Eine „kollektive kulturelle Amnesie“?
In ihrem Beitrag Tanzwut am Karfreitag: Der Kampf gegen die eigene Kultur führt Anna Diouf aus, dass das kirchliche Tanzverbot am Karfreitag ein Beispiel für eine kollektive kulturelle Amnesie sei.
Einmal im Jahr wird auch der obrigkeitshörigste Deutsche aufmüpfig – dann, wenn wieder einmal das karfreitägliche Tanzverbot diskutiert wird. Doch die Allergie gegen religiöse Ausdrucksformen beschränkt sich seltsamerweise auf das Christentum. Sie steht beispielhaft für eine kollektive kulturelle Amnesie.
Natürlich darf das Böckenförde-Diktum nicht fehlen.
Doch im Grunde handelt es sich hier um den Ausdruck einer kollektiven kulturellen Amnesie. Denn die vielbeschworene weltanschauliche Neutralität des Staates ist ohnehin eine Illusion.
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, sagte einst der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde.
Dann muss auch Richard Dawkins als Beleg heranzgezogen werden.
Nicht zufällig bezeichnet sich mittlerweile selbst ein erklärter Atheist wie Richard Dawkins als „kultureller Christ“.
Mit „Tanzwut“ hat dies jedoch nichts zu tun. Es ist der übermäßige Einfluss der Kirchen auf die Institutionen und die Gesellschaft, die zunehmend säkularer wird, und kein „Überbleibsel des finsteren Mittelalters“. Davon abgesehen, gibt es je nach Bundesland noch andere „stille Tage“.
Dazu gesellen sich noch das Verbot, diverse Filme zu zeigen. Bekanntestes Beispiel ist „Das Leben des Brian“, der nun in Düsseldorf dank des Düsseldorfer Aufklärungsdienst am Karfreitag im Metropol-Kino gezeigt werden darf.
Das gerne zitierte Böckenförde-Diktum wird hier, wie so häufig, verkürzt wiedergegeben. Der darauffolgende Satz „Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ wird gerne weggelassen, um eine vermeintliche höhere Macht zu legitimieren. Die christlichen Kirchen zitieren es daher gerne, um sich als einzige moralische Instanz darzustellen. Man habe ja gesehen, was für Gräueltaten das „atheistische Nazi-Deutschland“ nach sich gezogen hat. Das Reichskonkordat von 1933 wird dabei gerne unter den „Heiligen Stuhl“ fallen gelassen.
Der zitierte „kulturelle Christ“ von Richard Dawkins besagt lediglich, dass unsere Kultur nicht im luftleeren Raum entstanden ist, sondern mit der Antike und dem Christentum verbunden ist. Wie er anmerkte, kann man sich an Weihnachtsliedern erfreuen, ohne den theologischen Aspekt zu teilen. Auch dies hat einen Vorlauf. Schon 2018 schrieb er auf Twitter:
Ich lausche den wunderbaren Glocken von Winchester, eine unserer großen, mittelalterlichen Kathedralen. So viel schöner als das aggressiv klingende „Allahu Akbar“. Oder ist es nur meine kulturelle Erziehung?
Auf die Kritik, die auf dem Fuße folgte:
Der Gebetsruf kann betörend schön sein, besonders wenn der Muezzin eine musikalische Stimme hat. Mein Punkt ist, dass „Allahu Akbar“ alles andere als schön ist, wenn man es hört, kurz bevor eine Selbstmordbombe hochgeht. Dann wird der Islam auf tragische Weise von der Gewalt gekapert.
Derzeit erstarken durch den Kulturkampf auch radikalere Kräfte im Christentum. Die Kirchen beschränken sich indes eher auf das Verbreiten neuer Religionen, die ohne einen Gott daherkommen. Ehemalige Atheisten wie Ayaan Hirsi sehen im Christentum den Schutzwall gegen die zunehmende Islamisierung des Westens (Restoring the West).
Richard Dawkins entgegnete ihr, nachdem sie sich als Christ geoutet hatte, bei einer Diskussion auf einer Veranstaltung in New York (2024), dass sich beide darüber einig seien, dass es sich beim Islam um einen bösartigen Gedankenvirus handelt. Die Frage sei nun, ob man es mit einer milden Form des Virus impft, oder man sagt, überhaupt keinen Virus und eine aufgeklärte Rationalität anstrebt.
Auf zum Eiersuchen.
Kommentare
Neuer Kommentar