Eine Buchrezension
Steven Pinker skizziert im abschließenden Teil des Buches einen Plan mit 5 Punkten, der die Universitäten in den USA vor sich selbst retten soll. Seine eigene, Harvard, schließt er ausdrücklich mit ein: Freie Rede, institutionelle Neutralität, Gewaltfreiheit, Vielfalt der Meinungen, Entmachtung der DEI-Abteilungen (Diversity, Equity, Inclusion). Eigentlich sollten alle diese Werte gerade im akademischen Bereich eine Selbstverständlichkeit sein und DEI-Abteilungen überflüssig. Damit wären wir beim Thema: „Eigentlich“.
Warum Pinker mit seinen Forderungen Recht hat und ein sehr langer, mühsamer und schmerzhafter Weg vor den Universitäten und unserem gesamten Wissenschaftsbetrieb liegt, erklärt das uneingeschränkt empfehlens- und lesenswerte Buch The War on Science.
Worum geht es?
Es geht um einen zentralen Aspekt des Woke-Phänomens, nämlich um die verschiedenen Facetten einer ideologisch-esoterischen Attacke auf den Status der Wissenschaften, deren Institutionen und Ethos. Und damit um einen Frontalangriff auf das Menschheitsprojekt der Aufklärung.
Der Physiker Lawrence Krauss führt als Herausgeber 22 bekannte und renommierte Hochschullehrer und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen als Zeitzeugen und Diagnostiker in diesem Band zusammen. Einige ihrer Essays wurden bereits vorab veröffentlicht, viele sind Originalbeiträge. Sie schildern und belegen zahlreiche Fälle rabiater Angriffe auf die Freiheit von Forschung und Lehre, auf Rede-, Diskussions- und Meinungsfreiheit. Sie kritisieren die Ausrichtung von Berufungs- und Auswahlverfahren an ideologischen Kriterien auf Kosten von wissenschaftlicher Kompetenz und Eignung und die Aushöhlung bzw. Ideologisierung des Verfahrens zur Qualitätssicherung akademischer Veröffentlichungen. Sie zeigen, wie banale und schlechte Argumente zu aberwitzigen Thesen aufgebauscht werden, die dann als „Wissenschaft“ herhalten sollen, um ideologische Absurditäten zu untermauern oder seriöse Theorien zu untergraben. Sie erklären, wie dieses groteske Klima der Einschüchterung, der Zensur, des Duckmäusertums und der ideologischen Dominanz entstehen konnte, wie Menschen darunter zu leiden hatten und immer noch schikaniert werden. Und sie machen wie Steven Pinker konkrete Vorschläge, wie sich Universitäten und Wissenschaft aus diesem Schlamassel wieder herausarbeiten können.
Zum Glück ist die Lage aufs Ganze betrachtet an unseren Universitäten (noch?) nicht so schlimm wie generell an den angelsächsischen und speziell in den USA. Aber genau deshalb ist dieses Buch für uns so wichtig: Es ist Weckruf, Warnung und Ermutigung, uns entschlossen für eine von der Aufklärung geprägte Wissenschaftskultur einzusetzen und dem Woke-Phänomen in all seinen irrationalen Facetten konsequent entgegenzutreten. Obwohl Peak Woke meiner Ansicht nach hinter uns liegt, dürfen wir diese Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nehmen. Dafür ist der woke Religionsersatz noch zu etabliert, der Wissenschaftsbetrieb viel zu stark international vernetzt - und viel zu wichtig![1]
Beispiele und Themen
Richard Dawkins erinnert in seinem einführenden Beitrag daran[2], welche enormen Erfolge seit der wissenschaftlichen Revolution unser Leben verbessert und unseren Horizont erweitert haben. Und er zeigt an zwei konkreten Beispielen, dass und warum das keine Selbstverständlichkeit war und ist.
