Der deutsche Geburtshelfer des Rückschritts

Wie meine Heimat zweimal verloren ging

Der deutsche Geburtshelfer des Rückschritts

Foto: Pixabay.com

Der türkischstämmiger Schweizer Rechtsanwalt Emrah Erken und der türkischstämmige deutsche Unternehmensberater und Blogger Ahmet R. Dener, die beide versierte Islamkenner sind, haben sich anhand ihrer persönlichen Erfahrungen am Beispiel des Islamischen Kopftuchs Gedanken zum Einfluss islamischer Normen in westlichen Gesellschaften gemacht.

Islamisch motivierte Frauenverhüllung

Ein Beitrag von Emrah Erken

In der ersten Hälfte der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts besuchte der Gründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, die Mittelschule meiner Großmutter, wo die Schülerinnen und Schüler zu Ehren des Gastes eine Art Theaterstück aufführten.

Meine Großmutter war in dem Stück vollständig in einen kara çarşaf verhüllt, eine in der Türkei übliche Form der Vollverschleierung. Ihre Rolle bestand darin, die Vollverschleierung von innen heraus zu entreißen und sich anschließend in einem ähnlich schönen Kleid wie auf dem Foto zu zeigen.

Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen, die meine Großmutter immer wieder mit großem Stolz erzählte, und hatte auch aufgrund anderer Umstände bereits als Kind eine anti-islamistische Einstellung. Dementsprechend war ich irritiert, als ich im Jahr 1979 in die Schweiz kam, wo man die islamisch motivierte Frauenverhüllung als etwas völlig Normales betrachtete. Besonders verärgert war ich über die Frage einiger Schulkameraden, ob meine Mutter sich ebenfalls verhülle.

Mein Großvater war Stoffhändler und meine Großmutter Schneiderin. Mit den schönen Stoffen, die mein Großvater verkaufte, nähte sie Ballkleider – nicht nur für sich, sondern für viele dankbare Abnehmerinnen. Schon immer hat meine Familie großen Wert auf elegante Kleidung gelegt. Dementsprechend verletzte es mich, dass man ausgerechnet meine modebewusste Mutter mit der islamisch motivierten Verschleierung in Verbindung brachte.

Einige Jahrzehnte nach meiner Zuwanderung begann man in Europa und anderswo im Westen damit, den Hijab zu verherrlichen, und selbsternannte Feministinnen führten auch in der Schweiz sogenannte Hijab-Empowerment-Events durch. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr mich das triggerte. Auch heute ärgere ich mich maßlos darüber, wenn jemand, der die Bedeutung des Hijabs nicht kennt, mit erhobenem Zeigefinger auf die Religionsfreiheit verweist.

Die Prägung, die ich schon als Kind erfahren habe, ist bis heute bestehen geblieben – auch lange nach dem Tod meiner Großmutter. Ich glaube nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Aus mir wird kaum ein Hijab-Apologet werden. Ganz im Gegenteil habe ich einige Texte über die Bedeutung des Hijabs verfasst und mich darin sehr kritisch geäußert (z. B. hier, Anmerkung der Redakton).

Nach diesen Schilderungen sollte man sich vielleicht folgende Frage stellen:

Wenn sich meine Anti-Hijab-Einstellung, die ich bereits als Kind hatte, nicht ändert – könnte dies im umgekehrten Fall gelingen?

Gewiss habe ich durch Assimilation viele Eigenschaften der Schweizerinnen und Schweizer angenommen und mir zu eigen gemacht. Bestimmte fundamentale frühe Prägungen lassen sich jedoch nicht ablegen. Ich betrachte mich zwar als assimiliert, doch diese Assimilation bedeutet nicht die vollständige Aufgabe der Herkunftskultur. In meinem Fall heißt das, dass ich meine Einstellung gegenüber der islamisch motivierten Frauenverhüllung kaum jemals ändern werde.

Der deutsche Geburtshelfer des Rückschritts: Wie meine Heimat zweimal verloren ging

Ein Beitrag von Ahmet R. Dener

Gestern beendete mein Freund Emrah Erken seinen Kommentar mit Worten, die den Kern meiner eigenen Haltung treffen. Er sprach über die Schweiz; ich beziehe es auf Deutschland:

„Gewiss habe ich durch Assimilation viele Eigenschaften angenommen […] Bestimmte fundamentale frühe Prägungen lassen sich jedoch nicht ablegen. […] In meinem Fall heißt das, dass ich meine Einstellung gegenüber der islamisch motivierten Frauenverhüllung kaum jemals ändern werde.“

Genau hier setze ich an: Meine Assimilation in diesem Land bedeutet nicht die Kapitulation vor dem, wovor ich einst geflohen bin. Ich werde mich mit dem aufgezwungenen Kopftuch niemals arrangieren – nicht trotz, sondern wegen meiner Integration. Denn wer das Symbol der Unterdrückung als Vielfalt verklärt, verleugnet die Freiheit, die diese Gesellschaft erst lebenswert macht.

