich zu verhindern, zu mindern, oder wenigstens zu lindern. Da er allwissend ist, kennt er das Leiden der Menschen.
4. Es gibt aber Leid in dieser Welt, und zwar nicht zu knapp. Leid ist keine Illusion. Noch nie war es ein Trost für jemanden mit beispielsweise starken Zahnschmerzen, dass er einer Täuschung unterliegt.
5. Es gibt Leid, für das Menschen ursächlich verantwortlich sind. Aber nicht jedes Leid ist menschengemacht. Dazu muss man nur an Naturkatastrophen und Krankheiten denken.
6. Wenn Gott gütig und liebend ist, woher kommt dann dieses Leid?
7. Konnte Gott es nicht verhindern, so ist er nicht allmächtig.
8. Wollte er es nicht vermeiden, dann ist er weder lieb noch gütig.

Es gibt für dieses Problem mehrere Lösungen. Die offensichtlich einfachste ist, dass er nicht existiert. Dass er seine Geschöpfe nicht liebt wird von Gläubigen und ihren Theologen kategorisch ausgeschlossen. Daher schränkt man seine Allmacht ein, trotz Glaubensbekenntnis. Das bedeutet: Es gab eine logische Notwendigkeit, die Welt so zu erschaffen, dass in ihr Leid vorkommt. Oder aber, das Leid wird später ausgeglichen.

Ein späterer Ausgleich macht Leid nicht ungeschehen. Wir würden jemanden, der tatenlos zusieht, wie ein kleines Kind misshandelt und vergewaltigt wird, nicht als »gut« bezeichnen. Auch dann nicht, wenn er später den Täter bestraft und das Opfer tröstet. Das steht bei uns sogar im Gesetzbuch unter der Rubrik »unterlassene Hilfeleistung«. Wenn jemand eine Untat ohne eigenes Risiko verhindern kann, ist er dazu verpflichtet.
Hier spielt auch der sog. »freie Willen« keine Rolle. Niemand wird den Willen eines Mörders höher schätzen als das Leid, dass er für Opfer und Angehörige verursacht. Niemand käme auf die Idee, einen Mord geschehen zu lassen, weil der Täter ja aus »freiem Willen« handelt, ungeachtet aller Probleme dieses Konzepts. Dieser Ausweg scheitert – wie viele andere – an den absurden moralischen Konsequenzen.

Es gibt zudem keine logische Notwendigkeit, den freien Willen nicht generell so einzuschränken, dass eine schädliche Handlung gegen andere nicht ausgeführt werden kann darf. Genau dafür haben wir Gesetze und moralische Regeln! Außerdem ist Gott ein Beispiel dafür, dass es möglich sein muss, wenn die Theologen behaupten, dass Gott einen freien Willen hat und kein Leid verursacht.

Außerdem, wenn man behauptet, dass Gott »nicht der Logik unterliegt«, dann kann man auch nicht behaupten, es gäbe eine logische Notwendigkeit für Leid. Oft wird aber von Gläubigen beides behauptet, das ist selbstwidersprüchlich, also irrational.

Jetzt kommt aber ein weiteres, selten beachtetes Problem hinzu. Stellen wir mal die Frage: Gibt es eine logische Notwendigkeit für Leid? Oder: Konnte Gott die Welt nicht anders erschaffen als mit Leid?

Behauptet man, dass es auch anders ging, bestreitet man die Liebe und Barmherzigkeit Gottes: Er verursacht Leid ohne dass dies notwendig wäre. Dies nennen wir »überflüssiges Leid« und betrachten es als Übel. Es ist nicht Leid als solches, das wir Gott anlasten, weil es auch notwendiges Leid gibt. Beispiel: Die Schmerzen, die einem ein Zahnarzt zufügt, um ein Problem zu beheben, das ohne Behandlung noch größeren Schaden verursachen würde. Das setzt aber zwei Dinge voraus, nämlich, dass tatsächlich größeres Leid verhindert wird, und zweitens die Einwilligung des Betroffenen. Es mangelt aber in jedem Fall an Letzterem, wenn wir diese Welt betrachten.

Alle bisher vorgebrachten Lösungen scheitern entweder an unbegründeten Prämissen, und/oder an innerer logischer Konsistenz. Dies wird von Theologen auch häufig etwas zähneknirschend eingeräumt. Spätestens zerschellt eine vorgebrachte Alternative an der »Satanodizee«. Das ist die Umkehrung des Theodiezeeproblems: Kann man den Vorschlag auch dazu verwenden, um zu erklären, warum ein allmächtiger, aber böser Gott die Welt mit Gutem erschaffen hat? Wenn das geht, dann ist die Lösung falsch, denn wenn wir etwas und sein genaues Gegenteil mit denselben Methoden begründen oder erklären können, dann muss da etwas falsch sein – gleich, wie plausibel und das Ganze auch erscheinen mag.