Lysenko hat aus ideologischem Fanatismus unter Stalin eine pseudowissenschaftliche Alternative zur Genetik vertreten und mit aller Gewalt - das ist durchaus wörtlich zu verstehen - durchgesetzt. Mit verheerenden Resultaten und Millionen von Toten durch Fehlernten und Hungersnöte: Hier ist ein ideologisches bzw. soziales Konstrukt an der Realität komplett gescheitert.
Dawkins’ zweites Beispiel ist die aktuelle These, biologische Zweigeschlechtlichkeit sei lediglich ein „soziales Konstrukt“ und könne, solle oder müsse sogar durch mehrere Geschlechter oder ein ganzes Geschlechtskontinuum ersetzt werden; die Selbstkategorisierung erfolge dann durch eine Art innerer Wahrnehmung. Man könnte darüber lachen, würden nicht einflussreiche Organisationen wie die American Medical Association und viele andere genau das in offiziellen Dokumenten behaupten, im akademischen Lehrbetrieb und Leitlinien verankern und abweichende Meinungen sanktionieren.
Der Physiker und Mathematiker Alan Sokal zeigt am Beispiel der Zeitschrift Nature, wie ideologische Vorgaben den Veröffentlichungsprozess und damit den Gang der Wissenschaft verzerren. In Anlehnung an John Stuart Mill erklärt er dann, warum das fatal ist: Zensur verhindert, dass wir Irrtum durch Erkenntnis ersetzen und unsere wahren Überzeugungen und Theorien durch kontroverse Diskussionen immer weiter schärfen, besser verstehen und sichern.
Der Historiker Niall Ferguson nimmt die skandalösen antisemitischen Vorfälle ab Oktober 2023 in Harvard und deren Aufarbeitung im Kongress der USA zum Anlass, eine warnende Parallele zum Fall der seinerzeit weltweit führenden Universitäten in Deutschland unter den Wahn des Nationalsozialismus zu entwickeln: Wissenschaft und ihre Werte brauchen entschlossene Verteidiger gegen Ideologien und Esoterik von Links und Rechts.
Jerry Coyne und Luana S. Maroja schildern anhand sechs konkreter Beispiele die woken Versuche die Biologie zu ideologisieren, Forschung einzuschränken, Ergebnisse zu diskreditieren. Sie kommentieren auch den Versuch, indigene Formen des Wissens und der Weltsicht (inklusive deren religiösen Fundamentes) den Naturwissenschaften erkenntnistheoretisch gleichzustellen und damit letztere als lediglich eine Sicht von vielen gleichermaßen aussagekräftigen auf unsere Welt zu trivialisieren.[3]
Der Angriff auf die Wissenschaft und ihre Werte wurde im angelsächsischen Universitätsbetrieb in Form von ausufernden DEI-Abteilungen konsequent institutionalisiert, bürokratisiert und im Alltag verankert. Mit den grotesken Auswüchsen und Besonderheiten dieser Kontroll- und Zensurbürokratie setzen sich die Professoren Geoff Horsman (Chemie und Biochemie), Alessandro Strumia (Physik - seine kafkaesken Erlebnisse spielen am CERN!), Roger Cohen (Medizin) und Amy Wax (Rechtswissenschaften) auseinander. Ich bin sicher, dass nicht nur ich bei der Lektüre ihrer Analysen an Orwells 1984 denken muss und gebe zu, dass ich als Philosoph und Logiker mit der Vorgabe überfordert wäre, die mathematische Logik oder Mengentheorie zu de- oder entkolonialisieren.