Die türkische Republik war gerade erst einige Jahre jung, als meine 26-jährige Großmutter bereits an einer Hochschule in Ankara Mathematik, Handelslehre und Astronomie unterrichtete. Sie war die erste Türkin, die an einer Hochschule unterrichtete. Wir sprechen von den 1920er Jahren. Es war eine Ära, in der Frauen sich gegen eine bleierne, islamisch geprägte Männergesellschaft behaupten mussten – eine Gesellschaft, die noch tief im über 600-jährigen Erbe des Osmanischen Reiches steckte.

Meine Großmutter war eine Institution. Sie war beliebt bei ihren Studenten, von denen viele später als führende Politiker und Wissenschaftler das Land prägten. Sie war die Frau an der Seite meines Großvaters, eines Professors für angewandte Physik, der die wissenschaftliche Fakultät in Ankara gründete und – man muss es heute fast als tragische Ironie bezeichnen – gemeinsam mit einem Deutschen die Anwerbung türkischer Gastarbeiter nach Deutschland vorantrieb.

Meine Großmutter war bis ins hohe Alter eine Erscheinung: wunderschön, mit Haltung und Rückgrat. Wenn ich mit ihr durch die Straßen ging, war es ein Spießrutenlauf der Ehrerbietung. Ehemalige Studenten überschlugen sich vor Hochachtung. Mit meinem Großvater siezte sie sich ein Leben lang. Getrennte Schlafzimmer, getrennte Arbeitszimmer – „wir arbeiten nachts viel“, hieß es lakonisch. Dass mein Vater und mein Onkel (beide später hochdekorierte Akademiker) 13 Jahre auseinanderlagen, zeugt davon, dass sich ihre Wege in der Wohnung trotz nächtlicher Arbeit wohl doch gelegentlich kreuzten.

Hilmiye Dener 1900 - 1985

In der nächsten Generation, bei meiner heute 94-jährigen Mutter, wurde die Türkei noch westlicher. Das Straßenbild der 50er und 60er Jahre in Istanbul war von dem in Paris kaum zu unterscheiden. Meine Mutter, eine Schneidermeisterin, zauberte den Glanz Hollywoods in unser Wohnzimmer. Die Schnittmuster der Burda lagen dort ebenfalls ausgebreitet wie strategische Schlachtpläne, nach denen sie die moderne Welt für sich und ihre Freundinnen zusammennähte. Es war eine Zeit der Hoffnung, des Anstands und der Bildung.

Doch dieser Aufbruch wurde verraten – und zwar maßgeblich aus Deutschland.

Ich behaupte heute: Alles Schlechte für die Türkei kam aus Deutschland. Es ist ein historisches Paradoxon, dass das damals noch „dunkel-christliche“ Deutschland jene reaktionären Kräfte konservierte und förderte, die die Türkei längst hinter sich gelassen zu haben schien. Es wuchs und gedeihte aber in Deutschland weiter. Das Kopftuch, wie wir es heute als politisches Kampf-Symbol kennen, wurde in der deutschen Diaspora erst zum Identitätsmerkmal hochstilisiert. In meiner Kindheit war es ein loses Accessoire oder bäuerliche Tradition – in Deutschland wurde es zum ideologischen Kerker festgezurrt.

Ob es die PKK war, die hierzulande ihre finanzielle und strategische Höchstform erreichte, die Grauen Wölfe oder Milli Görüş, aus deren Reihen auch Erdoğan hervorging – Deutschland bot den Nährboden für den Zerfall dessen, was meine andere Heimat hätte werden können.

Während sich Frauen in der islamischen Welt heute unter Lebensgefahr von der Unterdrückung befreien wollen, halten die deutschen Linken und die selbsternannten Progressiven weltweit schützend ihre Hand über den politischen* Islam und verklären Unfreiheit als Vielfalt.

Ich habe nicht nur meine türkische Heimat an diesen aufgezwungenen, dunklen Islam verloren. Ich habe auch mein Deutschland verloren. Denn auch dieses Land war früher einmal lebens- und liebenswerter, bevor es begann, den Rückschritt zu importieren und ihn als kulturelle Bereicherung zu verkaufen. Die Türkei hat ihre schönen Jahre hinter sich; die Dunkelheit ist hausgemacht – mit freundlicher Unterstützung aus der Bundesrepublik.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir ein Deutschland erleben werden, das fundamentale Werte wie Meinungsfreiheit, Säkularismus und die Gleichberechtigung nicht nur schleichend aus dem Blick verliert, sondern sie zugunsten einer falsch verstandenen Toleranz endgültig aufgegeben hat.

(*) Der Begriff des ‚politischen Islam‘ wird oft überstrapaziert und missbräuchlich verwendet. Meist dient dieser Zusatz lediglich dazu, den Islam an sich vor dem Vorwurf der Verallgemeinerung zu schützen, anstatt die untrennbare Verbindung zwischen Religion und politischem Anspruch beim Namen zu nennen.

Die Beiträge erschienen zuerst auf ich mein's gut!, der Webseite von Ahmet R. Dener.