Jetzt das bislang zu wenig beachtete neue Problem: Angenommen, wir behaupten, dass Gott die Welt für Menschen nicht anders erschaffen konnte. Es spielt keine Rolle, welche Begründung wir dafür vornehmen. Es könnte sein, dass Gott doch nicht über der Logik steht, möglich auch, dass seine Allmacht etwas »beschränkt« ist, was bedeutet, wir geben die Idee der Allmacht gänzlich auf.

Doch damit ist, im Gegensatz zu dem, was selbst Atheisten zugestehen, das Problem selbst nicht behoben. Denn in Konsequenz bedeutet dies, dass alle religiöse Hoffnung auf ein Paradies vergebens ist. Gott ist nicht in der Lage, eine bessere Welt zu schaffen, also auch keinen Himmel! Könnte er es, dann muss man seine Güte infrage stellen, denn dann hätte er es gleich so einrichten müssen. Kann er es nicht, dann geht damit das ganze Konzept der »Erlösung« über Bord. Wenn Leid unvermeidlich ist, dann gilt das auch für das Paradies - nur währt es dort ewig, was bedeutet, jedem dort wird unendlich viel Leid zugefügt! Selbst wenn man einräumt, dass es dort weniger Leid gäbe, muss man erneut fragen: Warum dann nicht gleich so? Warum fügt Gott erst Leid zu, um es dann auszugleichen? Normalerweise bezeichnen wir so etwas als »unmoralisch«.

Die Antwort »die Menschen haben den Fall der Schöpfung selbst zu verantworten« überzeugt nicht. Dann muss man wieder fragen: Konnte oder wollte Gott das nicht verhindern? Konnte er es nicht, dann kann es jederzeit wieder passieren. Wollte er es nicht, dann will er auch das Paradies nicht. Wenn Gott nicht gut ist, gibt es keine Hoffnung auf ein Paradies. Wenn Gott nicht mächtig genug ist, eine Welt ohne Leid zu erschaffen, dann gibt es auch keine Hoffnung auf ein Paradies. Was bedeutet: So etwas gibt es so oder so nicht, unabhängig davon, wie man die Frage beantwortet!

Das Theodizeeproblem zeigt auf, dass das Konzept der Erlösung nicht funktionieren kann. Das betrifft den Kern der gesamten christlichen Religion. Ohne Erlösung ist die ganze Lehre sinnlos, dann gibt es auch keinen Ausgleich für Leid.

Diese Welt als einen Test zu bezeichnen hilft nicht weiter: Wozu braucht ein allwissender Gott das? Außerdem, wenn er aufgrund des Tests Menschen in Paradies und Hölle selektiert, dann bedeutet dies: Das meiste Leid steht den Menschen überhaupt erst bevor! Dagegen ist alles bisherige Leid der reinste Ponyhof. Wenn es die Hölle nicht gibt, dann ist der Test allerdings sinnlos, da er keine Konsequenzen hat.

Zudem beweist jeder menschliche Fortschritt – nehmen wir nur mal die Schmerzmittel, die mehr Leid verhindert haben als alles Gute aller Religionen zusammengenommen – das zwar nicht Gott, aber sehr wohl wir Menschen in der Lage sind, eine etwas bessere Welt zu erschaffen.

Und das bedeutet: Trotz aller Begrenztheit unserer Bemühungen, obwohl wir es vielleicht nie ideal schaffen werden, ruht alle Hoffnung für die Menschheit auf der Wissenschaft und der Besserung unserer Moral. Die Religion kann hierzu nichts beitragen, selbst ihre Hoffnungen sind trügerisch und irrational.

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Kommentare

  1. userpic
    Bernd Kammermeier

    Ja, so kann man das sehen.

    Allerdings könnte ich mir auch andere Konstruktionen vorstellen.

    Zunächst sollte man "Gott" und das "Gottesbild" auseinanderhalten. Ich selbst weiß nichts von Gott, noch weiß ich, ob ein Gott überhaupt existiert. Ich kann dies weder aus- noch einschließen. Dies teile ich mit jedem Theologen. Ich unterscheide mich lediglich in einem Punkt zu Theologen: Ich glaube nicht, was er glaubt, nämlich dass ein Gott existiert.

    Jeder halbwegs ernstzunehmende Theologe wird bestätigen, dass er von Gott nichts weiß, sondern an ihn glaubt. Daraus leitet sich ab, wenn ich dies 1 : 1 in die Vergangenheit projiziere, dass nie ein Theologe etwas von Gott wusste, sondern stets nur glaubte. Also kennt jeder Theologe seit Anbeginn nur ein "Gottesbild" oder eine "Gottesvorstellung" und auf keinen Fall einen verifizierten Steckbrief Gottes.

    Da alle Heiligen Schriften Menschenwerk sind - was ernstnehmende Theologen ebenfalls nicht bestreiten werden (die Ansicht islamischer Imame ist hier sekundär, ebenso die der ZJ oder anderer Wortwörtlichkeitsfanatiker) - kann man in allen Schriften der Welt nur "Gottesbilder", aber nie seinen verifizierten Steckbrief finden. Doch wer hat diese Steckbriefe verfasst? Menschen, die sich so einen Gott gewünscht haben, die ihn sich so vorgestellt haben, die ihn so gebraucht haben. Einen Gott, der ihren Interessen am dienlichsten war.