Einer der zentralen Brennpunkte des Woke-Phänomens ist die Genderdebatte. Die Soziologin Sullivan, die Erziehungswissenschaftlerin Suissa und die Philosophen Byrne und Gorin zeigen und belegen in ihren Beiträgen sehr anschaulich und detailliert, wie fahrlässig einseitig, oberflächlich, ideologisch verzerrt und im Grunde verantwortungslos die akademische Diskussion zum affirmativen Behandlungsmodell für Trans-Kinder und -Jugendliche in weiten Teilen läuft. Kritische Argumente und Daten wurden unterdrückt bzw. einfach ignoriert, schlechte Studien immer und immer wieder als „Beweise“ angeführt, fundamentale Rationalitäts- und Moralstandards einfach missachtet und seriöse Kritiker als „transphob“ diffamiert. Zum Glück wurde dieses affirmative Modell von vielen Regierungen mittlerweile verboten oder stark eingeschränkt - leider viel zu spät.[4]
Fazit und Einordnung
Wir haben gute Gründe, dieses Buch sehr ernst zu nehmen. Wissenschaftler wie Dawkins, Krauss, Coyne, Fergusson, Strumia oder Byrne sind Schwergewichte ihres Faches, keine nach Aufmerksamkeit heischenden Randfiguren. Die Autoren des Buches sind weder „rechte Kulturkrieger“ noch MAGA-Aktivisten, sondern schlicht und einfach um die Wissenschaft und deren Entwicklungsgang zu Recht besorgte Hochschullehrer, Experten - und Bürger. Ich nehme an, sie werden sich auch zu Trumps universitätspolitischen Vorhaben laut und kritisch zu Wort melden; Steven Pinker und andere haben das schon getan, auch Krauss geht als Herausgeber darauf ein.
Besonders besorgniserregend war für mich während der letzten Jahre, wie viele aus unserem säkularen und religionskritischen Lager auf den woken Unfug hereingefallen sind. Sie haben plötzlich Aussagen und Thesen verteidigt und verbreitet, die sie noch hart kritisiert haben, als sie im religiösen Gewand daherkamen. Sie haben versucht, renommierte Atheisten wie Dawkins und Coyne zu diffamieren und zu zensieren. Sie haben mit Vehemenz für Thesen gestritten, die mit der Evolutionstheorie unvereinbar sind und sämtliche Rationalitätsstandards von einem Tag auf den anderen schwungvoll über Bord gekippt. Ganz zu schweigen von Anstand und intellektueller Redlichkeit. Wir brauchen dringend eine Debatte, wie das passieren konnte und welche Lehren wir daraus ziehen müssen.
Schließlich führt dieses Buch uns klar und deutlich vor Augen, was von woker Seite immer wieder bestritten wird: Wir haben es tatsächlich mit einem strategisch angelegten, systematischen und sehr gefährlichen Angriff auf die Wissenschaft und ihre Institutionen zu tun. Es geht eben nicht nur um ein paar harmlose Einzelfälle politisch eigentlich gut gemeinten Übereifers, um typisch studentischen und jugendlichen Überschwang, um harmlose Stilblüten einer traditionell eher linken Universitätskultur oder um Wehleidigkeiten konservativer Randfiguren, die nicht mit Kritik umgehen können. Es geht im Kampf gegen das Woke-Phänomen tatsächlich um das Fundament unserer Zivilisation und Gesellschaftsordnung: Das Menschheitsprojekt der Aufklärung.
Ich bedanke mich bei Lawrence Krauss und den Autoren für ihren Einsatz und ihre Zivilcourage und bei der Richard Dawkins Foundation dafür, dass sie von Anfang an ein verlässlicher und unerschütterlicher rationaler Felsen in der Brandung woken Irrwitzes war.
Fußnoten
[1] Die Parallele zum Phänomen der Religion arbeitet John McWhorter sehr anschaulich in diesem Buch heraus: Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America. (Portfolio/Penguin, 2021).
[2] Ein Auszug von Richard Dawkins‘ Beitrag in deutscher Übersetzung: Warum Männer sich von Frauen unterscheiden
[3] Siehe hierzu auch Dr. Andreas Edmüller - Das Woke-Phänomen (Januar 2024) und Jerry A. Coyne und Luana S. Maroja: Die ideologische Unterwanderung der Biologie
[4] Siehe hierzu auch Der Trans-Komplex (Interview mit Till Randolf Amelung)
Interviews mit auswählten Autoren des Buches. Den Anfang machte Richard Dawkins: Der Krieg gegen die Wissenschaft.