Emrah Erken ist ein auf Arbeitsrecht spezialisierter Rechtsanwalt, der in Zürich lebt.

Ahmet R. Dener ist Unternehmensberater, Wirtschaftsexperte und Türkei-Analyst aus Waldaschaff.

Hier geht's zum Originalartikel...

Kommentare

  1. userpic
    Huxley


    In puncto Deutschland sollte man jedoch nicht übersehen, dass die Selbstdefinition als "Türken" von einer Fremddefinition als "die Türken" forciert wurde. Die "Gastarbeiter" hatten gefälligst den Mund zu halten, unter sich zu bleiben, zu arbeiten und dann eben in "ihr Land" zurückzukehren.

    Von eben jenem vermeintlich freiheitlichen Deutschland wurde auf diese identitäre Weise mit "den Fremden" umgegangen. Und das - freilich - war mit Sicherheit keine linke Haltung, sondern - wenn man schon links-rechts argumentiert - eine rechte.

    Den Linken ist also vorzuwerfen "die Gastarbeiter" nicht als "die Fremden" mit einer "fremden (also ablehnenswerten) Kultur" anzusehen, sondern als Menschen mit eine "eigenen (und damit anzuerkennenden) Kultur", die sich von der "deutschen Kultur" eben unterscheidet.

    Beide Autoren vergessen, dass es in der Zeit der "Gastarbeiter" bis weit hinein in die 80er Jahre es gar keine echte Möglichkeit der Assimilation gegeben hat. Als türkischstämmiger wäre man eben immer "der Türke" gewesen (mit aller negativen Konnotation). Selbst im Jahre 2026 galt bei einigen Wählern in Baden-Württemberg Cem Özdemir als "der Türk" (und das sicherlich nicht positiv, sondern eben abwertend gemeint).
    Das Verdienst der "Linken" ist es geschafft zu haben eine fremdländische Herkunft eben nicht als Schande zu sehen und Benachteiligungen, die damit einher gingen/gehen eine Absage zu erteilen.

    Die in den beiden Texten gerühmte Freiheit ist - ich sag's noch einmal - nicht "den Rechten" zu verdanken!

    Dass eine Toleranz (seitens der Linken) so weit gehen kann, dass man "rechts" nur im eigenen Lande, also unter Biodeutschen vermutet, ist eine bittere Ironie. Das auch ein „rechts“ unter Nicht-Deutschen geben kann, erscheint wohl unvorstellbar.

    Dieses sich "gegen rechts" (also deutsch-rechts) Positionieren hat unreflektiert dazu geführt sich mit denen, die von rechten als "nicht-deutsch" (genug) gesehen werden, sich in der Folge auch als "nicht-deutsch, sondern türkisch" definieren eben dieses "Türkischsein" überzubewerten im Sinne:
    "‚Die‘ wissen schon selbst, was gut und richtig für ‚sie‘ ist.“ ...
    Dass man damit eigentlich die Zweiteilung (oder eben Mehrteilung) einer Gesellschaft übernimmt, die ursprünglich von rechts kommt, wird nicht bemerkt.

    Das Problem ist eine identitäre Weltsicht. Diese ist NICHT ursprünglich links (!), sondern findet sich (auch, aber nicht nur) in der woken Weltsicht wieder!

    Woke ist nicht links! ... Problem wiederum: Viele, die sich gar selbst als links bezeichnen würden, kennen diesen Unterschied nicht. Von vielen, die sich nicht als links bezeichnen, wird der Unterschied auch gar nicht bemerkt.

    Die "Identität", die sich in der Folge "die (deutschen) Türken" zugelegt haben, ist "türkischer" zu sein als die Türken in der Türkei! Und das beinhaltet die vermeintliche Rückbesinnung auf für typisch türkisch gehaltene Werte, die eben das Kopftuch beinhalten.

    Beide Texte sind subjektiv verständlich (eigene Erfahrungen). Die mehr oder weniger verdeckte Schuldzuweisung in Richtung auf "Linke" kann ich so (einfach) nicht unterschreiben!

    Vielmehr: Nationalismus auf der einen Seite bewirkt Nationalismus auf der anderen. Dieser "andere" Nationalismus geht zusammen mit einer vermeintlichen türkischen Tradition, die es aufrecht zu erhalten gelte. Die Linken sitzen dieser Sichtweise auf, haben woke, identitäre Sichtweisen übernommen und sorgen nun (auch! nicht nur) dafür, dass es einen vermeintlichen Kulturenkampf gibt.

    Der Islam als solcher ist selbstverständlich von der Religionsfreiheit gedeckt und man täte gut daran, bei der berechtigten Kritik am Islamismus, diesen deutlich vom Islam als Religion zu unterscheiden.
    (Sage ich als Religionskritiker.)
    Freilich kann der Islam als Religion kritisiert werden, so wie auch das Christentum als Religion kritisiert werden kann. Bei letzerem würde man sich Christen im Allgemeinen allerdings verständlicherweise dagegen wehren, wenn man mit christlichen Eiferern gleichgesetzt würde.

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