    Und da können wir (der Einfachheit halber) zwei wesentliche "Gottestypen" im Tanach (quasi dem AT der Bibel) unterschieden:

    1. dem Gott Moses und

    2. dem Gott Aarons.

    Der Gott Moses ist der gerechte Gott, während der Gott Aarons der barmherzige Gott ist. Die Autoren, die über den einen oder anderen Gott schrieben verwendeten stets für ihr Gottesbild ausschließlich entweder das Attribut "gerecht" oder "barmherzig", nie durcheinander. Diese hatte weitreichende Konsequenzen: Der mosaische Gott richtete am Ende des Lebens eines Gläubigen, wie mit diesem im Jenseits zu verfahren sei, während der aaronitische Gott aufgrund seiner Barmherzigkeit durchaus milde gestimmt werden konnte, falls der Gläubige etwas Unrechtes tat.

    Daraus folgte: Der Gott Moses brauchte keine Priesterkaste, da Gott sowieso gerecht war und sein Urteil unbestechlich, wie ein Richter sein sollte, am Ende des Lebens fällte. Der Gott Aarons konnte noch zu Lebzeiten umgestimmt werden, da seine Barmherzigkeit natürlich nicht andauernd war, sondern mittels Opfergaben erkauft wurde. Gott (respektive die Priester) waren also bestechlich und ließen auch bei begangenen Sünden schon mal Fünfe grade sein (Vorbild für den christlichen Ablasshandel).

    Wir sehen also die Wandlung eines Gottesbildes (obwohl beide fast unverfälscht im AT noch zu finden sind) unter dem Einfluss von Priestern, die sich gerne mit ihrer klerikalen Tätigkeit ein gutes Auskommen sichern wollten. Die "Barmherzigkeit" Gottes ist also von Priestern aus rein monetären Gründen Gott angedichtet worden. Um die komplexen Verknüpfungen, wie sie in Volker Dittmars Artikel aufgelistet sind, hat man sich dabei nicht gekümmert. Wenn etwas am Gottesbild nicht gepasst hat, wurde es kurzerhand umgedichtet und mit einer ätiologischen Sage belegt, die als Beweis herhalten musste.

    Und deswegen werden sich viele Theologen auch von der Theodizee-Problematik letztlich nicht abschrecken lassen. Für sie ist Gott eine fiktive, eigenschaftslos Größe, die als Projektionsfläche ihrer eigenen Interpretation des Gottesbildes dient.

    Falls ich heute beauftragt würde, einen Gott zu entwerfen, dann würde ich mit dem heutigen Wissen einen Außerirdischen entwerfen, der im Universum durch Evolution entstand und nur die Erde geschaffen hat. Möglicherweise, indem er zwei Sonnen zusammenstoßen ließ, aus deren Kollisionsresten das Sonnensystem entstand. Dann hat er die Erde sich entwickeln lassen und gewartet, bis sich die ersten Primaten entwickelt haben. Diese hat er beschützt und gehegt und ihnen die Freiheit gegeben, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Die, die sich für das Gute (in seinem Sinne) entschieden haben, kommen nach ihrem Tod in eine supertolle Raumstation in der Oorthschen Wolke, wo sie ein ganz tolles Leben führen. Die Bösen werden in unterirdischen Blasen auf der Venus gebraten.

    Wozu dieser Gott dies alles macht? Nun, weil er in meiner Version total bescheuert ist!

    Ich kann also die naturwissenschaftlichen Rahmenbedingungen für das Gottesbild modernisieren und jeden Widerspruch zu bekannten Fakten eliminieren, doch das zentrale Motiv bekomme ich nicht geregelt: Welchen Grund hat Gott für all das, was er tut? Warum tut er sich das an, eine Menschheit zu schaffen, die ihm später nicht mehr gefällt und er sie deswegen ersäuft, die er aber doch irgendwie liebt, aber allein lässt etc. etc. etc. pp....

    Und selbst wenn ich mich rette, in dem ich behaupte, wir können Gott halt einfach nicht verstehen, weil er eben Gott und wir bloß doofe Menschen sind, dann macht dies die gesamte Theologie völlig sinnlos, da jeder Theologe seit Anbeginn der Zeit ebenfalls ein Mensch war, der also ebenso doof ist und genauso wenig Gott verstehen kann. Was also sollte seine Profession? Womit würde er sein Verdienst rechtfertigen? Bei was könnte uns der Theologe helfen? Bei gar nichts!

    Gott mag existieren, Theologie - also die Beschäftigung mit Gott - ist vollkommen sinnlos, weil sie bis heute zu keinen brauchbaren Erklärungen bezüglich irgendeiner Eigenschaft Gottes kam, noch je kommen wird.

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    1. userpic
      Wolfgang Schäfer

      Grüß dich Volker :-)

      6. Wenn Gott gütig und liebend ist, woher kommt dann dieses Leid?

      Meine Frage dazu:
      Wollen wir denn überhaupt, das Gott eingreift?
      Und was würde das für die Menschheit bedeuten?

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