The War on Science: Richard Dawkins, Steven Pinker, and Other Renowed Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry and the Scientific Process
(Swif Press, Forum, 25. September 2025)
Amazon Deutschland: The War on Science

Kommentare
Der US-amerikanische emeritierte Biologie-Professor Jerry Coyne hat auf seinem Blog verschiedene Reaktionen zum Buch zusammengefasst. Eine heftige Krtik, die immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird, lautet: "Trump/MAGA/Die Reps sind viel schlimmer! Mit denen hättet ihr beschäftigen sollen!", siehe der Link.
Worauf Coyne mit einer Engelsgeduld entgegnet, dass diese Kritik fehlgeht, da das Buch in 2023/2024 (vor Wahl von Trump) zusammengestellt wurde, als der intersektionale/identitätspolitische Aktivismus an den US-amerikanischen Hochschulen seinen Höhepunkt feierte und der Siegeszug (noch) unaufhaltsam schien.
https://whyevolutionistrue.com/?s=The+War+on+Science&orderby=relevance&order=DESC&post_type=post
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"Frontalangriff auf das Menschheitsprojekt der Aufklärung"
Es geht um etwas viel, viel Größeres: darum, dass Andreas Edmüller die größte Verschwörung, die es je gab, von Anfang durchschaut hat. Gut, dass er jetzt Unterstützung von Donald Trump bekommt und endlich mit den Woken aufgeräumt wird!
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Warum bin ich nicht überrascht, dass so ein Kommentar kommen musste? Die gleiche unqualifizierte hämische Rektion wie auf Jerry Coynes Blog.
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du bist doch sicher auch dafür den Linken und den Woken eine Lektion zu erteilen - die müssen weg! Andreas Erdmüller ist hier der Wegbereiter!
Ich wüsste nicht, dass wir Brüderschaft getrunken haben, Frankie-Boy, und uns dabei das gegenseitig das Herz ausgeschüttet haben. ;)
@ RPGNo1
wir Rechts müssen zusammenstehen -nur so können wir die Linken ausschalten!
"Wir brauchen dringend eine Debatte, wie das passieren konnte und welche Lehren wir daraus ziehen müssen."
Soetwas passiert in einer Gesellschaft, wenn Individuen persönliche Motive über die Wahrheit stellen. Und dies geschieht sogar vor laufender Kamera, im Artikel selbst.
"Die Parallele zum Phänomen der Religion"
Hier wird der Wunsch zum Vater des Gedankens. Man kann schlecht Christentum und Islam für ihre Ablehnung der Homosexualität kritisieren - UND gleichzeitig ! - sie als Treiber hinter der Genderdebatte identifizieren.
Dieser Widerspruch ist derart auffällig, dass man sich fragt: Wieso seht ihr das nicht ?
Wer sich für die Ursachen interessiert, der sollte sich eher fragen weshalb der Genderismus in den Ländern der Aufklärung so stark ist - und gerade nicht in den islamischen Ländern oder in Polen, Ungarn, Russland.
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Ich schlage vor, dass Herr Petri und Frank das Trans-Thema hier aus jeweils religiöser bzw. woker Perspektive durchdiskutieren. Da lernen wir alle sicher sehr viel dazu ...
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@ Andreas Edmüller
ich habe bereits von Ihnen gelernt:
Es ist genial, wie Sie Ihre rechte Agenda mit "Wissenschaft" tarnen!
Sind Sie schon Berater von Donald Trump? Leute wie Sie kann er gebrauchen!
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Edmüller stellt hier zum wiederholten Mal die Frage, wieso im säkularen Spektrum so viele auf „woken Unfug“ hereingefallen sind. Ich finde das gar nicht so schwer zu beantworten. Die „säkulare Szene“ ist bekanntlich sehr heterogen, da finden sich Menschen mit sehr unterschiedlichem politischem und sonstigem Background, deren einziger gemeinsamer Nenner die Ablehnung der Religion ist. Ich finde es nicht verwunderlich, dass da auch Leute mit einer geistes– oder sozialwissenschaftlichen Sozialisation dabei sind, die die in diesen akademischen Milieus dominanten postmodernen Ideen verinnerlicht haben.
Das dabei ein gewisser Doppelstandard bei der Kritik zum Vorschein kommt, ist richtig. Aber auch das ist nichts Neues. Ich bin in säkularen Zusammenhängen auch schon Menschen begegnet, die religiösen Irrationalismus vehement kritisieren, Irrationalismus, der im rein säkularen Gewand daherkommt – etwa in Form von Verschwörungsdenken – aber überhaupt nicht als solchen erkennen. Eine anti–religiöse Haltung allein reicht eben nicht aus, es braucht generell die Fähigkeit zum kritischen Denken.
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@ malte
willkommen Im Club der Rechten!
Wir können Unterstützer wie dich gebrauchen, Malte!
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Hallo Malte,
ich kenne die säkulare Szene nicht sehr gut, bin nirgends MItglied und habe nur begrenzt Kontakte. Ihre Antwort ist so einfach wie plausibel und naheliegend und sicher ein Teil der Erklärung. Der Philosoph Jason Brennan nennt das von Ihnen skizzierte Phänomen in der Politik "politischen Hooliganismus". Und die von Ihnen angesprochene "Kompartementalisierung rationalen Denkens" habe ich auch schon oft beobachten müssen. Das gibt es immer wieder - auch an Universitäten und im Wissenschaftsbetrieb.
Allerdings hatte ich eigentlich immer den Eindruck, dass die Aufklärung und ihre Werte deutlich mehr als Beiwerk im säkularen Bereich sind. Viele säkulare Vereinigungen haben einen wissenschaftlichen Beirat, bieten regelmäßig Seminare zu entsprechenden Themen an und engagieren sich für die normative Seite der Aufklärung: Wissenschaftstfreiheit, Rede-, Diskussions-, Meinungs- und Religionsfreiheit etc. Ich hätte da deutlich mehr Standfestigkeit bzw. kontroverse Debatten erwartet. Oder etwas Selbstreflexion nach dem Motto: "Jetzt haben wir jahrelang den Religiösen die Evolutionstheorie um die Ohren gehauen, alle Gottesbeweisversuche zerfieselt und immer wieder die "religiöse Moral" als Chimäre erwiesen. Da können wir doch nicht einfach über Nacht den Märchengeschichten einer Judith Butler nachlaufen oder Islam-Apologetik betreiben ... zumindest nicht ohne intensive Debatte!"
Ein trauriger Höhepunkt war für mich die Affäre um Jerry Coyne bei der Freedom From Religion Foundation. Nachdem er gecancelt wurde sind Pinker, Dawkins, er und andere aus dem wissenschaftlichen Beirat zurückgetreten. Daraufhin haben die diesen Beirat einfach aufgelöst! Wenn Wissenschaft stört - weg damit! Da braucht niemand mit dem Finger auf Theologen und Religiöse zeigen; wir haben genug Diskussionsbedarf im säkularen Lager.
Zum Glück gibt es einige wenige positive Beispiele. Die RDF hat nie auch nur einen Millimeter gewackelt: Chapeau an das ganze Team!
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@ Andreas Edmüller
"Zum Glück gibt es einige wenige positive Beispiele. Die RDF hat nie auch nur einen Millimeter gewackelt: Chapeau an das ganze Team!"
Donald Trump, Elon Musk und andere wackeln auch keinen Millimeter! Und die "Aufklärung" wird ja auch schon als Alleinstellungsmerkmal des Westen gefeiert: all das woke Zeug wird jetzt in den USA aus den Museen geräumt. In einigen Jahren weiß keiner mehr, daß Amerika schon vor Columbus besiedelt war.
Dann gibt’s die große "Aufklärungs"-Party, ich hoffe Andreas Edmüller ist dabei, ich bin eigentlich sicher.
@Andreas Edmüller
Die mangelnde "Standfestigkeit" ist sicherlich auch einem Abgrenzungsbedürfnis geschuldet. Die Kritik an Kulturrelativismus, Postkolonialismus, Queer Theory usw. wird in den USA stark mit der MAGA-Bewegung identifiziert, und zu dieser möchte man auf maximale Distanz gehen.
Meiner Meinung nach war das auch bei den Streitigkeiten innerhalb der GWUP das Entscheidende. Die wenigsten der Leute, die der "woken Fraktion" zugeordnet wurden, sind tatsächlich Anhänger des "Angewandten Postmodernismus". Die meisten sind Menschen, die Angst haben, "in die falsche Ecke gestellt zu werden" oder "den Rechten Munition zu liefern" und deshalb die kritische Auseinandersetzung mit den besagten Ideen scheuen.
Diese "Abgrenzeritis" ist eine ziemlich schlechte Strategie, weil man den Rechten damit letztlich eher hilft. Aber diese Erkenntnis ist bei vielen noch nicht angekommen.
Ich verstehe nicht, warum sich die Debatte in separate Themen aufsplittet: Gender/Sex, Genetik, Biologie im Allgemeinen, Evolution im Besonderen, Traditionen, Kulturen und so weiter. Denn wenn die Debatte wissenschaftlich geführt wird, dann zählt nur eines: der Beweis.
Ob etwas als bewiesen gilt, entscheiden Wissenschaftler anhand der härtesten Kriterien, die man überhaupt errichten kann.
Mir ist keine bessere Methode bekannt. Man kann einen Beweis nicht ersetzen durch eine demokratische Entscheidung, durch Wunschdenken, durch Politik, durch das Umschichten von Budgets, durch Polemik, Geschrei, Kopfschütteln, oder den "Willen des Volkes".
Ich dachte, das wäre offensichtlich?
Wissenschaft soll stets die Chance haben, uns unbequeme Wahrheiten mitzuteilen. Dinge, die wir nicht wahrhaben wollen, die nicht in unser Konzept passen. Beispielsweise kann man ausrechnen, dass die Erde irgendwann an einem Donnerstag in die Sonne stützen wird, und das passt mir überhaupt nicht, da ich donnerstags zum Sport gehe. Aber es wäre ja töricht, wenn ich die Erkenntnis der Wissenschaftler ignorieren würde. Was wäre gewonnen, wenn ich so lange nörgeln würde, bis mir ein Wissenschaftler bestätigt, dass es erst am Freitag geschieht? Es geschieht ja dann doch am Donnerstag, und ich bin angeschmiert.
Ich halte es für völlig abwegig, der Wissenschaft irgendwelche Vorgaben machen zu wollen, was sie uns mitteilt. Ebenso ist es abwegig, die wissenschaftlichen Kriterien aufzuweichen. Dann ist es keine Wissenschaft mehr, sondern Scharlatanerie.
Zwar erkenne ich an, dass viele Gruppen zum Ziel haben, die Welt besser zu machen. Aber was heißt "besser"? Letztlich sind wir Affen auf einem rotierenden Felsen im All, und das ist nach allen mir bekannten Maßstäben ziemlich scheiße. Es wird nicht "besser", wenn wir herausfinden, dass es drei Geschlechter gibt statt zwei. Die Wissenschaft sagt aber, es gibt nur zwei, und ich frage mich, was es daran zu nörgeln gibt? Dann sind es eben nur zwei! Und dann machen wir eben das Beste daraus! — Man kann sich doch nicht bei den Wissenschaftlern beschweren und sagen, naja, eigentlich hätten wir lieber drei, kann da noch was drehen? Und die Wissenschaft sagt dann, naja, dann sind es eben drei!
Die Wissenschaft vermittelt uns die Fakten, auf die sich alle Teilnehmer einer Debatte berufen müssen. Es bleibt dann noch genug zum Streiten übrig. Wenn uns die Katastrophe der Religionen eins gelehrt haben, dann dass sich vernünftige Menschen immer auf die zugrundeliegenden prüfbaren Fakten einigen können und müssen. Das ist unsere gemeinsame Basis. Wenn wir die Fakten zu einer "Meinung" degradieren, dann fliegt uns der Laden um die Ohren.
Dass sich die Wissenschaft nun an die Gesellschaft wendet mit einem Hilferuf, dass sie ihre Arbeit nicht mehr ordentlich machen kann (nämlich frei und ergebnisoffen), dann sollte uns das ernsthaft alarmieren. Das geht nicht nur die Wissenschaft an, sondern uns alle.
Deswegen stimme ich Andreas Edmüller zu, wenn er schreibt, es ginge hier um einen "Frontalangriff auf das Menschheitsprojekt der Aufklärung". Seine Formulierung ist nicht zu hoch gegriffen, sondern es wird dadurch klar gegenüber gestellt, um was es geht.
Forschung muss frei, ergebnisoffen und dem Beweis verpflichtet sein, sonst ist es Religion. Religion haben wir bereits ausprobiert, und das Ergebnis war scheiße.
Danke an Andreas Edmüller für den wichtigen Artikel und die lesenswerten (und nicht minder dramatischen) Artikel in den Fußnoten!
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@Jörn Dyck
Wenn wir konsequent, rational zu Ende denken - sind wir dann nicht letztlich 'nur' neurochemische Prozesse im Gehirn - anstatt Affen auf einem Felsen im All ?
Und wenn Ja, ist dann auch unser Gefühl, dass unsere Position X 'richtiger' ist als Position Y, nicht nur bloß eine weitere chemische Reaktion ?
Wie unterscheiden chemische Prozesse richtig von falsch ?
Mich würde die Meinung deiner chemischen Prozesse in Gehirn dazu interessieren.
Oder bin ich ein besonders hoffnungsloser Fall ?
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Hallo Roland, wie meistens enthält eine religiös motivierte Frage ein paar Tricks. Ihr Trick besteht darin, beiläufig zu unterstellen, die grundlegende Funktionsweise des Gehirns sei eine Frage der Meinung. Stattdessen handelt es sich um bewiesene Fakten. Wir wissen exakt, wie eine neuronale Schaltung funktioniert, d.h. wie chemische Reaktionen zu einer informationsverarbeitenden Einheit zusammengefügt werden können.
Aber da Sie mich direkt fragen, kann ich auch direkt antworten: Ja, Sie sind vermutlich ein hoffnungsloser Fall, weil man Ihnen diesen simplen Sachverhalt schon unzählige Male erklärt hat und Sie dennoch der Ansicht sind, ein ganz besonders originelles Argument vorzutragen. Es wäre auch nicht schwer für Sie gewesen, Ihren gesamten Kommentar vor dem Absenden zu ChatGPT zu kopieren, um innerhalb einer halben Sekunde zu erfahren, was an Ihrem Argument falsch ist.
Zu Ihrer Frage: Ja, wir sind Affen auf einem Felsen im All. In unserem Gehirn laufen chemische Prozesse. Sie verwenden den Zusatz "nur", und dort beginnt Ihr Fehler.
Ich könnte fragen: Ist die Bibel letztlich nur ein Haufen Buchstaben? Ist "Mein Kampf" ebenfalls nur ein Haufen Buchstaben? Wie kann dann das eine gut, und das andere schlecht sein? (facepalm)
Ein Buch besteht einerseits aus Buchstaben, aber erst ihre Anordnung und ihre Beziehung zueinander ergibt eine Aussage. Dadurch wird die Feststellung falsch, es handele sich "nur" um Buchstaben. Auf unterster Ebene ist es richtig, aber es gibt nicht nur diese unterste Ebene.
Deswegen ist Ihre Frage: "Wie unterscheiden chemische Prozesse richtig von falsch?" ziemlich töricht. Denn es ist offensichtlich, dass es nicht die chemischen Prozesse sind, die eine Schlussfolgerung anhand von Regeln ziehen können; sondern es ist deren Kombination in einem sehr komplexen Konstrukt.
Wenn man sich die Einzelteile eines Flugzeugs betrachtet, findet man nur Bleche und Schrauben. Aber Bleche und Schrauben können nicht fliegen. Warum fliegt es also? Es ist das Konstrukt, das fliegt.
Nicht das chemische Molekül denkt, sondern das Konstrukt, das es zu bilden hilft. Es bildet eine informationsverarbeitende Einheit. Erst diese Einheit kann über richtig oder falsch nachdenken.
Bei Lebewesen spielt die Wechselwirkung mit der Umwelt eine entscheidende Rolle. Erst dadurch entsteht ein Kriterium für "Richtig" und "Falsch". Ob es für eine Antilope "richtig" ist, dem Löwen davonzulaufen, hängt von den Umständen ab, innerhalb derer sich die Antilope bewähren muss. Deswegen lernt die Antilope, dem Löwen davonzulaufen. Wenn es funktioniert, gilt es als "richtig". Als "richtig" bezeichnet man hier die Übereinstimmung eines Modells (also unseres Abbilds der Welt im Gehirn) mit der Realität.
Das Nachdenken über die Konsequenzen (weglaufen oder nicht) kann komplexer werden. Menschen berücksichtigen weitere Faktoren, die manchmal ihrem Überleben sogar entgegenstehen.
Man kann daran sehen, wie aus sehr einfachen Grundprinzipien immer komplexer werdende Prozesse gebildet werden können.
@ Roland Petri
worauf wollen Sie hinaus?
Andreas Erdmüller geht es darum, die Überlegenheit der "Aufklärung" - und damit des Westens - aufzuzeigen. Er löst auf diese Weise elegant das Problem "White Supremacy": das darf man heute nicht mehr sagen, "Aufklärung" hat einen viel besseren Ruf. Und Andreas Erdmüller ruft ganz laut "Aufklärung"!
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@Frank
Edmüller; nicht Erdmüller. Ich möchte von Jörn wissen, wie er seine Rationalität verteidigen will, ohne eine neue Religion zu gründen. Also ohne Annahmen zu machen.
Antworten
@ Jörn Dyck
Ich habe tatsächlich vor- und nach meiner Frage mit Claude zusammen gearbeitet und auch Sie hätten besser diese Zeit investiert.
Die Antwort der KI ist zu lang um sie hier zu posten und der Artikel von Herrn Edmüller ist auch der falsche Ort.
Wer sich dafür interessiert findet sie hier
Antworten
The War on Science: A Book Event with Lawrence M. Krauss With Joshua T. Katz | Sally Satel | M. Anthony Mills | Carole Hooven
https://www.youtube.com/watch?v=DriYwcV4_4s
Antworten
Richard Dawkins, Lawrence Krauss, & More | War on Science Author Panel Discussion
https://www.youtube.com/watch?v=E_jYxaGmGxk
Antworten
Ein Essay von Jonas Schaible vom 15.01.25 im Spiegel.
"Das Brecheisen der autoritären Rechten
Eine linke Cancel-Culture gefährdet die freie Rede: Das ist ein Mythos, den die extreme Rechte nutzt, um Macht zu gewinnen. Und wer die »Meinungsfreiheit« am lautesten verteidigt, ist oft ihr ärgster Feind".
https://archive.is/icdrl
Herr Schaible knöpft sich darin auch "The War on Science" vor. Sein Vorwurf?
"Während die Rechten in der US-Regierung die Hochschulen knechten, erschien in den USA Ende Juli das Buch »The War on Science« mit Starautoren wie Steven Pinker. Darin geht es mal wieder ausführlich um »Gender Wars« und Cancel-Culture."
Herr Schaible sollte seinen Job als Journalist ernster nehmen und gründlicher recherchieren, bevor so eine Behauptung in den Raum stellt. Wie ich bereits im meinem Anfangskommentar schrib, wurde das Buch "The War on Science" konzipiert, als der linke identitätspolitische Aktivismus (mit all seinen negativen Begleiterscheinungen wie Canceln) in den USA und vielen anderen westlichen Staaten auf dem Höhepunkt war (ca. 2023/2024) und bevor Trump dann im November 2024 gewählt wurde. Die an dem Sammelband beteiligten Autoren haben diesen Verhalt mehrfach aufgeklärt.
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